Kommentar von
Jörg Schiffeler

Fachkräftesicherung Ohne clevere Eigenreklame kommt kein Arbeitgeber aus

Dienstag, 05. Juni 2018
Suchen Sie nach einer Verstärkung für Ihr Team? Dann haben Sie es schwer. Nicht nur Deutschlands Unternehmen, sondern auch vielen Behörden fehlt es an Fachkräften und am Nachwuchs.

Es gibt keinen Wirtschaftszweig, der nicht nach neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sucht. Dank brummender Konjunktur sind die Auftragsbücher voll, der Bedarf an Personal ist groß. Immer öfter können Bestellungen nur mit Verzögerungen ausgeführt werden, weil die Betriebe um die begehrten Fachkräfte buhlen. Wer plant eine Produktionsstätte umzusiedeln, muss einkalkulieren welchen Weg die Belegschaft bereit ist, mitzukommen. In der vergangenen Woche machten die Logistiker von sich reden, weil bundesweit Fahrer fehlen. Fleischer – egal, ob „klein“ oder „groß“ – kennen das aus eigener Erfahrung, denn nicht selten verspätet sich eine Lieferung durch den Zustelldienst. Doch woher nun die Talente nehmen, die überall so dringend gebraucht werden?

Bevor wir aber die Suche nach geeignetem Personal starten, scheint es angebracht, einen Perspektivwechsel zu vollziehen. Wir dürfen uns nicht mehr darauf verlassen, dass sich Job-Interessenten bei uns melden. Vielmehr müssen wir uns bei den gewünschten Zielgruppen bewerben. Wer das versteht und verinnerlicht, wird sich bei der Besetzung von Stellen etwas leichter tun. Das gelingt umso besser, je deutlicher die Pluspunkte des Arbeitgebers zu erkennen sind. Schließlich ist die Auswahl für die Suchenden riesig.

Zahlreiche Unternehmen haben das erkannt und ihr Recruiting neu ausgerichtet. Damit die Neuaufstellung am Ende auch von Erfolg gekrönt wird, müssen Meister, Personalverantwortliche und Chefs mehr über die jungen Leute von heute wissen: Wie sie ticken, was ist ihnen wichtig? Wer die Bedürfnisse der nachfolgenden Generation kennt, weiß worauf es ankommt. Die Qualität der Lehre ist ein wichtiges Entscheidungskriterium für einen Ausbildungsplatz.

Berufseinsteiger möchten in der digitalisierten Welt schneller als früher „echte“ Aufgaben wahrnehmen und nicht als „billiger Jakob“ nur Hilfstätigkeiten ausführen. Und die Freizeit bekommt bei jedem Beschäftigten einen immer höheren Stellenwert. Gerade davon können die Fleischer sogar profitieren. Denn Regionalität spielt auch in der beruflichen Ausbildung eine starke Rolle, wie die Untersuchung von afz-Förderpreisträgerin Katharina Schober und Coach Rainer Gardyan in der afz 23/2018 zeigt. Die Nähe zum Wohnort ist ein entscheidender Faktor. Kurze Wege zum Arbeitsplatz oder zur Lehrstelle sind wertvoll, weil keine Zeit fürs Bahnfahren oder für das Anstellen im Stau vergeudet wird.

Allein darauf sollten sich die fleischerhandwerklichen Betriebe jedoch nicht verlassen. Es gilt, sich selbst als Meister und die Metzgerei zu öffnen. Bringen Sie auf den Punkt, was Azubis bei Ihnen erwarten dürfen: Beispielsweise geregelte Arbeitszeiten, ein familiär geprägtes Betriebsklima, Übernahmegarantie und Zukunftschancen – bei guter Leistung vielleicht ein Smartphone. Die Möglichkeiten sind unendlich, wenn man einmal beginnt, nachzudenken. Zurücklehnen geht nicht, denn Personalsuche ist im Handwerk Chefsache und vor allem ein Investment zur Sicherung der Überlebensfähigkeit des eigenen Betriebs. Und das macht Arbeit.

„Gutes Marketing zahlt sich mindestens zweidimensional aus: Es spricht ebenso Kunden an wie interessierte Jobsuchende.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Das entwickeln einer Marketingstrategie zählt nicht zu den Lieblingsaufgaben von Meistern, weil das Kuttern einer Wurst näher liegt. Gutes Marketing zahlt sich mindestens zweidimensional aus: Es spricht ebenso Kunden an wie interessierte Jobsuchende. Die Teilnahme an Berufsmessen, die Präsenz bei Jobbörsen, auf Social Media Kanälen, der Vortrag in der Schule, das Durchführen von Schnuppertagen und Praktika sind deshalb Pflicht und keine Last. Bei der Suche nach Fachkräften setzen clevere Fleischer auf alle Kanäle. Insgesamt müssen noch viel mehr Betriebe lernen, wie sie alle Register ziehen. Es wird Zeit, denn schon bald startet ein neues Ausbildungsjahr.

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