Fachkräftesicherung Heimatlos heißt nicht chancenlos

Donnerstag, 27. Juli 2017
Finden ihre Ausbildungschance und die Berufsmöglichkeiten im Fleischerhandwerk Spitze und fühlen sich in Deutschland wohl: Akbar, Abdoulie und Kamiran.
Foto: pgö
Finden ihre Ausbildungschance und die Berufsmöglichkeiten im Fleischerhandwerk Spitze und fühlen sich in Deutschland wohl: Akbar, Abdoulie und Kamiran.

Flüchtlinge haben Chancen im Handwerk. Eindrucksvoll unter Beweis stellen das drei junge Männer: Abdoulie, Akbar und Kamiran.

Die Stuttgarter Hoppenlau-Schule ist überaus aktiv, wenn es um die Ausbildung junger Flüchtlinge geht. Sie wirbt in Asylbewerberheimen um Praktikanten für Handwerksbetriebe, die – wenn Ausbilder und Lernwilliger zustimmen – im Anschluss sogar einen Ausbildungsplatz angeboten bekommen.

Der Nachweis eines Hauptschulabschlusses ist bei dem Projekt nicht erforderlich. Denn zum einen sind die Schulsysteme der Herkunftsländer nicht mit dem deutschen vergleichbar, zum anderen fehlen den jungen Flüchtlingen in den meisten Fällen die nötigen Papiere oder die Anerkennung vorliegender Bescheinigungen.

In einer einjährigen Qualifizierung in einer sogenannten „Vabo“-Klasse (Vorqualifizierung Arbeit und Beruf ohne oder mit wenig Deutschkenntnissen) wird die Ausbildungsreife für einen Nahrungsberuf vermittelt. Dort werden die jungen Leute in allgemeinbildenden und berufsbezogenen Fächern unterrichtet. Deutsch ist dabei gängiges Unterrichtsprinzip. Die reguläre Ausbildung beginnt dann mit dem neuen Schuljahr im September.

Der große Vorteil des Lernens beim Arbeiten besteht darin, dass vom ersten Tag an Fachbegriffe vermittelt werden. „Die wissen alle, was ein Kutter und was ein Schlesinger ist“, bestätigt Fachpädagogin Petra Hanser-Cichos. Damit wird die Zusammenarbeit in den Betrieben deutlich erleichtert, und die Verständigung klappt nach kurzer Zeit auch im fachlichen Bereich reibungslos. Je nach Sprachstand gehen die Schüler von Beginn an einen Tag in der Woche in ein Praktikum. Nach einem einwöchigen Blockpraktikum im April und Mai fällt die Entscheidung für oder gegen eine Ausbildung.

Wer auf Halal-Schlachtung besteht, scheidet als Bewerber aus

Probleme mit Religionen, in denen der Umgang mit Schweinefleisch nicht gestattet ist, gibt es nicht, erklärt Hanser-Cichos. „Wer kein Schwein anfasst oder auf Halal-Schlachtung besteht, ist für unsere Metzgereien ohnehin kein geeigneter Bewerber. Schweinefleisch und Schlachtungen nach dem deutschen Tierschutzgesetz sind die Basics im Fleischerhandwerk. Interessenten, die damit Probleme haben, schlagen wir den Ausbildungsbetrieben gar nicht erst vor.“

Wenn ein ausbildungswilliger und -fähiger Bewerber fürs Fleischerhandwerk gefunden ist, geht für die Fachlehrerin die Telefonrecherche los: Sie setzt sich mit Betrieben in Verbindung, die nach ihrer Kenntnis Azubis suchen. Weil sie die Ausbilder in der Region Stuttgart persönlich gut kennt, kann sie leicht einschätzen, wo die Chemie zwischen Meister und Azubi stimmen könnte.
Hoppenlau - Bundespräsident
(Bild: mm)

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Für ein Praktikum lassen sich die Chefs meist leicht begeistern. Hanser-Cichos: „Schließlich können sie dadurch nur gewinnen.“ Wenn‘s im Praktikum gut läuft, wird ein Ausbildungsvertrag abgeschlossen. Diese Prozedur ist erforderlich, damit der Bewerber von der Ausländerbehörde die Genehmigung erhält, mit der Ausbildung zu beginnen. Das Projekt läuft nun seit drei Jahren. In dieser Zeit wurden an der Hoppenlau-Schule etwa 150 Asylbewerber unterrichtet und in Handwerksbetrieben zu Metzgern, Bäckern, Köchen, Sanitärhandwerkern oder Malern ausgebildet.

Abbrecher gab es kaum, weiß die Stuttgarter Fachlehrerin: „Wer sich für Schule, Praktikum und Ausbildung entscheidet, bleibt in der Regel dabei.“ Innerhalb der Schulgemeinschaft ist die Akzeptanz für die Neuankömmlinge groß. Rasch entwickeln sich Freundschaften und ein kameradschaftliches Miteinander. Das mag auch daran liegen, dass keine separaten Unterrichtsräume für die Asylsuchenden eingerichtet wurden, sondern eine gemeinsame Beschulung stattfindet.

In den Handwerksbetrieben seien die jungen Menschen gut untergebracht, beobachtet Hanser-Cichos. Die meisten haben alles verloren, auch persönliche Bindungen. Da sind die Ausbilder fast wie eine Ersatzfamilie, geben Rückhalt und Unterstützung. Die Aufgaben der Pädagogen umfassen mittlerweile auch die soziale Betreuung: Denn sie unterstützen ihre Schützlinge menschlich, moralisch und im Umgang mit Behörden. Denn gerade in der Bürokratie gibt es viele Hürden und manche schwer nachvollziehbare Entscheidung.

Ein Beispiel: Ein Fleischergeselle im zweiten Lehrjahr, der von seiner Ausbildungsvergütung lebte und gut integriert war, erhielt einen ablehnenden Asylbescheid. Deshalb wurde ihm ein Beschäftigungsverbot auferlegt, obwohl ihn sein Ausbilder gern behalten hätte. Abgeschoben wurde er zwar nicht, weil sein Herkunftsland derzeit als nicht sicher eingestuft ist. Aber der Absturz des jungen Manns war tief: vom anerkannten Azubi mit Zukunftsperspektiven und privater Unterkunft hin zum beschäftigungslos Geduldeten im Heim.

Ämter sollten schneller entscheiden

In einem anderen Fall wohnte ein Jugendlicher bei Verwandten. Als er 18 Jahre alt wurde, musste er zurück in ein Aufnahmelager ziehen und das Asylverfahren neu durchlaufen. „Durch solche Entscheidungen werden die jungen Leute in die Illegalität, oft sogar in die Kriminalität getrieben“, bedauert Petra Hanser-Cichos. Sie wünscht sich für ihre Schützlinge schnellere Entscheide der Ämter, eine klare Linie und konsequentes Handeln – nötigenfalls auch die konsequente Abschiebung, wenn Aufnahme oder Integration unmöglich sind.

Auch die Lehrbetriebe brauchen Planungssicherheit. Schließlich ist eine Ausbildung vergleichbar mit einer Investition, die sie nicht vergeblich tätigen wollen, sondern mit dem Ziel anbieten, qualifizierte Fachkräfte auszubilden. Der Dialog zwischen Behörden und Schule gestalte sich schwierig, berichtet Hanser-Cichos. Man wisse im Voraus nicht, ob eine angebotene Ausbildung genehmigt werde oder nicht. Der sogenannte „3+2-Schutz“ – das Bleiberecht für die dreijährige Ausbildung und zwei Gesellenjahre in Arbeit – greift nicht in allen Fällen. Was, wann, warum oder wie entschieden wird, erschließt sich kaum und hinterlässt einen großen Verunsicherungsfaktor bei allen Beteiligten.

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