Fachkräftesicherung Mit einem Lächeln an die Arbeit

Donnerstag, 20. August 2015
Verstehen sich prima: Ausbilder Sebastian Schrotter aus Stuttgart und sein gambischer Auszubildender Bubacar Marone.
Foto: pgö
Verstehen sich prima: Ausbilder Sebastian Schrotter aus Stuttgart und sein gambischer Auszubildender Bubacar Marone.

Bubacar Marone strahlt und steht mit seinem jungen Chef Sebastian Schrotter aus Stuttgart im Schulterschluss. Der Fleischermeister und der Azubi mögen und verstehen sich, und der 19-jährige Gambier spricht auch schon recht gut Deutsch.

Während seiner Ausbildung zum Fleischergesellen bei dem Fleisch- und Wurstgroßhandelsunternehmen Schrotter besucht Bubacar Marone den Deutschunterricht an der Stuttgarter Hoppenlau-Schule, die ihm auch seine Lehrstelle vermittelt hat. Schulleiter Gerald Machner erklärt: „Im Schuljahr 2014/15 richteten wir an unserer Gewerblichen Schule zwei Klassen ein, in denen den Schülern schwerpunktmäßig Deutschkenntnisse vermittelt werden.“ Die sogenannte Flüchtlings- oder Vabo-Klasse bereitet die jungen Leute überdies auf die Arbeitswelt und Berufsausbildung in Mangelberufen vor.



Die Schülerinnen und Schüler kommen aus unterschiedlichen Ländern, aus Afghanistan, Eritrea, Ghana, Iran, Irak, Kamerun, Somalia, Syrien oder aus Gambia. Sie alle haben traumatische Erlebnisse hinter sich, auch Bubacar Marone, der im Alter von 17 Jahren ganz allein aus seinem Heimatland floh und sich bis nach Deutschland durchschlug.

Gerald Machner kennt viele dieser Geschichten aus den Erzählungen seiner Schützlinge. Sie sind so unterschiedlich wie deren Herkunftsländer, oft aber sehr ähnlich. Immer geht es um Armut, Hoffnungslosigkeit, Perspektivlosigkeit, aber auch um Korruption, Angst und Bedrohung. Und um die Idee, das Heil in der Flucht zu suchen, in einem europäischen Land Unterschlupf und die Aussicht auf ein neues Leben zu finden, auf ein Leben in Wohlstand.

Allen Schülerinnen und Schülern der Vabo-Klassen gleich ist der unbedingte Wille, ihr Ziel zu erreichen – aber nicht durch Almosen oder Geschenke, sondern durch Qualifizierung und eigene Arbeitsleistung. Dafür besuchen sie den Unterricht, lernen Deutsch, machen Praktika und beginnen eine Ausbildung. Für die Dauer der Lehrzeit ist ihre Abschiebung ausgeschlossen. Das vermittelt sowohl ihnen selbst als auch den Betrieben, die ihnen einen Ausbildungsplatz bieten, mehr Sicherheit und eine Perspektive.

Acht Verträge abgeschlossen

Acht Betriebsinhaber aus der Region Stuttgart ließen sich auf das Experiment ein, das ihnen von Machner und der Fachlehrerin Petra Hanser-Cichos während einer Innungsversammlung vorgestellt worden war. Sie luden Schüler aus der „Flüchtlingsklasse“ zu einem Praktikum ein. Acht Lehrverträge wurden daraufhin abgeschlossen, einer davon im Betrieb Schrotter.

Die Azubis besuchen während der Lehre weiter einmal wöchentlich den Deutschunterricht, überdies werden sie regulär beschult. Die Jugendlichen aus der Hoppenlau-Schule akzeptierten ihre ausländischen Mitschüler sehr gut, das Miteinander verlaufe völlig konfliktfrei, berichtet der Schulleiter. Er stellt zudem fest, dass Lerneifer und Ausbildungswille der Flüchtlinge die anderen Schüler beeindrucken und sie sogar motivieren. Die Erlebnisse, die ihnen die jungen Menschen aus fernen Ländern schildern, hinterlassen nachhaltige Eindrücke und haben einen positiven Einfluss auf deren Integration.

Infos zum Thema

„Vabo“ ist das Kürzel für „Vorqualifizierung Arbeit/Beruf“. +++ In den Vabo-Klassen wird jungen Zuwanderern unter 25 Jahren während eines Jahres die Ausbildungsreife für einen Nahrungsberuf vermittelt. +++ Ansprechpartnerin für Fragen an die Hoppenlau Schule ist Petra Hanser-Cichos (Telefon: 0711 21657040).
Auch in ihren Lehrbetrieben werden Praktikanten und Azubis gut aufgenommen und als neue Kollegen akzeptiert. Sebastian Schrotter berichtet aus seiner persönlichen Erfahrung mit dem jungen Gambier: „Wir alle kommen mit Bubacar prima klar und er mit den Kollegen auch.“ Dass Bubacar Moslem ist, kein Schweinefleisch isst, und trotzdem gern in Schrotters Metzgerei – und mit Schweinefleisch – arbeitet, hatte anfangs alle überrascht.

Auch Schulleiter Machner hatte Bedenken, ob sich überhaupt jemand aus der Vabo-Klasse, die mehrheitlich aus Moslems zusammensetzt, für die fleischerhandwerklichen Berufe interessiert oder stattdessen eher das Bäckerhandwerk in Frage komme. Das Gegenteil war der Fall: Mehrheitlich meldeten sich die Schüler für ein Praktikum und einen Ausbildungsplatz in Metzgereien, denn in ihren Herkunftsländern ist Backen Frauensache, der Umgang mit Fleisch den Männern vorbehalten.

Pünktlich, zuverlässig und eifrig

Sebastian Schrotter freut sich über seinen Azubi, der ihn durch Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Arbeits- und Lerneifer überzeugt. „Das ist ein ganz neues Erlebnis von Arbeitswillen, er kommt jeden Morgen mit einem Lächeln im Gesicht hier an“, stellt er fest und vergleicht Bubacar Marone mit den hiesigen Jugendlichen, die oft weniger ausbildungsfähig und lernwillig seien.

Ein weiterer Vorteil: Angehörige aus anderen Kulturkreisen bringen neue Sichtweisen mit in den Betrieb. Die kulturellen und sprachlichen Hürden könne man gut gemeinsam meistern, ergänzt Schrotter.

Er bedauert aber die Barrieren mit der Bürokratie. Er hätte den „blitzgescheiten und handwerklich sehr talentierten“ Gambier gern sechs Monate früher eingestellt. Aber aufgrund der umfangreichen Formalitäten verlief das Verfahren sehr schleppend. Mal war das eine Amt zuständig, mal das andere. Formulare mussten ausgefüllt und verschiedene Anträge gestellt werden, bis der Asylbewerber endlich seine Arbeitserlaubnis in den Händen hielt. „Aber jetzt wissen wir, wie’s geht“, erklärt der Ausbilder. Er steht gern bereit, interessierten Kollegen Tipps dazu zu geben.

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