Fachkräftesicherung Müller wirbt für Berufe mit Biss

Mittwoch, 20. September 2017
Mit ihrer Azubi-Checker-Kampagne wirbt die Metzgerei Robert Müller in sozialen Netzwerken um Auszubildende für das Fleischerhandwerk.
Foto: Müller
Mit ihrer Azubi-Checker-Kampagne wirbt die Metzgerei Robert Müller in sozialen Netzwerken um Auszubildende für das Fleischerhandwerk.
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Robert Müller Flieden Fachkräftemangel


Auf der Suche nach jungen Talenten geht der osthessische Filialist neue Wege. Der Bedarf an Fachkräften ist groß. Wir stellen seine Strategie vor.

von Sigismund von Dobschütz

Für „einen der coolsten und abwechslungsreichsten Handwerksberufe der Welt“ und einen „Beruf mit Biss“ wirbt seit einigen Wochen die im hessischen Flieden (Landkreis Fulda) ansässige Großmetzgerei Robert Müller mit selbst produzierten Videos auf Facebook und Youtube um Bewerber für die Ausbildungsberufe Fleischer/in und Fleischerei-Fachverkäufer/in. Davon erhofft sich der seit 90 Jahren bestehende Familienbetrieb eine gezieltere Ansprache von Jugendlichen und eine modernere Präsentation des Berufsbilds. Nach drei Monaten hatte das Unternehmen auf Facebook schon 50.000 Kontakte.

Jährlich mindestens drei Auszubildende im Fleischerhandwerk sucht der für den Produktionsbereich in Flieden verantwortliche Geschäftsführer Heiko Klitsch (43). Mindestens acht Ausbildungsplätze in den Verkaufsstellen könnte sein für die personelle Ausstattung der 75 Filialen verantwortliche Geschäftsführerkollege Peter Schmitt (56) jährlich anbieten. Seit zwei Jahren präsentiert das Unternehmen in siebten und achten Klassen an Haupt-, Mittel- und Realschulen im Landkreis Fulda seine Arbeits- und Weiterbildungsmöglichkeiten. „Nicht einmal diese Mindestzahl haben wir in vergangenen Jahren erreicht“, ist Heiko Klitsch enttäuscht.

An ihrem Azubi-Tag in der Firmenzentrale wurden alle Müller-Azubis mit einem Samsung Galaxy Tablet beschenkt.
Foto: Müller
An ihrem Azubi-Tag in der Firmenzentrale wurden alle Müller-Azubis mit einem Samsung Galaxy Tablet beschenkt.
Von den insgesamt 500 Mitarbeitern der Metzgerei Robert Müller sind 350 in den Filialen und 150 am Firmensitz in Flieden beschäftigt. Davon arbeiten 100 in der Produktion und 50 in Verwaltung und Fuhrpark. „Bewerber für Großhandels-, Industrie- oder Bürokaufleute zu finden, ist kinderleicht“, musste Peter Schmitt immer wieder feststellen. „Aber kaum einer will noch richtig mit den Händen arbeiten.“

Im Wissen um diesen Missstand versucht sich die hessische Großmetzgerei nicht nur in neuartigen Methoden zur Mitarbeitergewinnung wie der Nutzung sozialer Medien oder der Werbung auf eigenen Websites im Internet, sondern geht unterschiedliche Wege zur Mitarbeitersuche und zu deren dauerhaften Bindung ans Familienunternehmen, was bei einer Produktionsstätte dieser Größe in einer Gemeinde mit nur 9.000 Einwohnern und einem ländlichen Umfeld besonders wichtig ist.
Metzgerei Robert Müller - Fleischwurst
(Bild: Müller)

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„Mitarbeiter werben Mitarbeiter“ ist nach Meinung von Geschäftsführer Peter Schmitt der wohl erfolgreichste Weg. Wer könnte fachkundiger Auskunft über Arbeitsmöglichkeiten und Zukunftschancen in der Metzgerei Müller geben, wenn zum Beispiel ein selbstständiger Handwerksmetzger im Umland aufgeben muss? Für solche Fachkräfte mit langer Berufserfahrung findet Müller immer eine Verwendung.

Aber auch Quereinsteiger haben bei Robert Müller beste Chancen. Ideales Beispiel dafür sind Berufstätige aus der Gastronomie oder Hotellerie, die ihrer unregelmäßigen Arbeitszeiten und Wochenenddienste überdrüssig sind. „Diese Fachkräfte setzen wir gern in unseren Filialen ein“, erklärt Schmitt. Denn allen 75 Müller-Filialen ist ein gastronomischer Bereich angeschlossen, vier Filialen sind sogar reine Gastro-Betriebe.
Mangels deutscher Berufseinsteiger stellt das Unternehmen auch Ausländer ein, zunächst als Hilfskräfte, und bildet diese bei erkennbarer Eignung systematisch zu Fachkräften aus. So bekamen vor Jahren drei rumänische Jugendliche durch Vermittlung einer deutschen Hilfsorganisation einen Ausbildungsplatz. Einer von ihnen ist heute stellvertretender Filialleiter und bekommt im Herbst eine eigene Filiale. Auch die Beschäftigung von zwei syrischen Asylbewerbern zeigt erste Erfolge: Zunächst als Hilfskraft in der Verpackung eingesetzt, soll einer von ihnen in Abstimmung mit der Agentur für Arbeit im nächsten Jahr seine Ausbildung beginnen.

„Natürlich sind dies nur Einzelfälle“, wissen beide Geschäftsführer. Aber der Fachkräftemangel im deutschen Arbeitsmarkt zwingt zu ungewöhnlichen Maßnahmen und einer gewissen Findigkeit des Unternehmens. So achten sowohl die Geschäftsleitung als auch alle Abteilungsleiter sehr genau auf Fähigkeiten und Förderungsmöglichkeiten ihrer Mitarbeiter.
Die beiden Müller-Geschäftsführer Heiko Klitsch (links) und Peter Schmitt.
Foto: svd
Die beiden Müller-Geschäftsführer Heiko Klitsch (links) und Peter Schmitt.
„Wo eine Qualifizierung im eigenen Unternehmen möglich ist, wird dies unterstützt.“ So durfte ein junger Industriekaufmann, der nach seinem Einstieg ins Unternehmen starkes Interesse am Fleischerhandwerk zeigte, mit Unterstützung des Arbeitgebers auch diesen Beruf noch erlernen. Heute ist dieser Müller-Mitarbeiter nicht nur Fleischermeister mit Auszeichnung und Betriebswirt im Handwerk, sondern wird nach einer Zeit als selbstständiger Filialleiter schließlich ab Januar 2018 Junior-Verkaufsleiter des Unternehmens werden.

Fürsorge um die Mitarbeiter gehört zu den Leitmotiven des Familienbetriebs in vierter Generation: „Wir stärken die Stärken. Unsere Führungskräfte bilden wir selbst aus.“ Dazu gehören hausinterne Weiterbildungsseminare durch externe Fachtrainer – teils als Pflicht, teils freiwillig. Im Oktober startet das Unternehmen zusätzlich in die Förderung einer Mitarbeiterin bei deren berufsbegleitendem dualen Studium. „Die Firma zahlt anteilig die Studiengebühr und nimmt Rücksicht bei der Einteilung ihrer Arbeitszeit.“

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