Fachkräftewerbung Talent-Scouts sammeln überzeugende Beweise

Donnerstag, 16. Juli 2015
Spaß spornte sie beim Querdenken an (von links) Sieglinde Würz, Nadja Dallmann, Miriam Hedtke, Simone Lutz, Jessica Hertkorn, Daniela Buck und Sandra Biernath.
Foto: Sven Tholius
Spaß spornte sie beim Querdenken an (von links) Sieglinde Würz, Nadja Dallmann, Miriam Hedtke, Simone Lutz, Jessica Hertkorn, Daniela Buck und Sandra Biernath.
Themenseiten zu diesem Artikel:

Fachkraftewerbung


Aus den drei baden-württembergischen Nachbarinnungen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb stammten die Teilnehmer, die sich in der Handwerkskammer Reutlingen trafen, um unter der Regie von Trainer Sven Tholius Strategien für die Nachwuchswerbung zu entwickeln.

Als Arbeitsgrundlage für den an zwei Tagen durchgeführten Workshop diente der eineinhalb Minuten lange Film „Das Fleischerhandwerk ist anders als Du denkst“ aus dem Fundus des Deutschen Fleischer-Verbands (DFV). Damit sich die aus acht Frauen und einem Mann bestehende Runde von Führungskräften dem Thema aus einer anderen Perspektive als der eigenen näherten, sammelten die Chefs, Filialleiterinnen und Erstverkäuferinnen zunächst Argumente zu den Stärken des Fachgeschäfts: aus der Sichtweise der Kunden und aus der Position der Mitarbeiter.



Sämtliche brauchbaren Stichworte wurden notiert. Sie wurden später berücksichtigt, als es darum ging, überzeugende Beweise für eine effiziente Imagepflege und vor allem eine wirksame Nachwuchsakquise vorzutragen.

Am zweiten Tag erweiterte sich der kleine Kreis. Berufsschüler aus dem zweiten Lehrjahr stießen hinzu. Und mit ihnen eröffnete sich eine weitere Ebene der Betrachtung auf die Attraktivität des eigenen Metiers. Denn die Azubis schilderten freimütig, warum sie ihre Berufe gewählt haben, wie sie sie sehen und erleben. Das bereicherte die Liste der gesammelten Pluspunkte zusätzlich, die als Basis für die zum Abschluss vorgesehenen Referate angelegt wurde. Die Abschlusspräsentation stellte die schwierigste Aufgabe des Workshops dar, weil sie vor vollem Saal stattfand.

Zu den O-Tönen einfach durch die Bilderstrecke klicken:

  • Spaß spornte sie beim Querdenken an (von links) Sieglinde Würz, Nadja Dallmann, Miriam Hedtke, Simone Lutz, Jessica Hertkorn, Daniela Buck und Sandra Biernath.
    Spaß spornte sie beim Querdenken an (von links) Sieglinde Würz, Nadja Dallmann, Miriam Hedtke, Simone Lutz, Jessica Hertkorn, Daniela Buck und Sandra Biernath. (Bild: Sven Tholius)
  • Jetzt bin ich mehr motiviert, mich intensiver um die Nachwuchsarbeit zu kümmern. Im Geschäftsalltag scheitert das meist am vollen Terminkalender. Aber jeder Einzelne muss was tun. Der Workshop hat mich wachgerüttelt. Als ausgebildete Maler- und Lackierermeisterin weiß ich, dass es im Handwerk generell zu wenig Nachwuchs gibt. Fleischer haben es sogar besonders schwer, Bewerber zu finden, weil unsere beiden Ausbildungsberufe im Ansehen viel zu wenig Geltung genießen. Spannend fand ich zu hören, wie positiv die Lehrlinge selbst ihre Berufe und die Arbeit mit wertvollen Produkten beurteilen. Daraus lässt sich mehr machen. Den Film und die gesammelten Argumente werde ich demnächst auf einer Bildungsmesse in Balingen Haupt- und Realschülern präsentieren. Das habe ich ja nun geübt. Und mir noch etliche Anregungen geholt, mit denen ich vielleicht mit Kolleginnen aus dem Workshop ein Projekt aufziehe, beispielsweise einen bundesweiten Azubi-Austausch zu organisieren. Es gibt noch viele Dinge, mit denen wir nach vorn gehen können.“ 
Nadja Dallmann (31), Juniorchefin Metzgerei Weiler, Hechingen
    Jetzt bin ich mehr motiviert, mich intensiver um die Nachwuchsarbeit zu kümmern. Im Geschäftsalltag scheitert das meist am vollen Terminkalender. Aber jeder Einzelne muss was tun. Der Workshop hat mich wachgerüttelt. Als ausgebildete Maler- und Lackierermeisterin weiß ich, dass es im Handwerk generell zu wenig Nachwuchs gibt. Fleischer haben es sogar besonders schwer, Bewerber zu finden, weil unsere beiden Ausbildungsberufe im Ansehen viel zu wenig Geltung genießen. Spannend fand ich zu hören, wie positiv die Lehrlinge selbst ihre Berufe und die Arbeit mit wertvollen Produkten beurteilen. Daraus lässt sich mehr machen. Den Film und die gesammelten Argumente werde ich demnächst auf einer Bildungsmesse in Balingen Haupt- und Realschülern präsentieren. Das habe ich ja nun geübt. Und mir noch etliche Anregungen geholt, mit denen ich vielleicht mit Kolleginnen aus dem Workshop ein Projekt aufziehe, beispielsweise einen bundesweiten Azubi-Austausch zu organisieren. Es gibt noch viele Dinge, mit denen wir nach vorn gehen können.“ Nadja Dallmann (31), Juniorchefin Metzgerei Weiler, Hechingen (Bild: Sven Tholius)
  • Mir ist nun klar, dass wir den Stolz auf unseren Beruf viel mehr nach draußen tragen müssen. Anfangs war mir gar nicht recht bewusst, worauf ich mich mit dem Workshop einlasse. Es ging ja nicht nur darum, das Image der Metzgerei aufzupolieren, sondern sie als attraktiven Ausbildungsort darzustellen. Deshalb fand ich das Mitmachen der Tübinger Berufsschüler super, weil sie in die Ideensammlung nochmal richtig Schwung reingebracht haben. Hilfreich für die Präsentation war es, dass wir alle einheitlich gekleidet und gut geschminkt waren. Diese Details sind nicht zu unterschätzen, denn sie stärken die Selbstsicherheit, um vor vollem Saal zu sprechen. Das Publikum jedenfalls war begeistert. Wir sollten uns trauen, in Haupt- und Realschulen zu gehen und zu sagen: „Hey, die Arbeit mit Fleisch und Wurst ist was Tolles!“ Wichtig für die Nachwuchswerbung ist aber auch, dass die Metzger mehr zu ihrer Innung stehen und den Azubis ihren Spaß an der Arbeit erhalten, indem sie sie im Betrieb alle Stationen erleben lasssen.“
Daniela Buck (27), Fleischermeisterin Fleischerei Rieck, Böhringen
    Mir ist nun klar, dass wir den Stolz auf unseren Beruf viel mehr nach draußen tragen müssen. Anfangs war mir gar nicht recht bewusst, worauf ich mich mit dem Workshop einlasse. Es ging ja nicht nur darum, das Image der Metzgerei aufzupolieren, sondern sie als attraktiven Ausbildungsort darzustellen. Deshalb fand ich das Mitmachen der Tübinger Berufsschüler super, weil sie in die Ideensammlung nochmal richtig Schwung reingebracht haben. Hilfreich für die Präsentation war es, dass wir alle einheitlich gekleidet und gut geschminkt waren. Diese Details sind nicht zu unterschätzen, denn sie stärken die Selbstsicherheit, um vor vollem Saal zu sprechen. Das Publikum jedenfalls war begeistert. Wir sollten uns trauen, in Haupt- und Realschulen zu gehen und zu sagen: „Hey, die Arbeit mit Fleisch und Wurst ist was Tolles!“ Wichtig für die Nachwuchswerbung ist aber auch, dass die Metzger mehr zu ihrer Innung stehen und den Azubis ihren Spaß an der Arbeit erhalten, indem sie sie im Betrieb alle Stationen erleben lasssen.“ Daniela Buck (27), Fleischermeisterin Fleischerei Rieck, Böhringen (Bild: Sven Tholius)
  • Die Fleischerberufe sind schön, aber als lohnendes Ausbildungsziel werden sie viel zu wenig richtig vermarktet. Da muss mehr passieren. Homepage oder Facebook eignen sich zur Nachwuchswerbung. Genau das sind die Wege, auf denen sich Jugendliche bewegen. In dem Pilotprojekt kam es darauf an, sich Anregungen zu holen und Anstöße zu geben. Wir kannten uns vorher nicht, aber schnell hatten wir den gemeinsamen Nenner gefunden. Dann waren wir ein tolles Team. Auch die Zusammenarbeit mit den Azubis hat prima geklappt: beim Diskutieren der Probleme, beim Finden von Lösungen. Deswegen ist die Präsentation super gelaufen. Ob im Laden oder auf Messen: Jeder sollte sich aktiver einsetzen und die Nachwuchswerbung nicht allein Verband oder Innung überlassen; wir brauchen mehr Solidarität untereinander. Den Film würde ich gern im Geschäft zeigen. Das habe ich bereits meinem Chef vorgeschlagen. Denn es geht schnell und einfach: auf einen Stick ziehen und über Kassen- oder Ladenmonitore abspielen.“
Miriam Hedtke (43), Erstverkäuferin Metzgerei Sieber, Geislingen
    Die Fleischerberufe sind schön, aber als lohnendes Ausbildungsziel werden sie viel zu wenig richtig vermarktet. Da muss mehr passieren. Homepage oder Facebook eignen sich zur Nachwuchswerbung. Genau das sind die Wege, auf denen sich Jugendliche bewegen. In dem Pilotprojekt kam es darauf an, sich Anregungen zu holen und Anstöße zu geben. Wir kannten uns vorher nicht, aber schnell hatten wir den gemeinsamen Nenner gefunden. Dann waren wir ein tolles Team. Auch die Zusammenarbeit mit den Azubis hat prima geklappt: beim Diskutieren der Probleme, beim Finden von Lösungen. Deswegen ist die Präsentation super gelaufen. Ob im Laden oder auf Messen: Jeder sollte sich aktiver einsetzen und die Nachwuchswerbung nicht allein Verband oder Innung überlassen; wir brauchen mehr Solidarität untereinander. Den Film würde ich gern im Geschäft zeigen. Das habe ich bereits meinem Chef vorgeschlagen. Denn es geht schnell und einfach: auf einen Stick ziehen und über Kassen- oder Ladenmonitore abspielen.“ Miriam Hedtke (43), Erstverkäuferin Metzgerei Sieber, Geislingen (Bild: Sven Tholius)
  • So viel Offenheit habe ich im Seminar noch nie erlebt. Und noch nie habe ich mich in dieser grundsätzlichen Sichtweise mit der Materie beschäftigt, die mir als Ausbilderin der Verkaufslehrlinge in unserem Betrieb ziemlich vertraut ist: Was bedeutet dieser Beruf, was macht ihn aus? Deshalb fand ich die Kombination toll, Azubis einzubeziehen – auf Augenhöhe mit uns Ausbildern, so wie es eigentlich immer sein sollte. Denn es war hochinteressant, ihre Ansichten zu hören und die etwas andere Denke mitzukriegen. Den Nachwuchswerbefilm vor der Versammlung zu präsentieren und zu kommentieren, bedeutete für mich eine große Herausforderung. Das verfügbare Filmmaterial finde ich gut. Ich kannte es vorher nicht, aber jetzt weiß ich, wo und wie ich es kostenlos herunterladen kann. Ideen für den Einsatz habe ich mitgenommen: bei einer Neugestaltung der Homepage, auf Ladenmonitoren oder bei Bildungsmessen. Mit den Workshop-Kolleginnen bin ich weiter durch WhatsApp und über Facebook in Kontakt. Damit bleibt das Thema im Bewusstsein.“
Simone Lutz (44), Filialleiterin Metzgerei Oskar Zeeb, Reutlingen
    So viel Offenheit habe ich im Seminar noch nie erlebt. Und noch nie habe ich mich in dieser grundsätzlichen Sichtweise mit der Materie beschäftigt, die mir als Ausbilderin der Verkaufslehrlinge in unserem Betrieb ziemlich vertraut ist: Was bedeutet dieser Beruf, was macht ihn aus? Deshalb fand ich die Kombination toll, Azubis einzubeziehen – auf Augenhöhe mit uns Ausbildern, so wie es eigentlich immer sein sollte. Denn es war hochinteressant, ihre Ansichten zu hören und die etwas andere Denke mitzukriegen. Den Nachwuchswerbefilm vor der Versammlung zu präsentieren und zu kommentieren, bedeutete für mich eine große Herausforderung. Das verfügbare Filmmaterial finde ich gut. Ich kannte es vorher nicht, aber jetzt weiß ich, wo und wie ich es kostenlos herunterladen kann. Ideen für den Einsatz habe ich mitgenommen: bei einer Neugestaltung der Homepage, auf Ladenmonitoren oder bei Bildungsmessen. Mit den Workshop-Kolleginnen bin ich weiter durch WhatsApp und über Facebook in Kontakt. Damit bleibt das Thema im Bewusstsein.“ Simone Lutz (44), Filialleiterin Metzgerei Oskar Zeeb, Reutlingen (Bild: Sven Tholius)
  • Als Seminarleiter freut es mich am meisten, dass sich beide Gruppen – also die Ausbilder und die Lehringe – in ihrem Urteil darin einig waren: „Der Film ist der Hammer.“ Umso bedauerlicher ist es, dass keiner der Teilnehmer den Clip bereits vorher kannte. Und ich vermute mal, auch dem größten Teil des Publikums bei der Präsentation war er nicht bekannt. Dabei gibt es den Film immerhin schon seit über einem Jahr. Schade um die bisher ungenutzten Möglichkeiten. Und davon stecken allerhand in dem verfügbaren Material. Welche, weiß nun jeder, der beim Workshop selbst oder wenigstens beim Abschlussabend dabei gewesen ist. Ich hoffe, dass die Initiative der drei Innungen inklusive der Berufsschule eine Signalwirkung hat und als vorbildliches Beispiel ganz viele Nachahmer findet.“
Sven Tholius, Fleischermeister, Fachberater und Motivationstrainer
    Als Seminarleiter freut es mich am meisten, dass sich beide Gruppen – also die Ausbilder und die Lehringe – in ihrem Urteil darin einig waren: „Der Film ist der Hammer.“ Umso bedauerlicher ist es, dass keiner der Teilnehmer den Clip bereits vorher kannte. Und ich vermute mal, auch dem größten Teil des Publikums bei der Präsentation war er nicht bekannt. Dabei gibt es den Film immerhin schon seit über einem Jahr. Schade um die bisher ungenutzten Möglichkeiten. Und davon stecken allerhand in dem verfügbaren Material. Welche, weiß nun jeder, der beim Workshop selbst oder wenigstens beim Abschlussabend dabei gewesen ist. Ich hoffe, dass die Initiative der drei Innungen inklusive der Berufsschule eine Signalwirkung hat und als vorbildliches Beispiel ganz viele Nachahmer findet.“ Sven Tholius, Fleischermeister, Fachberater und Motivationstrainer (Bild: Sven Tholius)
  • Displayanzeigen der Nachwuchswerbung des Deutschen Fleischer-Verbands.
    Displayanzeigen der Nachwuchswerbung des Deutschen Fleischer-Verbands. (Bild: DFV)

Im Publikum saßen Landesinnungsmeister Kurt Matthes, die Obermeister Günther Egeler, Jochen Rieck und Günter Weiler und reichlich Mitglieder aus den beteiligten Innungen. Sie lauschten gespannt dem Vortrag eines jeden Teilnehmers, der jeweils einen Lehrling als Partner an der Seite hatte. Trotz aller Aufregung durch die verlangte freie Rede erwiesen sich alle als Talent-Scouts. Indem sie beim kreativen Kommentieren des Nachwuchswerbefilms die Vorzüge einer Ausbildung im Fleischerhandwerk überzeugend darlegten, beeindruckten und begeisterten sie ihre Zuhörer.

Demnächst wird es sogar einen Film zum Film geben. Denn Erkenntnisse und Ergebnisse aus dem erfolgreichen Reutlinger Workshop sollen als Anschauungsmaterial möglichst vielen Interessenten zugänglich gemacht werden – in einem Video. Das will Obermeister Egeler beim Innovationswettbewerb zur Süffa einreichen. In Anlehnung an den Slogan der Nachwuchswerbung steht der Titel bereits fest: „Eine starke Innung denkt anders“. Eigentlich sind es gleich drei.

Das könnte Sie auch interessieren
stats