Frauen verstehen ihr Handwerk Für Risa gibt es keine Extrawurst

Mittwoch, 06. Januar 2016
Selbstbewusst, zupackend und erfolgreich: Risa Asada schätzt ihren Beruf und seine Kreativität.
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Selbstbewusst, zupackend und erfolgreich: Risa Asada schätzt ihren Beruf und seine Kreativität.
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Risa Asada Fleischerlehre


Die Liebe zu Deutschland, zur Sprache und Raum für Kreativität: Mit dieser Motivation startete die 28-jährige Risa Asada ihre Fleischerlehre am Kaiserstuhl. Am Schluss der Ausbildung standen der Landessieg und die Teilnahme am Bundesleistungswettbewerb.

Von Julius Wilhelm Steckmeister

Frauen sind im Handwerk längst keine Seltenheit mehr. Im Fleischerhandwerk aber doch, denn der Beruf zählt – auch im technisierten 21. Jahrhundert – zu den physisch anspruchsvollen. Dass, wo ein Wille auch ein Weg ist, stellte Risa Asada unter Beweis – und das sogar äußerst erfolgreich.

Die aus dem japanischen Kyoto stammende 28-jährige studierte Germanistin schloss im vergangenen Jahr nicht nur ihre Fleischerlehre als Innungsbeste ab, sondern wurde gleich anschließend auch noch Siegerin im baden-württembergischen Landesentscheid in Tübingen.

Im November reiste die zierliche Powerfrau zum Bundesleistungswettbewerb nach Lübeck-Travemünde, und maß sich dort mit den besten Fleischergesellen der Republik. Sie erreichte den vierten Platz und ließ ihre Herkunft durch die Verwendung von Reis und Algenblättern und das exakte, geometrisch anmutende Herrichten und Anordnen ihrer Grillspezialitäten erkennen.

Eine zufällige Begegnung führte nach Endingen

Dass Risa Asada in die Metzgerei Dirr nach Endingen kam, ist einem Zufall zu verdanken. Fleischerin zu werden, hatte sie sich allerdings schon in ihrem Heimatland Japan vorgenommen. Ein besonderes Faible für Deutschland brachte sie zunächst zur Germanistik. Die Grundzüge der deutschen Sprache hatte sie sich bereits mit 15 Jahren selbstständig angeeignet. Während des Studiums lernte sie einen Metzger kennen. „Dieser Beruf wird bei uns in Japan nicht gelehrt“, erklärt Asada einen Teil der Faszination, die das fremde Handwerk auf sie ausübte. Der Bekannte hatte eine Ausbildung in Europa absolviert, viele Länder bereist, ihre Wurstspezialitäten kennengelernt und schließlich eine Metzgerei in seiner Heimat Japan eröffnet. Metzgermeister Markus Dirr, Risa Asadas Ausbilder, schmunzelt: „Metzger sind in Japan nicht nur sehr angesehene Leute, sondern auch sehr wohlhabend“, weiß der Lehrherr.

Aber Dirrs späterer Auszubildender ging es ganz speziell um die Wurst und das „exotische“ Handwerk. „Das hat mich sehr beeindruckt, und es war klar, das mache ich mal“, blickt sie zurück. Aber zunächst kamen das Studium und der Zufall ins Spiel. Vor fünf Jahren kam sie zum Auslandssemester an den Bodensee. Im Fernsehen sah sie zufällig eine Sendung über die Metzgerei Dirr in Endingen. „Ich habe mir sofort die Adresse notiert und die Metzgerei besucht“, erzählt die pragmatische Japanerin.

Markus Dirr staunte nicht schlecht, als die junge, zierliche Frau eines Tages vor seiner Ladentheke stand, um sich um einen Ausbildungsplatz zur Fleischerin zu bewerben. Aber schließlich sagte er ihr zu. Nach dem Staunen kam die Bürokratie, denn Ausländer auszubilden ist ein bürokratischer Hürdenlauf, besonders dann, wenn die Azubis aus dem außereuropäischen Ausland kommen. Einen der geforderten Nachweise zu erbringen, fiel Dirr allerdings nicht schwer. „Voraussetzung für die Einstellung ist, dass man nachweislich keinen Auszubildenden aus dem Inland findet“, erläutert der Metzgermeister, der seit rund zehn Jahren vergeblich nach qualifizierten Nachwuchskräften gesucht hatte.

Risa Asada, die ihr Studium in der Heimat inzwischen abgeschlossen hatte, reiste zurück nach Deutschland und bezog eine kleine Wohnung im Hause Dirr. Im September 2012 startete sie ihre Lehre. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, heißt ein deutsches Sprichwort. Die junge Frau lacht. „Ja, das erste Jahr war hart. Der Ton in der Wurstküche war recht rau, und weil ich noch nichts konnte, habe ich anfangs nur einfache Tätigkeiten ausgeübt“, blickt die spätere Innungs-, Kammer- und Landessiegerin zurück. Im zweiten Lehrjahr hatte sie den Frust schon vergessen. Das, was sie sich vom Fleischerhandwerk versprochen hatte, trat auch ein. „Ich darf den ganzen Herstellungsprozess eines Lebensmittels erleben“, beschreibt sie das, was sie an ihrem Beruf besonders fasziniert. „Ich produziere die Ware, verkaufe sie und bekomme sofort eine Rückmeldung vom Kunden.“

Zur Person

Die 28-jährige Risa Asada stammt aus Kyoto (Japan) und studierte in ihrem Heimatland Germanistik. Grundzüge in der deutschen Sprache erarbeitete sie sich bereits als 15-Jährige. +++ Von 2012 bis 2014 erlernte sie bei Markus Dirr in Endingen am Kaiserstuhl das Fleischerhandwerk. +++ Risa Asada schloss ihre Ausbildung zur Fleischergesellin als Innungsbeste, Kammer- und Landessiegerin ab. Beim Bundesleistungswettbewerb im November 2015 in Lübeck erreichte sie den vierten Platz.
Das Beste aber sei die Kreativität, die ihr abverlangt wird. „Ich darf mir das Ausgangsmaterial selber aussuchen und meine Ideen einbringen“, so Asada begeistert. Begeistert ist auch ihr Lehrmeister von der durchsetzungsstarken Persönlichkeit, die beim Ausbeinen schon mal eine Rinderkeule bewegt, die mindestens das Doppelte ihres Eigengewichts hat. Mit den fast ausschließlich männlichen Kollegen in der Metzgerei und in der Berufsschule hatte die junge Frau nie ein Problem. „Ich bin nicht so ein Mädchen-Mädchen“, sagt sie selbstbewusst. Das bestätigt auch ihr Chef und betont, dass es für sie während der Ausbildung nie eine Extrawurst gegeben habe. „Frauen haben die gleichen Chancen. Das Körperliche ist nur die Hälfte, der Rest ist Willenskraft“, ist der Endinger Metzgermeister überzeugt.

Zurück nach Japan geht es erst mal nicht

Was die Freizeit betrifft, hatte Dirr schon ein Auge darauf, das sich sein Schützling fern der Heimat nicht allzu fremd fühlt. Offenbar mit Erfolg, denn zurück nach Japan zieht es Asada einstweilen nicht. Sie plant aber mittelfristig, es ihrem Metzgerfreund aus Japan gleichzutun und auf Reisen zu gehen. Auch Chef Markus Dirr dient ihr als Vorbild: Er war zehn Jahre lang auf der ganzen Welt zu Hause – auf den Bermudas, in Frankreich, Italien, auch mal in den USA. Vor 14 Jahren übernahm er die vom Urgroßvater 1897 gegründete Fleischerei. Risa Asada will bei ihrer ersten Wunschstation in Europa bleiben: „Ich gucke erst mal, dass ich einen Job in Frankreich finde. Aber ich habe meinem Bekannten in Japan versprochen, dass ich irgendwann zurückkomme und mit ihm zusammenarbeite“, blickt sie in eine noch ferne Zukunft, in der es vielleicht auch einmal eine eigene Metzgerei geben wird.

Markus Dirr indes wird sich wieder auf die nicht ganz leichte Suche nach einem neuen Azubi machen. Neulich habe er einen Praktikanten gehabt, der habe „Blut geleckt“, erklärt er hoffnungsvoll.

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