Joachim Lederer „Ehrenamt ist für mich wie Urlaub“

Samstag, 20. Mai 2017
Joachim Lederer (56) aus Weil am Rhein führt seit September 2016 den Landesinnungsverband Baden-Württemberg.
Foto: DFV
Joachim Lederer (56) aus Weil am Rhein führt seit September 2016 den Landesinnungsverband Baden-Württemberg.

Das Fleischerhandwerk wird vielfältiger, genau wie der Bedarf der Kunden. Davon ist Joachim Lederer überzeugt. Einen Schlüssel zum beruflichen wie privaten Erfolg sieht er im Ehrenamt.

Welche Schwerpunkte setzten Sie in den ersten sechs Monaten Ihrer Amtszeit?

Joachim Lederer: Weil ich ein gut bestelltes Feld vorgefunden habe, konnte ich gleich Vollgas geben. Im Vorfeld wurde vieles richtig auf den Weg gebracht – personell und wirtschaftlich. Meine Vorgänger hatten schon früh begriffen: Wenn die Mitgliederzahl sinkt, darf man nicht die Beiträge erhöhen, sondern muss sich als Verband durch verbesserte Dienstleistungen und optimale Strukturen absichern. Meine Hauptarbeit begann deshalb an der Basis. Ich knüpfte Kontakte und baute Netzwerke auf.

Sie haben schon viele der 32 Innungen im LIV kennengelernt. Was vermitteln Sie beim Antrittsbesuch?

Lederer: Ich will meine Kollegen vor allem fürs Fleischerhandwerk begeistern. Während der Metzger früher viel mehr Stolz und Ehre besaß, haben wir uns in den letzten Jahren meist unter Wert verkauft. Dabei entstand ein Bild, auf dem wir hinten statt vorne stehen. Ich finde, das Fleischerhandwerk macht etwas Besonderes. Es ist Bindeglied zwischen Landwirt und Verbraucher. Es stellt wunderbare Lebensmittel her. Und jeder Metzger hat seine individuelle Philosophie und eigene Rezepturen. Das müssen wir besonders den jungen Leuten vermitteln: Schlachten und Ausbeinen ist ja nur ein ganz geringer Prozentsatz unseres Alltags. 80 bis 90 Prozent unserer Arbeit ist es, Fleisch in Topqualität – als Steaks, küchenfertige oder bereits vorgegarte Produkte – an die Kunden weiterzugeben.

„Ich sehe es als meine Hauptaufgabe an, meine Kollegen zu begleiten und ihnen das Vertrauen zu geben: Der Metzger stirbt nie aus.“
Joachim Lederer
Ich sehe es als meine Hauptaufgabe an, meine Kollegen zu begleiten und ihnen das Vertrauen zu geben: Wir müssen breite Brust zeigen, denn der Metzger stirbt nie aus. Aber: Unser Handwerk wird sich verändern, seine Vielfalt größer werden. Jeder muss seine Nische finden oder sich danach ausrichten, wie der Bedarf an seinem Standort ist. Der eine wird den Supermarkt beliefern, der andere zieht mit einem Verkaufswagen über Land.

Welches Motto treibt Sie an?

Lederer: Ich möchte das Ehrenamt nach vorn bringen. Wir müssen unseren Kollegen ins Gewissen reden, damit sie sich verstärkt engagieren. Es ist ein Unding, dass wir zu wenig Akteure finden, die in Innungen und Landesverbänden mitmachen. „Stellt Euch nach vorn und bewegt etwas“ – das rufe ich allen zu. Mit einer starken Vertretung und mehr Präsenz werden wir in der Öffentlichkeit besser wahrgenommen.

Wie binden Sie den Vorstand ein?

Lederer: Der engere Kreis besteht aus mir und meinen beiden Stellvertretern Wolfgang Herbst und Rüdiger Pyck. Wir werden unterstützt von Hauptgeschäftsführer Ulrich Klostermann und unserer Justiziarin Gabriele Girrbach. Wir sprechen mit einer Stimme, das heißt, wir sprechen uns vor Außenauftritten untereinander ab, um Geschlossenheit zu demonstrieren und Kräfte zu bündeln.

Der erweiterte Vorstandspool aus zwölf Mitgliedern bespricht alle Themen, zum Teil in unseren fünf Ausschüssen. Sie tagen nach Bedarf. Jedes Fachgebiet – ob Berufsbildung, Lebensmittelrecht und Tierwohl, Werbung und Öffentlichkeitsarbeit, Haushalt und Finanzen sowie Tarif – erhält regelmäßig Aufgaben, die erledigt werden müssen. Der gesamte Vorstand bereitet Entscheidungen vor, aber letztendlich hat die Mitgliederversammlung das letzte Wort und trägt sie mit.

Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Betrieb und Ehrenamt?

Lederer: Zunächst einmal bin ich kein Materialist. Ich habe meine Bedürfnisse immer hintenan gestellt, weil sie nicht so wichtig sind. Mir reicht eine Wohnung, und mir genügt mein Sport. Bereits vor 20 Jahren habe ich erkannt, dass die Qualität eines Unternehmens von den Menschen geprägt wird. Und es ist auch deshalb so gut aufgestellt, weil ich in Sachen Personal immer andere Wege gegangen bin – ob mit Lehrlingen aus dem Ausland oder der Einstellung von Mitarbeitern aus anderen Lebensmittelgewerken.

Unser System ist das der Fußball-Nationalmannschaft: Ich habe elf Weltklasse-Spieler und eine tolle Ersatzmannschaft aus 15 bis 20 Personen. Jeder Gute kann während seines Urlaubs oder wenn er krank ist, ersetzt werden. Außerdem geht meine Planung so weit, dass die Aufgaben im Geschäft auch ohne mich reibungslos funktionieren. Ich kann mich mittlerweile ein bis zwei Tage pro Woche ausklinken.

Vor Kurzem fragte mich die Staatssekretärin beim Angrillen auf dem Stuttgarter Schlossplatz: „Warum engagieren Sie sich ehrenamtlich?“ Ich habe geantwortet: „Das ist für mich wie Urlaub.“ Denn ich nehme von meinen Einsätzen so viele positive Eindrücke mit, dass ich im Geschäft viel mehr und besser arbeiten kann. Die Freizeit kommt zwar manchmal etwas zu kurz, aber ohne das Ehrenamt wäre ich beruflich nie so weit gekommen: Ich habe viele tolle Leute kennengelernt. Von jedem einzelnen – ob Ober- oder Landesinnungsmeister – konnte ich etwas lernen und dieses Wissen für meinen Betrieb nutzen.

Was macht Baden-Württembergs Fleischer so einzigartig?

Lederer: Baden-Württemberg ist und bleibt einfach das Musterländle. Hier entstehen die meisten Innovationen. Wenn man die vielen, gut aufgestellten Fachgeschäfte sieht, braucht man sich über die nächsten Jahre keine Sorgen zu machen. Unsere Metzger sprühen vor Energie und haben tolle Ideen. Das macht mich stolz auf unser Fleischerhandwerk. Wir sind beispielhaft für ganz Deutschland. Aber den Erfolg bekommt man nicht geschenkt: Derjenige, der in Baden-Württemberg Erfolg hat, hat hart dafür gearbeitet. Wir wollen einfach in der Champions League spielen. 

Was sagen Sie einem Kunden, der Fleisch für ungesund hält?

Lederer: Ich esse jeden Tag Fleisch. Ich esse jeden Tag Wurst. Ich trinke Bier, Wein und – wenn es sein muss – auch mal einen Schnaps. Trotzdem rufe ich als Marathonläufer hohe körperliche Leistungen ab. Die Dosis und Qualität des Fleischs sind ausschlaggebend. Ich achte darauf, dass die Ausgewogenheit stimmt. Das sind die Erfolgsgaranten für meine Leistung – im Geschäft und im Sport.

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