Karriere im Fleischerhandwerk „Die ist ganz ausgezeichnet“

Freitag, 20. April 2018
Packt gern in der Wurstküche zu: Viktoria Klein schätzt den freundschaftlichen Umgang mit ihren Kollegen und erhält auch als „Tochter des Hauses“ keine Vorzugsbehandlung.
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Packt gern in der Wurstküche zu: Viktoria Klein schätzt den freundschaftlichen Umgang mit ihren Kollegen und erhält auch als „Tochter des Hauses“ keine Vorzugsbehandlung.

Viel mit den Händen arbeiten: Das ist für Viktoria Klein aus Kronberg authentisches Handwerk. Die junge Frau wurde 2017 mit 18 Jahren Deutschlands jüngste Fleischermeisterin.

Bewusst doppeldeutig prangt auf einem DIN-A4-Flyer der Metzgerei Klein das Prädikat „Die ist ganz ausgezeichnet". Damit ist natürlich die beliebte Fleischwurst des Fachgeschäfts aus dem Kronberger Ortsteil Oberhöchstadt gemeint. Es gilt aber zugleich für die spitzbübisch schmunzelnde junge Frau, die die Wurst vom Ring schneidet.

Viktoria Klein ist – nach eigenen und von der Frankfurter Meisterschule bestätigten Recherchen – Deutschlands jüngste Fleischermeisterin. Im April 2017 legte sie im Alter von 18 Jahren die Meisterprüfung ab. Und diese Einzigartigkeit beeindruckte die Tochter einer Kundin derart, dass sich die Achtjährige den im Laden ausgelegten Flyer zu Hause übers Bett hängte. „Mein jüngster Fan“, freut sich die Jungmeisterin, die am 12. April ihren 20. Geburtstag feierte.

Ihre berufliche Entwicklung liest sich etwas anders als es bei den meisten Porträtkandidaten und –kandidatinnen der afz der Fall ist, die häufig schon im zarten Kindesalter in der Wurstküche mitwerkelten. „Mit der Metzgerei hatte ich früher nichts am Hut, was aber nicht ausschließt, dass ich schon immer gut und gern gegessen habe“, bekennt Viktoria Klein. Trotzdem ließ sie sich von ihrem Onkel Richard Klein und ihrem Vater Harald, die den 1926 gegründeten Familienbetrieb in dritter Generation gemeinsam mit Felix Mayer führen, zur Mithilfe einspannen. Meist sprang sie an der Kasse ein, wenn die entsprechende Mitarbeiterin fehlte.

Nach dem Besuch der Grundschule im hessischen Kronberg wechselte sie auf die Realschule in Königstein. Als der Lehrplan des neunten Schuljahrs ein Berufspraktikum verlangte, hatte die Kronbergerin zunächst Ambitionen für einen Bürojob. „Kauffrau für Büromanagement war mein Berufswunsch“, berichtet sie. „Als der sich aber zerschlug, absolvierte ich das Praktikum zu Hause.“ Und kam auf den Geschmack. Der Wechsel von der Frauendomäne – die Schule in Königstein wird ausschließlich von Mädchen besucht – in das männerdominierte Handwerk bereitete Viktoria Klein keine Mühe. Die Wochen zwischen Schulabschluss und Lehrstart überbrückte sie mit Aushilfstätigkeiten in Produktion und Laden oder fuhr Bestellungen in die Filialen aus.

Im Herbst 2014 begann sie ihre Fleischerlehre. Während der Verbundausbildung lernte sie Betriebe mit unterschiedlichen Schwerpunkten kennen: Ebert in Frankfurt, Michaelis in Maintal und Henrici in Neu-Anspach. Überdies verbrachte sie einige Zeit bei den Gebrüdern Arnold in Kraupa, mit denen sich die Kleins schon in der „Vor-Wende-Zeit“ fachlich und persönlich austauschten. Nach einer Lehrzeitverkürzung schloss die junge Frau ihre Fleischerlehre 2016 als Innungsbeste ab.

Ab Januar 2017 tat sie den nächsten Schritt auf der Karriereleiter: Sie drückte mit 51 Gleichgesinnten die Schulbank in der Frankfurter Fleischerschule Heyne. „In der ersten Woche erschien mir der Meisterkurs wie der blanke Horror“, bekennt sie. Riesenmengen an Lernskripten, gesammelt in prall gefüllten Ordnern, wollten akribisch durchackert werden. Trotzdem erinnert sie sich gern an das gute Miteinander: Man paukte zusammen, zog aber auch in der Gruppe „um die Häuser“. Nach dem dreimonatige Kurs wurde ihr bei der traditionellen Feier in der Paulskirche der Meisterbrief ausgehändigt. Danach kehrte sie in den Familienbetrieb zurück. Seither unterstützt sie das 15 Mitarbeiter zählende Produktionsteam.

Metzgerei Klein in Kronberg

Gründung: 1926 durch Richard und Franziska Klein +++ Geschäftsleitung: Richard Klein (Gesamtverantwortung, Personalführung), Harald Klein (Einkauf und technische Verwaltung), Felix Mayer (Vertrieb und Marketing) +++ Stammsitz: Stadtteil Oberhöchstadt +++ Filialen: Oberursel, Main-Taunus-Zentrum in Sulzbach +++ Mitarbeiter: 80

Ihr Tag beginnt früh: Kurz vor vier Uhr klingelt der Wecker. Im Sommer legt sie die kurze Strecke von der kürzlich bezogenen, ersten eigenen Wohnung zur Metzgerei mit dem Rad zurück. Nach dem Einstechen und Umziehen bereitet sie ihren Arbeitsplatz vor. Derzeit wird sie von Produktionsleiter Michael Fasig – gleichzeitig ihr direkter Chef – überwiegend am Füller eingesetzt. „Das macht mir großen Spaß – vor allem das Füllen unserer Fleischwurst. Es geht so schön flott und man sieht sofort, was man gemacht hat.“ Ein weiterer Vorteil des Füllprozesses: Fehler fallen sofort auf. Je nach Tagesform und Arbeitsanfall hat die Jungmeisterin diesen Job zwischen acht und zehn Uhr erledigt. Frühstück wäre zwar zwischendurch möglich, aber sie beendet lieber zuerst die Arbeit, schäumt vorsorglich schon mal den Füller ein. Dann vertilgt sie – bei 58 Kilogramm Körpergewicht -- manchmal beachtliche fünf Brötchen. „Da muss Wurst drauf sein, denn das Frühstück im Kollegenkreis ist gleichzeitig eine Qualitätsprobe“, erklärt sie.

Nach der Stärkung wird gereinigt, danach betätigt sie sich als Springerin, reinigt die Rauchanlagen, wickelt Kochschinken und kontrolliert die Vakuumverpackungen. Außerdem arbeitet sie momentan ihre Kollegin Karolina Urban, eine noch ungelernte Kraft, an der Füllstation ein. Jetzt, zum Start der Grillsaison, ist die Herstellung von Rouladenspießen ihre Passion.

Als sie nach der Meisterschule in der Wurstküche anfing, waren die Kollegen zunächst ruhig und zurückhaltend, wussten nicht so recht, wie sie mit ihr umgehen sollten. Sie registrierten aber rasch, dass es für die „Tochter des Hauses“ keine Vorzugsbehandlung gibt. Und die versichert denn auch: „Wenn etwas nicht funktioniert oder daneben geht, kriege ich den gleichen Ärger wie die anderen.“ Viktoria Klein schätzt den freundschaftlichen und familiären Umgang mit den Männern in der Produktion, der ganz anders ist als der Zickenkrieg, den sie ab und an in der Mädchenschule ertragen musste. Sie profitiert von ihrem ausgleichenden, deeskalierenden und nicht nachtragenden Wesen. „Ich höre mir an, was andere zu sagen haben und formuliere meinen Standpunkt ganz ruhig. Gleich loszuschreien, ist mir viel zu strapaziös.“ Obwohl ihr das Ausbeinen erspart bleibt, nennt sie ihre Arbeit körperlich anspruchsvoll, findet aber: „Gleichzeitig ist sie für mich eine Trainingseinheit. Sie hält mich fit.“ Sportlich aktiv ist sie auf dem Pferderücken, wenn sie zum Reiten ins benachbarte Stierstadt fährt oder mit ihren Hunden Gassi geht.

Viktoria Kleins beeindruckende Karriere ist noch nicht am Schlusspunkt: Nächstes Jahr steht die Weiterbildung zur Betriebswirtin des Handwerks auf ihrer Agenda. „Wenn meine Flegeljahre vorbei sind, würde ich gern unseren Familienbetrieb übernehmen“, fügt sie hinzu. „Dazu muss man heute kein Mann mehr sein.“ Hierbei könnte sie auf tatkräftige Unterstützung hoffen: Ihr Freund ist gelernter Koch und arbeitet bereits bei den Kleins.

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