Karriere im Fleischerhandwerk „Noten sagen nichts aus“

Donnerstag, 01. März 2018
Theresia Pledl mit Auszubildenden beim Abfüllen der Bratwurst.
Foto: buc
Theresia Pledl mit Auszubildenden beim Abfüllen der Bratwurst.
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Fachkräftemangel


Metzgermeisterin und Fachlehrerin Theresia Pledl aus Postau sieht goldenen Boden fürs Fleischerhandwerk. Sie sieht es als Aufgabe, Herz, Kopf und Charakter bei jungen Nachwuchskräften zu formen.

Bundesweit sinkende Lehrlingszahlen, Mangel an Betriebsnachfolgern, Untergangsstimmung im Fleischerhandwerk? Nein – es gibt auch gegenteilige Tendenzen: Theresia Pledl, Metzgermeisterin und Fachlehrerin an der Berufsschule Landshut, sieht vor allem die schnellen Aufstiegsmöglichkeiten als großes Plus der Branche, die inzwischen auch gut qualifizierte Lehrlinge anlockt. Im Interview mit fleischwirtschaft.de erklärt die 35-Jährige, wie man durch gelebte Leidenschaft als Vorbild fungieren kann. 

Welche Probleme und Chancen sehen Sie im Berufsschulunterricht?

Pledl: Wenn junge Leute nach dem Schulabschluss zu mir an die Berufsschule kommen, tragen sie bereits „ihren Rucksack“. Was darin ist, muss ich nicht unbedingt wissen. Manchmal lassen sie mich hineinschauen.

Und während der gemeinsamen Zeit darf ich diesen Rucksack noch mehr füllen – mit Fachwissen, Kenntnissen und Fertigkeiten, aber auch mit Achtung vor religiöser Überzeugung, der Würde des Menschen, Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne, Verantwortungsbewusstsein für die Umwelt, Bekenntnis zu Demokratie und Völkerverständigung, Liebe zur Heimat oder zu Natur und Tieren.

Wie viel sich davon jeder auf seinen weiteren Lebensweg mitnimmt, kann ich nicht prüfen. Aber ich bin mir ganz sicher, dass ich guten Samen streue, dessen Früchte Generationen nach mir noch ernten werden. Eine Note sagt nichts über einen Menschen aus. Herz, Kopf und Charakter zu formen, das ist meine größte Freude am Lehrerberuf.

Wie haben Sie Ihre eigene Ausbildungszeit erlebt?

Pledl: Ich ging sehr gern zur Berufsschule, das war für mich immer wie ein Urlaubstag. Die Lehrer haben uns sehr respektvoll behandelt und mit viel Engagement und Fachwissen unterrichtet, das nicht nur aus der Theorie kam. Josef Kroiß etwa war Küchenmeister im ersten First Class Hotel im Bayerischen Wald, dem Hotel Wastelsäge, bevor er Lehramt studierte.

Und Praxis-Lehrer Helmut Kohlbauer bescheinigte mir ein besonderes Talent für Menschen und ermunterte mich, weiterzulernen. Manfred Schweikl, Metzgermeister und Produktionsleiter in unserer Metzgerei, war hart, aber herzlich. Er lebte mir das Meistersein vor. „Pünktlichkeit, Schnelligkeit, Sauberkeit und Fleiß zeichnen einen guten Metzger aus“ – das war sein Leitspruch.

Und das versuchen Sie Ihren Schülern zu vermitteln?

Pledl: Ja, denn das Handwerk, mit dem ich groß geworden bin, ist meine Leidenschaft. Oft bin ich schon sehr früh in der Berufsschule und treffe Vorbereitungen wie den Einkauf der Waren. Oder ich bin lange vor Ort, weil noch der Prozess der Salamireifung übers Wochenende kontrolliert oder Lyoner geräuchert werden müssen oder ich mich in neue Technologien einarbeite.

Sieht die raschen Aufstiegschancen als dickes Plus des Fleischerhandwerks: Theresia Pledl.
Foto: Pledl
Sieht die raschen Aufstiegschancen als dickes Plus des Fleischerhandwerks: Theresia Pledl.
Sogar die Schüler kommen manchmal vorbei, weil sie wissen, dass ich noch da bin. So kann die eine oder andere Frage schnell nebenbei beantwortet werden. Natürlich esse und koche ich auch gern die Produkte, die mein Handwerk bietet, und kaufe daher bei Metzgern im Sprengelgebiet der Schule, Ausbildungsbetrieben oder ehemaligen Meisterschülern ein. Ich lasse mich inspirieren von der hochwertigen, vielfältigen Produktpalette, die sich mir da bietet. Und ich freue mich immer, bekannte Gesichter hinter der Ladentheke zu sehen.

Was ist aus Ihrer Sicht das größte Branchenproblem?

Pledl: Ganz klar der Fachkräftemangel. Leider ist in den Köpfen der Menschen der Metzgerberuf viel zu wenig angesehen. Mein damaliger Berufsschullehrer sagte immer: Der Metzger-Beruf kommt gleich nach dem des Arztes, weil ein Metzger ebensoso viel wissen muss und das Essen zur Gesundheit beiträgt. Hier müssen wir noch mehr Aufklärungsarbeit leisten. Ich stelle zudem fest: Je gebildeter ein Mensch ist, umso wertschätzender ging er mit mir als Fachverkäuferin um.

Wie kann man den Nachwuchsmangel bekämpfen?

Pledl: Aufklärungsarbeit leisten, an alle Schulen gehen – Realschule, Mittelschule, Gymnasium – und für unser Handwerk sprechen. Das sehe ich als Aufgabe für Innungen und Fachverbände. Und am besten den Berufsnachwuchs mithilfe von Schülern werben, die diesen Weg erfolgreich gegangen sind. Ich hatte zum Beispiel eine Schülerin mit abgeschlossenem BWL-Studium.

„In fast jedem Lehrjahr gibt es einen Schüler mit Abitur.“
Theresesia Pledl, Metzgermeisterin, Fleischsommelière und Fachlehrerin
Und fast in jedem Lehrjahr ist ein Schüler oder eine Schülerin mit Abitur, weil das Metzgerhandwerk goldenen Boden hat und es kaum einen Beruf gibt, in dem man so schnell aufsteigen kann. Ausbildung, Meisterprüfung, Betriebswirt des Handwerks und Masterstudium sind in einem Zeitraum von ungefähr fünf Jahren möglich. Das ist für junge Menschen reizvoll. Ihnen müssen wir diese Aufstiegsmöglichkeiten aber zeigen und vor allem: sie erst einmal erreichen.

Sehen Sie die Zukunft der Branche mit Optimismus?

Pledl: Ja, selbstverständlich. Wir haben an der Berufsschule Landshut steigende Schülerzahlen, im letzten Schuljahr sogar so viele, dass wir noch eine Tagesklasse starten mussten, weil wir die Schüler nicht im Praxisraum untergebracht hätten. Ähnlich ist es an der 1. Bayerischen Fleischerschule in Landshut, deren Meisterkurse sehr gut belegt oder sogar ausgebucht sind. Der Markt verändert sich. 

Was empfehlen Sie Metzgerkollegen, um künftig am Markt zu bestehen?

Pledl: Ein Konzept ausarbeiten, Nischen oder Segmente auswählen und darin der Beste sein. Gutes tun und darüber reden. Mit fundierter Ausbildung, gutem Beispiel als Betriebsinhaber und Aktionen in der Öffentlichkeit zur Imageverbesserung unseres Handwerks beitragen.

Welche Ziele haben Sie privat und beruflich?

Pledl: Vor allem möchte ich in Zukunft Lehrer sein, Wegbegleiter, Förderer. Ich möchte das an die nächste Generation zurückgeben, was ich erleben durfte. Jungen Leuten zeigen, dass man auf dem Parcours des Lebens Hindernisse überwinden muss, es in vollen Zügen genießen darf, aber auch mal den harten Erdboden küssen muss – und dass es Menschen gibt, die einen wieder auf Kurs bringen oder einem einfach mal die Hand halten, wenn man es gerade braucht.

Zur Person

Theresia Pledl absolvierte nach der Schulzeit im Internat in der elterlichen Metzgerei eine Ausbildung zur Fleischerei-Fachverkäuferin (Lehrmeisterin: Oma Viktoria), später zudem eine Fleischerlehre. Wegen der Erkrankung ihres Vaters musste sie ab 2001 viel Verantwortung im Betrieb übernehmen. Erst 2009 legte sie in Landshut die Meisterprüfung ab. 2010 folgte ihre Prüfung zur Betriebswirtin des Handwerks, 2016 die zur Fleischsommelière.

Ab 2013 gab sie ihr Wissen als freiberufliche Dozentin in Meisterkursen an der 1. Bayerischen Fleischerschule weiter; heute ist sie dort für die Themen Fleischgewinnung, -verarbeitung, Vertriebskonzepte, Ausbildung sowie im Betriebswirte-Lehrgang für Projektentwicklung und -umsetzung sowie Innovationsbedarf für Betriebe zuständig.

2015/2016 absolvierte sie eine Fachlehrer-Ausbildung am Staatsinstitut IV in Ansbach und ist seit 2016/2017 hauptberuflich an der Berufsschule Landshut tätig.

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