Karriere im Fleischerhandwerk „Quasi mein eigener Chef“

Mittwoch, 14. Februar 2018
Weiß, was sie will: Lena Michaelis gehört zu den zehn besten Jungmeistern im Raum Rhein-Main. Jetzt überlegt sie, noch den Betriebswirt des Handwerks dranzuhängen.
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Weiß, was sie will: Lena Michaelis gehört zu den zehn besten Jungmeistern im Raum Rhein-Main. Jetzt überlegt sie, noch den Betriebswirt des Handwerks dranzuhängen.
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Der Fachkräftemangel im Fleischerhandwerk ist weithin bekannt. Vielen Betrieben fehlt damit die Perspektive. Doch engagierte Jungmeisterinnen wie Lena Michaelis geben Grund zur Hoffnung.

von Andrea Möller

Lena Michaelis von der Metzgerei Neupert in Maintal weiß, was sie will und ist bereit, sich dafür ins Zeug zu legen. Kein Wunder, dass die gelernte Fleischerin bei der Meisterfeier, die im Januar in der Paulskirche über die Bühne ging, die begehrte Urkunde in Empfang nehmen konnte.

Außerdem gehört die 24-Jährige zu den zehn besten Jungmeistern der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main. Eine reife Leistung, zumal es über 250 erfolgreiche Kandidaten gab. 2016 war sie bereits als Jahrgangsbeste aus den Gesellenprüfungen der Kreishandwerkerschaft Hanau hervorgegangen. 

Bleibt die Frage, warum sie sich gerade für eine Laufbahn als Metzgerin entschieden hat? „Anfangs wusste ich nicht so recht, womit ich meine Brötchen verdienen sollte. Dann habe ich im Betrieb meiner Eltern ein zweiwöchiges Schülerpraktikum absolviert und gemerkt: Das ist der richtige Job für mich.“ Die Familientradition spielte ebenfalls eine gewisse Rolle für sie.

„Dass ich die sechste Generation bin, bedeutet mir einiges.“
Lena Michaelis, Fleischermeisterin
Mit der Metzgerei Neupert geht schließlich eine mehr als 100-jährige Geschichte einher. „Dass ich die sechste Generation bin, bedeutet mir einiges“, sagt Michaelis. Auch weil ihre beiden Brüder nicht in die Fußstapfen der Eltern treten wollten. Der eine studiert Mathe, der andere Chemie. Sie selbst hätte sich Medizin vorstellen können, doch die Leidenschaft für das Handwerk war größer. „Außerdem gefällt es mir, mit der Familie zusammenzuarbeiten. Dabei bin ich auch quasi mein eigener Chef.“

Die Ausbildung in der Metzgerei Becker in Seligenstadt lieferte die Grundlage für ihre bisherige Karriere. Als Azubi eines industriell ausgerichteten Unternehmens hätte sie vielleicht mehr Geld verdient. Darauf kam es ihr aber nicht an: „Ich wollte lieber in einer Metzgerei wie der meiner Eltern lernen. Bei den Beckers bin ich bald Teil der Familie geworden und habe auch so gearbeitet.

Mein Chef sagte immer, dass er einen Lehrling wie mich nie wieder finde.“ Sie ist überhaupt sehr engagiert und wissbegierig. Und sie kann sich behaupten, was ihr in der Berufsschule einige Male geholfen hat. Denn im Fleischerhandwerk sind Frauen immer noch stark unterbesetzt. „Ich hatte schon mit Vorurteilen zu kämpfen“, erzählt sie. „So musste ich mir anhören, dass Frauen viel zu schwach für den Beruf seien.“ Doch davon dürfe man sich nicht beirren lassen.

In der Metzgerei Neupert, die Vater und Onkel gemeinsam leiten, steht sie seit November 2016 „ihren Mann“. Sie verstärkt zum einen das Team und bringt zum anderen frischen Wind in den Betrieb, testet beispielsweise neue Produkte wie Pastrami. Allerdings läuft sie nicht jedem Trend hinterher: „Seit einiger Zeit wird ja viel Wirbel um spezielle Reifemethoden gemacht. Doch meiner Ansicht nach sind das nur kurzlebige Trends.“ Langfristige Nachfrage prognostiziert sie für fertig zubereitetes Essen im Glas. Denn in einem von Stress und Hektik geprägten Alltag bleibt für Küche und Herd kaum noch Zeit. Da werde es für die Kunden immer interessanter, sich schnell etwas erhitzen zu können, das zudem noch aus guten Produkten bestehe, so Michaelis.
2017 verabschiedete die Frankfurter Fachschule J. A. Heyne insgesamt 75 Fleischermeister, 18 Bäckermeister sowie 24 Verkaufsleiter, darunter zahlreiche Frauen wie Lena Michaelis im blauen Kostüm.
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2017 verabschiedete die Frankfurter Fachschule J. A. Heyne insgesamt 75 Fleischermeister, 18 Bäckermeister sowie 24 Verkaufsleiter, darunter zahlreiche Frauen wie Lena Michaelis im blauen Kostüm.
Qualität ist für sie ohnehin das A und O. Bei Fleisch und Wurst bedeutet das außerdem Frische, Frische und nochmals Frische. Ein Anspruch, mit dem sie nicht alleine dasteht. Die ganze Familie produziert lieber mehrmals in der Woche kleine Mengen als einmal große Mengen. „Der hohe Qualitätsstandard ist ein Erbe, dem ich mich verpflichtet fühle.“ So viel Engagement wissen die zahllosen Stammkunden zu schätzen, die sich in der Maintaler Metzgerei zum Teil seit Jahrzehnten mit Fleisch und Wurst versorgen. Ein weiterer Grund für ihre Treue sind die Fachkräfte, die hinter der Theke stehen. „Wir haben einen hochwertigen Laden und brauchen entsprechend ausgebildetes Personal.“ Leider sei das nicht so einfach aufzutreiben.

Besonders schade findet sie, dass ihr Beruf als wenig attraktiv gilt, die körperliche Arbeit abschreckt. Sie selbst kommt prima damit zurecht, denn zum Ausgleich trifft sie sich mit Freunden und geht im Sommer gerne schwimmen. Früher war sie passionierte Leistungssportlerin und ist acht- bis zehnmal die Woche gerudert. Dieses Hobby hat sie allerdings für ihren Beruf aufgegeben – und für den Betrieb, den sie eines Tages übernehmen soll.
  • Innenraum der Paulskirche.
    Innenraum der Paulskirche. (Bild: jus)
  • Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier fühlte sich sichtlich wohl bei den Nahrungsmittelhandwerkern, die zur Meisterfeier in Berufskleidung in die Paulskirche eingezogen waren.
    Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier fühlte sich sichtlich wohl bei den Nahrungsmittelhandwerkern, die zur Meisterfeier in Berufskleidung in die Paulskirche eingezogen waren. (Bild: jr)
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  • Michael Boddenberg von der Frankfurter Fleischer-Fachschule J. A. Heyne informiert über den Ablauf der Meisterfeier.
    Michael Boddenberg von der Frankfurter Fleischer-Fachschule J. A. Heyne informiert über den Ablauf der Meisterfeier. (Bild: jus)
  • Die Frankfurter Paulskirche - ein Symbol der demokratischen Freiheit und der nationalen Einheit.
    Die Frankfurter Paulskirche - ein Symbol der demokratischen Freiheit und der nationalen Einheit. (Bild: jus)
  • Der Nachwuchs aus dem Fleischerhandwerk erwartet seine Meisterbriefe.
    Der Nachwuchs aus dem Fleischerhandwerk erwartet seine Meisterbriefe. (Bild: jus)
  • Der Nachwuchs aus dem Fleischerhandwerk erwartet seine Meisterbriefe.
    Der Nachwuchs aus dem Fleischerhandwerk erwartet seine Meisterbriefe. (Bild: jus)
  • Insgesamt erhielten 227 Jungmeister ihre Meisterbriefe in der Frankfurter Paulskirche.
    Insgesamt erhielten 227 Jungmeister ihre Meisterbriefe in der Frankfurter Paulskirche. (Bild: jus)
  • Für die afz - allgemeine fleischer zeitung und fleischwirtschaft.de dabei: Chefredakteur Jörg Schiffeler und Jürgen Richter (rechts).
    Für die afz - allgemeine fleischer zeitung und fleischwirtschaft.de dabei: Chefredakteur Jörg Schiffeler und Jürgen Richter (rechts). (Bild: jus)
  • Blick in den Innenraum der Paulskirche.
    Blick in den Innenraum der Paulskirche. (Bild: jus)
  • Insgesamt erhielten 227 Jungmeister ihre Meisterbriefe in der Frankfurter Paulskirche.
    Insgesamt erhielten 227 Jungmeister ihre Meisterbriefe in der Frankfurter Paulskirche. (Bild: jus)
  • Warten auf den Meisterbrief.
    Warten auf den Meisterbrief. (Bild: jus)
  • Endlich den Meisterbrief in der Hand.
    Endlich den Meisterbrief in der Hand. (Bild: jus)
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  • Betriebsleiter Erich Preiss von der Frankfurter Fachschule J. A. Heyne fiebert mit seinen Schützlingen.
    Betriebsleiter Erich Preiss von der Frankfurter Fachschule J. A. Heyne fiebert mit seinen Schützlingen. (Bild: jus)
  • Frank-Walter Steinmeier und Ehefrau Elke Büdenbender bei den Fleischern.
    Frank-Walter Steinmeier und Ehefrau Elke Büdenbender bei den Fleischern. (Bild: jus)
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  • Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Frankfurter Paulskirche. Im Hintergrund sind die Fleischer in roter Zunftjacke gut sichtbar.
    Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Frankfurter Paulskirche. Im Hintergrund sind die Fleischer in roter Zunftjacke gut sichtbar. (Bild: jus)
  • Die Fleischer machen sich auf den Weg zur Übergabe der Meisterbriefe.
    Die Fleischer machen sich auf den Weg zur Übergabe der Meisterbriefe. (Bild: jus)
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Bis ist so weit ist, kann sie sich gut vorstellen, wieder die Schulbank zu drücken. Ernährungsberatung betrachtet sie als nützliche Fortbildung. „Denn die meisten Kunden glauben, dass sie nur Hähnchen und Pute essen dürfen, wenn sie überschüssigen Pfunden zu Leibe rücken möchten.“ Damit liegen sie natürlich falsch. Seit ihrer Meisterprüfung denkt die Metzgerin auch darüber nach, den Betriebswirt des Handwerks dranzuhängen. Michaelis weiß eben, was sie will.

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