Karriere im Fleischerhandwerk „Steak it easy!“

Freitag, 12. August 2016
Theresa Veh.
Foto: rh
Theresa Veh.
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Theresa Veh Fleischerhandwerk Fleischerei IFFA


Sie hatte nach dem Abi zunächst ganz andere Pläne, wollte eigentlich Betriebswirtin werden: Doch Theresa Veh aus Arnsberg wurde das Studium bald zu trocken. Sie zog die Reißleine und startete in der elterlichen Fleischerei durch.

Es ist schon eine ganz spezielle Berufung, wenn man sich für das Fleischerhandwerk entscheidet“, ist Theresa Veh überzeugt. Die Sauerländerin und diesjährige Trägerin des Förderpreises der Fleischwirtschaft der afz befindet sich dabei in guter Gesellschaft. Nicht nur, dass die Familientradition ihr Fundament auf eine über 125-jährigen Geschichte gründet. Auch Vehs Schwestern haben sich für Berufe entschieden, die besonderes Engagement voraussetzen. Die ältere Schwester Juliane ist als approbierte Tierärztin tätig und kümmert sich schwerpunktmäßig um Reitpferde, während sich Johanna, die Jüngere, für den Kochberuf begeistert und auf ihren Lehr- und Wanderjahren von der Sterne-Gastronomie bis zum Event-Catering die Bandbreite dieses kulinarischen Berufsfelds auslotet. 

Für Theresa Veh standen nach dem Abitur zunächst andere Themen auf dem beruflichen Plan als die elterliche Fleischerei im Sauerland. Das Studium der Betriebswirtschaft mit seinen Tabellen und Theorien wurde ihr allerdings nach wenigen Semestern viel zu trocken und langweilig: „Die Welt von Excel und Ökonomie wurde mehr und mehr zur Pflichtübung als zum Berufswunsch“, erklärt sie rückblickend. Nach zwei Jahren zog sie an der Uni die Reißleine und wandte sich dem zu, was ihr mehr Freude machte. Sie absolvierte mit sehr guten Noten eine Fleischerlehre, an die sie vor vier Jahren den Meisterlehrgang in Münster anschloss. Für Theresa und ihre Schwester Johanna steht nun fest, dass sie die Familientradition gemeinsam fortsetzen und den Namen „Veh“ zu einer regionalen Marke gestalten und ausbauen wollen.

Was macht den Reiz aus, sich dem Abenteuer der Selbstständigkeit auszusetzen? „Zum einen ist es nichts Neues, denn ich kenne das Metier, zum anderen macht es einfach Spaß“, lautet die Antwort. „Und die vier Semester Betriebswirtschaftslehre waren nicht für die Katz“, fügt die 28-Jährige hinzu. Das an der Hochschule erworbene Wissen habe sie gut durch die entsprechenden Prüfungsteile auf der Meisterschule gebracht. Im Alltag bilden die Aufgabenfelder Verkauf, Produktion und Büro nun einen harmonischen Dreiklang für die junge Meisterin. „Schon als Schülerin habe ich immer gern in der Fleischerei ausgeholfen“, schwärmt sie. „Daher waren mir die Tätigkeiten im Betrieb, im Verkauf und als Bedienung beim Partyservice nicht fremd.“ Als sie als Nachwuchskraft wieder einstieg, habe sie das Gefühl gehabt: „Hier bin ich richtig!“ Dass sie sich mit dem Thema Marketing auseinandersetzen konnte, sei ein weiterer Aspekt gewesen. Die Aktion „Steak it easy“ machte nicht nur im Umkreis der Fleischerei Veh von sich reden. Auch das WDR-Fernsehen berichtete. Ihr Vater motivierte Theresa, sich für den Förderpreis der Fleischwirtschaft zu bewerben. Nach der Nachricht, bei der Siegerehrung ganz oben auf dem Treppchen zu stehen, sei er „ganz aus dem Häuschen“ gewesen.

Um sich von Supermärkten abzuheben, setzt Theresa Veh auf transparente Einblicke in den Betrieb und Corporate Identity – Maßnahmen, die in den Aufbau der Regionalmarke Veh münden. Sie ist eine aktive Öffentlichkeitsarbeiterin, hält Kontakt zu den Medien und wird gehört, zum Beispiel in einem Fernsehbericht der WDR „Lokalzeit Südwestfalen“. Dabei geht es ihr nicht allein um das eigene Unternehmen, die Begeisterung junger Nachwuchskräfte für die Berufe des Fleischerhandwerks liegt ihr ebenfalls am Herzen.

Förderpreis der Fleischwirtschaft 2016
(Bild: Natalie Färber)

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Förderpreis der Fleischwirtschaft Botschafter für den Beruf

Trotz des Erfolgs will sie nicht ganz auf die Marketingseite wechseln. Dafür reizt sie die Produktion zu sehr. Vor allem das Tüfteln an neuen Rezepten oder Varianten von altbekannten Wurstsorten sind ihr Faible: „Es ist ein schönes Gefühl, wenn ein neues Produkt gut verkauft wird und die eigene Kreativität Anerkennung findet.“ Zu den erfolgreichen Wurstsorten des Fachgeschäfts zählen unter anderem die Leberwurst mit Rübenkraut, eine Wurst mit Tomatenanteil oder die gepökelte und geräucherte Ochsenbrust als sauerländische Pastrami. „Kannte hier vorher keiner, jetzt ist es ein Bestseller!“, lautet Vehs Kommentar. Drei bis vier Ochsenbrüste pro Woche werden inzwischen zu dieser Spezialität verarbeitet.

Den jungen Kolleginnen und Kollegen, die ihre Lehre beendet haben, rät die „Botschafterin des Fleischerhandwerks“ zu ein paar Lehr- und Wanderjahren. Das helfe dabei, frische Gedanken aufzunehmen und die kulinarische Kultur anderer Länder und Regionen kennenzulernen. Sie selbst hat sich zwei Jahre lang in Kollegenbetrieben umgeschaut, war unter anderem bei Himperich in Bergisch-Gladbach tätig sowie bei Werner in Köln. „Dort entwickelte ich wohl meine Vorliebe für Leberwurst“, blickt sie zurück. „Lust auf Neues vermitteln“ ist eine Triebfeder für sie. „Andere Menschen von den eigenen Ideen zu überzeugen sorgt für ein gesundes Selbstbewusstsein“, fügt sie hinzu.

Zur Person

Die junge Fleischermeisterin ist in einen traditionsreichen Betrieb hineingeboren: Die Fleischerei im Sauerland geht auf die Gründung von Theodor Scheiwe im Jahr 1885 zurück. Heute betreibt die Familie Veh neben dem Hauptgeschäft in Arnsberg noch die Markthalle im Stadtteil Neheim als Kombiladen gemeinsam mit einem Bäcker. Veh sieht darin ein zweites Standbein und die Chance, die Küchenkapazitäten besser auszulasten. Weitere Unternehmensbereiche sind der Partyservice und ein Landgasthof, der als Location für Familien- und Vereinsfeiern genutzt wird. +++ Insgesamt beschäftigen die Vehs 50 Mitarbeiter. Die Juniorchefin berichtete jüngst auf dem IFFA-Forum „Wir haben kein Problem, Azubis zu finden.“ Das kommt nicht von ungefähr: Die Vehs engagieren sich auf Ausbildungsmessen, sprechen die Klientel aktiv via Facebook an. Und auch die Ausbildungsvergütungen liegen über der tariflichen Vereinbarung. +++ In ihrer Bewerbung um den Förderpreis der Fleischwirtschaft 2016 schreibt Theresa: „Von klein auf habe ich immer mit Begeisterung auf diesen Beruf geschaut. Daher stand für mich schon sehr früh fest, dass ich einmal in die Fußstapfen meiner Eltern treten möchte.“
Ob es sich lohnt, die Bewerbung für den Förderpreis abzuschicken? Klare Antwort: „Wer Ideen hat, hat auch Chancen, damit weiter zu kommen!“ Nicht zuletzt erwies sich die Teilnahme für sie zu einem persönlichen Erfolg, den sie auch über Facebook mit dem Rest der (Fach-)Welt teilte, die Bilder vom Gala-Abend der afz beispielsweise wollten spontan 4.500 Menschen sehen.

Ganz im Sinn einer gesunden Work-Life-Balance pflegt sie Reiten als Hobby. „So viel Zeit muss sein“, findet sie, denn: „Warum soll der Chef der Einzige sein, der nach der Arbeit keinen Ausgleich hat?“

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