Marketing Cooler Metzger mit cooler Wurst

Montag, 25. September 2017
Simon Karcher ist für jeden Kunden „Dein Metzger“. Die Liebe zum Fleisch heißt bei ihm kurz und knackig: Meat love.
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Simon Karcher ist für jeden Kunden „Dein Metzger“. Die Liebe zum Fleisch heißt bei ihm kurz und knackig: Meat love.
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Simon Karcher Fachgeschäft Facebook


Unkonventionell locker tritt Simon Karcher auf. Aus dem Fachgeschäft machte er ein Geschmackswerk. Der Marktwagen rollt als Geschmacksfuhrwerk an.
von Iris Treiber

Einmal dazu entschlossen, verfolgt Simon Karcher sein Ziel hartnäckig und kompromisslos: „Sachen machen für Leute mit Geschmack.“ Seine Metzgerei heißt Geschmackswerk, sein Marktwagen Geschmacksfuhrwerk, aus dem Fachgeschäft wurde „Dein Karcher“, und seine Spezial-Bratwürste schmecken ganz anders als die normalen, die es bei ihm ebenfalls gibt. 

Denn nach wie vor stellt er traditionelle Erzeugnisse her, um auch den Bedarf der älteren Kundschaft zu erfüllen. Sein Fokus richtet sich jedoch auf junge Käufer und ein zukünftiges Klientel. Den Betrieb in Neibsheim, einem dörflichen Ortsteil von Bretten im Kraichgau übernahm der junge Meister in vierter Generation.
Vom T-Shirt bis zur Tüte: Diese Liebe zum Fleisch ist überall plakatiert.
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Vom T-Shirt bis zur Tüte: Diese Liebe zum Fleisch ist überall plakatiert.
Das war ursprünglich nicht geplant. Zunächst hatte er eine technische Ausbildung begonnen, stellte aber bald fest, dass er weder in der Lage noch willens war, einen Chef zu haben. Also entschied er sich für die Karriere als selbstständiger Fleischer. Nach Lehre und Meisterprüfung übernahm er mit 23 Jahren den 1922 gegründeten Familienbetrieb. Auf die Erfahrung der Eltern Margarita und Heinz Karcher konnte er bauen. Doch schon bald fing er an, für die bis dahin klassisch geführte Metzgerei neue Ideen zu entwickeln.

Weil der vorhandene Marktwagen einen guten Umsatz einbrachte, ersetzte er ihn 2015 durch das „Geschmacksfuhrwerk“ – 8,40 m lang, der Verkaufsbereich misst sechs Meter. „Es war teurer als der Ladenumbau“, berichtet der Inhaber. Jeden Mittwoch und Samstag fährt er mit zwei Fachverkäuferinnen ins zwölf Kilometer entfernte Bruchsal. „Wir laden den Wagen ganz voll. Das sieht ziemlich gut aus“, so Karcher. Wochenmarkt sei heutzutage sowieso Erlebniseinkauf pur. Seine Aufgabe beschränkt sich darauf, nur Fleisch zu verkaufen. „Das lasse ich mir nicht aus der Hand nehmen“, sagt er. „Ich habe auf dem Wochenmarkt einen enormen Fleischumsatz.“ Besonders junge Leute stehen Schlange; 80 Prozent sind Stammkunden.
„Wenn ich ein Stück Fleisch verkaufe, hat der Kunde das Gefühl, er habe das geilste Stück der Welt bekommen.“
Simon Karcher
„Wenn ich ein Stück Fleisch verkaufe, hat der Kunde das Gefühl, er habe das geilste Stück der Welt bekommen“, sagt er. „Ich erkläre ihm, wie er es zubereiten kann. Manchmal sage ich auch, dass ich das jetzt gern selber essen würde. Und das stimmt sogar.“ Er verkauft grundsätzlich nur voll gereiftes Fleisch, was natürlich einen gewissen Umschlag voraussetzt. Vom Roastbeef bis zum Flat Iron – es gibt alles in jedem gewünschten Cut.

Was gerade nicht verfügbar ist, besorgt der Meister bis zum nächsten Markttag. An sechs Werktagen ist der Laden geöffnet. 2016 bekam er ein neues Outfit verpasst. Weil es der Chef einerseits gern Ton in Ton und andererseits gern bunt mag, dominiert nun das Grau; es gibt rote Kontrastflächen. Zur Berufskleidung des Teams gehören schwarze T-Shirts sowie schwarze und graue Kapuzenkittel mit flippigen Sprüchen wie „Karcher Dein Metzger“, „MEAT love“, „iss doch mal was Anständiges“, „Fleisch macht sexy“ und „darf's ein bisschen mehr sein?“.

All das greift der junge Meister auf seiner Website und Facebook-Seite auf. Fotos verbindet er mit knackigen Texten, die so kurz sind, dass sie tatsächlich gelesen werden. Bei den Videos erlaubt eines den Blick in die Reifekammer mit Salzsteinwand, was ihm binnen kürzester Zeit 3.000 Clicks einbrachte. „Heute genügt es nicht mehr, ein guter traditioneller Metzger zu sein. Heute muss man auch cool sein. Es gab noch nie so viele coole Metzger wie jetzt“, betont er.
Drei Sorten der Spezial-Bratwürste (von links): roter Spitzpaprika-Frühlingszwiebeln, der Favorit Tomate-Basilikum, Thymian-Zitrone
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Drei Sorten der Spezial-Bratwürste (von links): roter Spitzpaprika-Frühlingszwiebeln, der Favorit Tomate-Basilikum, Thymian-Zitrone
Und coole Metzger machen coole Bratwürste: Bei Karcher fallen sie unter den Begriff „Spezial-Bratwürste“. Es gibt sie nur zum Wochenende, und sie sind etwas teurer als die normalen. Ausprobiert hat er unzählige Varianten. Nur einige sind geblieben: Tomate-Basilikum, Kürbis-Curry-Ingwer, Apfel-Maroni, Bärlauch-Orange, Nektarine-Rosmarin-Feta, Granatapfel-Feta, Zitronengras-milde-Chillischote, roter Spitzpaprika-Frühlingszwiebeln, Dry-Aged aus Abschnitten, Lammbratwurst mit frischem Thymian, Rehbratwurst im Herbst und Rostbratwurst nach dem Originalrezept des Großvaters.

„Die erste war Thymian-Zitrone“, erinnert sich Karcher, „und die hat gleich eingeschlagen.“ Auf die Idee mit dem Zusatz frischer Kräuter kam er, während er bei einer klassischen Bratwurst mit frischem Majoran experimentierte. Vier kleine Bündelchen Thymian braucht er für 20 kg Wurst; zarten Sommerthymian verwendet er komplett, beim Winterthymian zupft er die Blätter vom harten Stängel. Alles wird gewolft; den Kutter verwendet er grundsätzlich nicht. „Schon mein Vater hat das lieber mit den Händen gemacht“, so der 28-Jährige.
Auch die Berufsbekleidung ist mit Logo und Slogan bestückt.
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Auch die Berufsbekleidung ist mit Logo und Slogan bestückt.
Was es am nächsten Wochenende geben wird, kann er immer erst mittwochs nach dem Einkauf frischer Rohstoffe auf dem Bruchsaler Wochenmarkt sagen. Über 100 kg Bratwürste stellt er jeden Donnerstag her. „Das ist extrem viel für einen kleinen Dorfmetzger“, ist ihm bewusst. Parallel zu den Spezial-Bratwürsten gibt es auch Hähnchenbrust, mit Brät gefüllt und mit Südtiroler Speck oder Parmaschinken umwickelt.

„Es macht einfach Spaß, das alles auszuprobieren“, sagt Karcher. „Es ist ein bisschen wie kochen. Und ich koche sehr gern“. Ein Prototyp wird getestet: Topp oder Flop? „Ein ganz übler Flop war eine Kalbsbratwurst mit Schokolade und Chili, die hab ich komplett entsorgt“, bedauert der Erfinder, aber: „Besonders topp und beliebt ist die mit Basilikum und Tomaten.“ Also ab damit in den Fleischwolf. Der coole Metzger macht wieder eine coole Sache für Leute mit Geschmack.
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