Nutzfahrzeuge Transporter werden vornehmer

Samstag, 03. Dezember 2016
Der Ford Transit Custom bietet in der Kabine noch mehr Pkw-Komfort und überzeugt mit vielen Ablagen, Staufächern und einer variablen Beifahrerbank.
Foto: Ford
Der Ford Transit Custom bietet in der Kabine noch mehr Pkw-Komfort und überzeugt mit vielen Ablagen, Staufächern und einer variablen Beifahrerbank.

Weniger Verbrauch, mehr Ausstattung, so lautet die Erfolgsformel der Automobilindustrie. Vier Fahrzeuge im afz-Test.
Von Bernd Nusser

Ungeachtet der Luftreinhaltungsprobleme in den Innenstädten, erreicht der Absatz von Transportern neue Rekorde. Die Hersteller gestalten ihre herkömmlichen Antriebskonzepte verbrauchsärmer und die Fahrzeuge selbst Pkw-ähnlicher. Vier aktuelle Beispiele:

VW Transporter

Selbstbewusst trägt der VW Transporter als Branchenprimus seit jeher den Begriff der gesamten Fahrzeuggattung im Namen. Und in Hannover, wo der Kastenwagen seit 60 Jahren und aktuell in sechster Generation produziert wird, sind die Mitarbeiter von Markenchef Eckhard Scholz unvermindert mächtig stolz auf ihren Dauerbrenner – unabhängig vom neuen großen Bruder Crafter.
Nach ihm ist eine ganze Fahrzeugklasse benannt: der VW Transporter.
Foto: Volkswagen
Nach ihm ist eine ganze Fahrzeugklasse benannt: der VW Transporter.
Mit der Produktaufwertung im vergangenen Jahr, die der Hersteller freilich wortreich als „Generationswechsel“ bewarb, passte sich der Marktführer dem allgemeinen Trend an: sparsamere Motoren, hochwertigere Ausstattung.

Ersteres war im Alltagstest der afz beim vorgefahrenen „T6“ allemal festzustellen. Der 2,0-Liter-Diesel hinterließ bereits in der untersten Leistungsstufe mit 75kW/102PS einen starken Eindruck – bei Praxisverbrauchswerten im Sechs-Liter-Bereich. Das ermöglicht einen Aktionsradius von mehr als 1.000 Kilometern mit einer Tankfüllung. Der Antrieb bewährt sich gerade im Stadtverkehr und sorgt auch auf der Langstrecke für zügigen Vortrieb.
IAA - VW Crafter
(Bild: VW)

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Von der angekündigten „Höherpositionierung“ und den „technischen Finessen“ ist in der Basisausstattung allerdings nicht viel zu sehen. Da geht es eher rustikal-rudimentär zu. Das beginnt bei der recht schwachen Lichtausbeute, führt über den einfach verkleideten Frachtraum und endet bei der fehlenden Durchlademöglichkeit für die Trennwand noch lange nicht. Da bleibt nur, sich durch die umfangreiche Sonderausstattungsliste zu arbeiten. Dann steigt der Basispreis von 25.290 Euro (ohne Mehrwertsteuer) natürlich rasch an.

Ford Transit Custom

Der Ford Transit Custom, drittgrößtes Modell im Nutzfahrzeugquartett der Kölner, hinterlässt im direkten Vergleich fraglos den gediegeneren Eindruck. Freilich dominiert auch beim Transporter aus der Türkei reichlich Hartplastik (was in dieser Fahrzeugklasse durchaus praktisch ist), doch ähnelt die Kabine noch mehr den Pkw-Modellen des Hauses mit vielen Ablagen, Staufächern und variabler Beifahrerbank. Das gilt auch für das Fahrverhalten: solide, nichts klappert, nichts wackelt, nichts dröhnt.
Der Ford Transit Custom bietet in der Kabine noch mehr Pkw-Komfort und überzeugt mit vielen Ablagen, Staufächern und einer variablen Beifahrerbank.
Foto: Ford
Der Ford Transit Custom bietet in der Kabine noch mehr Pkw-Komfort und überzeugt mit vielen Ablagen, Staufächern und einer variablen Beifahrerbank.
Dafür liegt der Ford – hundert Prozent gibt es bekanntlich nirgendwo – im Kraftstoffkonsum deutlich über dem Volkswagen. Bei praktisch gleicher Leistung (77kW/105PS) genehmigte sich der nagelneue 2,0-Liter-Motor, der auch mit 96kW/130PS und 125kW/170PS angeboten wird, im Testdurchschnitt 7,9 Liter auf 100 Kilometern. Das liegt unter anderem auch am fehlenden Start/Stopp-System, das für 160 Euro als Option zur Verfügung steht. Bei verstärktem Einsatz im innerstädtischen Bereich lohnt diese überschaubare Investition.

Der glattflächige Frachtraum verfügt über eine besonders helle Beleuchtung, was um diese Jahreszeit die Auslieferung allemal erleichtert. Dagegen sorgt der glatte Boden für Rutschpartien und die Sicht beim Rechtsabbiegen ist eingeschränkter als beim VW mit gleichfalls verglaster Schiebetür. Den Custom gibt es ab 26.050 Euro in gleich drei Ausstattungsstufen, wobei die mittlere Version „Trend“ (2.000 Euro Aufpreis gegenüber der Basis) inklusive Klimaanlage und Audiosystem zu empfehlen ist.

Hyundai H 350

Zwei Etagen höher, in der sogenannten Sprinter-Klasse, möchte sich auch Hyundai etablieren. Und, keine Frage, die Koreaner haben bei ihrem Einstieg in das Segment den Namensgeber als Vorbild genommen – die äußerliche Ähnlichkeit mit Daimlers Dauerläufer aus Düsseldorf ist schon auffällig.
Die Ähnlichkeit des Hyundai H350 zu dem Namensgeber der Nutzfahrzeugklasse, dem Mercedes Sprinter, ist frappierend.
Foto: Hyundai
Die Ähnlichkeit des Hyundai H350 zu dem Namensgeber der Nutzfahrzeugklasse, dem Mercedes Sprinter, ist frappierend.
Innen setzt der Herausforderer aber ganz auf die eigenen Werte. Hier finden sich allerlei Anleihen aus der hauseigenen Pkw-Flotte. Schade allerdings, dass nicht auch das Navigationssystem aus i30 und i40 den Weg in den Transporter gefunden hat. Das im Testwagen verbaute Zubehörgerät von Pioneer wirkt in der Armaturentafel eher als Fremdkörper, hat viel zu kleine Bedientasten und eine sehr einfache Kartendarstellung. Ein großes Naviscreen gibt es nur in der 1.570 Euro teureren „Profi“-Ausstattung samt dem „Wert-Paket“ für 3.400 Euro. So nähert sich die Gesamtinvestition ohne Mehrwertsteuer schnell der 40.000-Euro-Marke.
IAA 2016 - Winter
(Bild: Winter)

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Gute Arbeit leistet das Sechsgang-Schaltgetriebe und die Rückfahrkamera im Innenspiegel. Im Praxisbetrieb sollten für den stärkeren der beiden angebotenen Diesel mit 125kW/170PS Verbrauchswerte um die zehn Liter einkalkuliert werden. Aktuell stehen, laut Hyundai-Geschäftsführer für Deutschland, Markus Schrick, noch einige Euro-5-Fahrzeuge im Lager, die Potenzial bei den Preisverhandlungen bieten. Fuhrparkmanager, die auf die seit 1. September 2016 verbindliche Euro-6-Norm setzen, müssen mit weniger Nachgiebigkeit bei den Preisverhandlungen und vor allem mit längeren Auslieferzeiten rechnen.

Citroën Jumpy

Das kompakteste und neueste Modell in diesem Quartett ist bereits vollends in der Pkw-Welt angekommen: schlüsselloser Zugang und Starterknopf (besonders vorteilhaft auf Liefertouren mit vielen Stationen), elektrisch öffnende Schiebetür, Sitzheizung, fast unmerklich agierendes Start/Stopp-System, elegant beleuchteter Instrumententräger und sogar ein Head-up-Display mit den wichtigsten Informationen zu Geschwindigkeit und Navigation im Sichtfeld des Fahrers – die Franzosen setzen ganz neue Maßstäbe im Transportwesen.
Der Citroën Jumpy hat sich am häufigsten im Pkw-Regal des französischen Konzerns bedient.
Foto: PSA
Der Citroën Jumpy hat sich am häufigsten im Pkw-Regal des französischen Konzerns bedient.
Zum hochwertigen Gesamteindruck tragen auch der durchzugsstarke und gleichzeitig sehr leise arbeitende 110kW/150PS-Diesel samt Sechsgang-Schaltung und das gelungene Fahrwerk bei.

Für den Jumpy, der praktisch baugleich auch als Peugeot Expert und als Toyota Proace zu haben ist, stehen drei Fahrzeuglängen von 4,61 über 4,96 bis 5,31 Meter zur Wahl. Auch das Motorenangebot deckt mit fünf Varianten von 70kW/95PS bis 130kW/177PS praktisch alle Bedürfnisse ab.

Im Alltag helfen beispielsweise die Stauräume unter den Beifahrersitzen – wenn man sich für die 1.700 Euro teurere „Business“-Ausstattung entschieden hat. All die Annehmlichkeiten haben allerdings ihren Preis und so brachte es der Testwagen inklusive Mehrwertsteuer auf mehr als 37.000 Euro.

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