Trüffeljagd Metzger sind die neuen Rockstars

Freitag, 22. April 2016
Jörg Förstera von der Berliner Metzgerei „Kumpel & Keule“ ermuntert die Trüffeljäger ihr Handwerk zu zeigen.
Foto: Joanna Nottebrock / Adalbert-Raps-Stiftung
Jörg Förstera von der Berliner Metzgerei „Kumpel & Keule“ ermuntert die Trüffeljäger ihr Handwerk zu zeigen.
Themenseiten zu diesem Artikel:

Trüffeljagd


Bei der Trüffeljagd der Adalbert-Raps-Stiftung haben rund 30 Fleischer einen Eindruck davon gewonnen, wohin die Reise in ihrem Handwerk gehen wird.

Wer als online-affiner Mensch gern den Bilderdienst Instagram nutzt, der sollte mal nach der Fleischerei Borghs suchen. Dort findet er seit Kurzem Fotos und Videos von Metzgermeister Heinz Borghs, von seinem Betrieb, seinen Mitarbeitern, seinen Produkten. „Ich hatte Instagram als Marketinginstrument nicht auf dem Schirm“, sagt der 49-Jährige aus Straelen in Nordrhein-Westfalen. „Aber jetzt werde ich das ausprobieren. Das ist vielleicht ein Weg, wie man an junge Leute herankommen kann.“

Den Anstoß zu dieser Idee erhielt Heinz Borghs bei der Trüffeljagd der Adalbert-Raps-Stiftung in Berlin – und nicht nur er hat sich dort inspirieren lassen. „Ich will mich stärker mit Social Media beschäftigen und neue Zuschnitte ausprobieren“, notierte etwa Thomas Winterhalter aus Elzach auf eine Postkarte, die jeder Teilnehmer zum Abschluss der dreitägigen Veranstaltung in der Hauptstadt verschickt hat – an sich selbst, zur Erinnerung. Bei Michael Koch aus Biberach steht auf der Karte: „Ich möchte einen neuen Vertriebskanal aufbauen, der nach dem Prinzip ‚Bestellen und Abholen‘ funktioniert – eventuell mit Abholboxen.“ Und Martin Krammer aus Pfaffenhofen hat sich vorgenommen: „Wir müssen versuchen, unsere Kunden zu unseren Fans zu machen.“

Beim Backschweinessen erklärte Bernd Schulz, warum Fleisch von glücklichen Schweinen besser schmeckt.
Foto: Joanna Nottebrock / Adalbert-Raps-Stiftung
Beim Backschweinessen erklärte Bernd Schulz, warum Fleisch von glücklichen Schweinen besser schmeckt.
Die Inspirationen für alle diese Ideen holten sich die Metzger bei der Trüffeljagd – einer deutschlandweit einzigartigen Veranstaltung: Drei Tage lang tourten die Teilnehmer durch Berlin, hörten Vorträge von Vordenkern aus der Fleischbranche, tauschten sich untereinander und mit Experten aus, lernten junge Unternehmer kennen und arbeiteten gemeinsam an Konzepten für die Metzgerei von morgen. „Wir haben festgestellt, dass sich immer mehr Fleischer fragen, wohin die Reise in ihrem Handwerk geht“, erklärt Frank Kühne, Vorstand der Adalbert-Raps-Stiftung. „Bei der Trüffeljagd wollten wir ihnen aufzeigen, wie der Metzger der Zukunft aussehen könnte – und wie sich die Betriebe darauf vorbereiten sollten.“
Vorstand Frank Kühne von der Adalbert-Raps-Stiftung auf Schulz’ Ökobauernhof mit freilaufenden Schweinen.
Foto: Joanna Nottebrock / Adalbert-Raps-Stiftung
Vorstand Frank Kühne von der Adalbert-Raps-Stiftung auf Schulz’ Ökobauernhof mit freilaufenden Schweinen.
Die Veranstaltung, die von den Firmen Raps und Schrutka-Peukert unterstützt wurde, stieß schon im Vorfeld auf immense Resonanz: „Wir waren überrascht, wie groß der Run auf die Trüffeljagd war“, erzählt Kühne. „Bereits nach wenigen Tagen waren alle Plätze vergeben, und auch danach gab es noch etliche Anfragen.“ Kein Wunder angesichts des hochkarätigen Programms. Den Auftakt bildete ein Besuch im Szene-Restaurant Katz Orange, wo der Kulinariker Ludwig Cramer-Klett den Metzgern einen Einblick in sein „nose to tail“-Konzept gab – inklusive Abendessen mit zwölf Stunden lang gegarten Short Ribs und Duroc-Schwein. Tags darauf tauchten die Trüffeljäger ein in die Welt der Food-Startups: Unter anderem stellte Christian Eggert den Online-Wochenmarkt Bonativo vor, Daria Mai berichtete vom Trockenfleisch-Snack Paleo Jerky, und afz-Förderpreisträger Yannick Meurer von Gourmetfleisch.de erzählte, wie aus einer Familien-Metzgerei ein erfolgreicher Online-Fleischhändler entstanden ist. Er riet den Trüffeljägern: „Man kann auch online ein tolles Einkaufserlebnis bieten. Wichtig ist, dass man eine Geschichte erzählt.“
Einblicke in das „nose to tail“-Konzept von Ludwig Cramer-Klett erhielten die Teilnehmer im Restaurant Katz Orange.
Foto: Joanna Nottebrock / Adalbert-Raps-Stiftung
Einblicke in das „nose to tail“-Konzept von Ludwig Cramer-Klett erhielten die Teilnehmer im Restaurant Katz Orange.
Nach den Vorträgen kamen die Teilnehmer in Gruppen zusammen, sodass sie – unter Anleitung von professionellen Coaches – das Gehörte bündeln und daraus Lehren für ihren Betrieb ziehen konnten. Zudem wurde eifrig debattiert und sich ausgetauscht. „Wer hierher kommt, ist kein Nullachtfünfzehn-Metzger, sondern will etwas in seiner Branche bewegen“, resümiert Hannes Friemann, Metzger-Azubi aus Ronnenberg. Er war mit 20 Jahren der jüngste Teilnehmer, seine Eltern führen eine Metzgerei in Nordhorn, und für ihn steht fest: „Wenn man drei Tage lang solche Leute um sich herum hat, dann kann man unglaublich viel aus den Gesprächen mitnehmen.“

Initiatoren der Trüffeljagd

Innovationen, geregelte Nachfolge und Vernetzung mit Kollegen entscheiden über die Zukunftsfähigkeit eines fleischerhandwerklichen Betriebs. Zu Ehren des visionären Unternehmers Adalbert Raps wandte sich die Adalbert-Raps-Stiftung an Design Thinker des Hasso-Plattner-Instituts der Uni Potsdam, um dieses Problem aus neuer Perspektive anzugehen. Die Design Thinker fahndeten nach Fleischalternativen, erforschten Trends und sprachen mit Verbrauchern. Ihr Fazit: Netzwerke, Inspirationen für innovative Produkte, Geschäftsmodelle und Vorbilder sind dringend gefragt. Daraus entwickelten sie das Format der Trüffeljagd.
Nach einem Abendessen in der Backschwein-Tenne von Landwirt-Legende Bernd Schulz ging die Trüffeljagd tags darauf in der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg weiter – der Geburtsstätte von Streetfood in Deutschland. Hier wartete aus Sicht vieler Teilnehmer das Highlight der Veranstaltung: ein Treffen mit Hendrik Haase von der Metzgerei „Kumpel & Keule“. Er ermunterte die Fleischer in seinem wortgewaltigen Vortrag zu mehr Mut und mehr Stolz auf ihr Handwerk. „Metzger sind die neuen Rockstars!“, erklärte Haase – eine Botschaft, die bei den Trüffeljägern ankam. „Mein Vater sagt immer, dass wir den schönsten Beruf der Welt haben, doch ich habe das oft verleugnet“, pflichtete ihm Metzgerstochter Christine Krammer aus Pfaffenhofen bei. „Aber jetzt weiß ich sicher, dass er Recht hat. Wir haben wirklich den schönsten Beruf der Welt – und sollten darauf stolz sein.“

Weblink zur Trüffeljagd.

Lesen Sie auch "In der Metzgerei der Zukunft".

Das könnte Sie auch interessieren
stats