Kommentar von
Jörg Schiffeler

Alternative Fakten Ablenkungsmanöver lösen keine Herausforderungen

Dienstag, 14. Februar 2017
Verkehrte Welt: Was wichtig ist und Verantwortung bedeutet, fällt in Zeiten des Wohlstands weniger ins Gewicht. An Bedeutung gewinnt die Selbstverwirklichung des Ich, das Dank der digitalen Kommunikationswege schnell eine Bühne zur allgemeinen Profilierung findet – gefallen, teilen, kommentieren inklusive. Der Perspektivenwechsel bleibt immer öfter auf der Strecke, und die Platzierung alternativer Fakten bekommt immer mehr Schub.
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Bauernregel Fachkräftemangel Mindestlohn


Uns geht es so gut, dass vergangene Woche eine einzelne Veganerin das Nachrichtengeschehen im In- und Ausland beherrschte. Was war geschehen? Ein Limburger Glockenspiel mit wechselnden Melodien schlägt auch das Lied „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ an. Der weitere Wortlaut ist bekannt. Das findet die sich alternativ ernährende Bürgerin unpassend und bat ihren Bürgermeister um Abhilfe. Das Stadtoberhaupt kam dem Wunsch nach. Und der Ärger begann. In der Regel wird Politikern vorgeworfen, weder den Willen des Volkes und schon gar nicht den eines Einzelnen zu beherzigen. Hier ist es anders. Nun schlagen die Glocken erst einmal andere Töne an, weil das Repertoire ohnehin viele Kompositionen kennt.

Was ist eigentlich los in unserem Land, dass derartige Themen eine so große Bühne erhalten? Doch damit nicht genug. Kaum, dass Bundesumweltministerin Barbara Hendricks neue Bauernregeln ausgegeben hatte – und Euro-Millionen für die bundesweite Kampagne obendrein –, überschlagen sich die Ereignisse im politischen Berlin.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt läuft Sturm, nachdem ihn die Bauern dazu angetrieben haben. Nun fürchtet er um Wählerstimmen. Was war hier geschehen? Nun, die beiden Kabinettskollegen sind sich nicht grün. Der Eine enthüllt Pläne für ein kaum ausgegorenes Tierwohl-Label – ebenfalls inklusive einer millionenschweren Werbekampagne – und die Andere greift ins Nachbarressort, weil nach ihrer Auffassung zu wenig zu Gunsten einer verantwortungsvollen und nachhaltigen Landwirtschaft angepackt wird. Der Bundestagswahlkampf zwischen CDU, CSU und SPD ist spätestens auch an dieser Stelle eröffnet worden.

„Über die Vorgehensweise von Barbara Hendricks darf gestritten werden. Peinlich ist, dass die Ressortchefin für Umwelt binnen kürzester Zeit zurückruderte. Das eigentliche Ziel der Kampagne „Gut zur Umwelt. Gesund für alle“ sollten alle teilen können.“
Jörg Schiffeler, afz-Chefredakteur
Über die Vorgehensweise von Hendricks darf gestritten werden. Peinlich ist, dass die Ressortchefin für Umwelt binnen kürzester Zeit zurückruderte. Die Agrarlobby wehrte sich im Einklang mit ihrer Fachpresse derart heftig gegen die aus ihrer Sicht verletzende Verunglimpfung eines Berufsstands. Dass das in einer Demokratie funktioniert, ist alarmierend, denn Bauern und Lobbyisten gaben keine Antworten auf die Bauernregeln.

Stattdessen platzierten sie geschickt alternative Fakten über die Wirtschaftsleistung einer Branche, die das eigentliche Ziel der Kampagne „Gut zur Umwelt. Gesund für alle“ teilen müsste und alles genau daran setzen sollte. Das wird auch erforderlich werden, wenn eine ehrlich gemeinte Nutztier-Strategie auf den Weg gebracht werden soll, die auch vom breiten Wahlvolk mitgetragen wird.

Die Misstöne aus Limburg und Berlin haben unterdessen den Fachkräftemangel auf der einen Seite und andererseits die Integration hilfsbedürftiger Mitmenschen aus den Krisengebieten dieser Welt nicht gelöst. Was haben wir dafür getan? In der Bundesrepublik herrscht annähernd Vollbeschäftigung und das teilweise zu einem hohen Preis, weil Unternehmen ganze Bereiche auslagern und dabei auch prekäre Arbeitsverhältnisse schaffen – trotz Mindestlohn. Immerhin sind so viele Menschen in Lohn und Brot wie lange nicht. Und das ist gut so. Es gibt kaum Branchen, in denen es keinen Mangel an Arbeitskräften gibt. Wie können wir Flüchtlingen helfen und gleichzeitig profitieren? Unsere Geschichte kennt gelungene Erfolgsbeispiele.

Der künftige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gibt eine gute Richtung vor: den Willen zu mehr Mut, Vertrauen und Zuversicht. Diskutieren und ringen wir miteinander um Lösungen für die tatsächlichen Herausforderungen.

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