Kommentar von
Jörg Schiffeler

IHM 2018 Versprechen ans Handwerk müssen auch eingelöst werden

Dienstag, 13. März 2018
Wetten, dass Ihnen das nicht entgangen ist: Kaum ist in München die Internationale Handwerksmesse (IHM) am Start, nutzen Politiker, Minister und Regierungschefs das Parkett, um die Bedeutung der Wirtschaftsmacht von nebenan für den Standort Deutschland zu betonen.

Nicht nur die Handwerker im Land, sondern auch die Unternehmer erwarten Taten statt Sonntagsreden. Und da gibt es allerhand anzufassen – nicht nur nach dem Münchner Spitzengespräch der Deutschen Wirtschaft. Auch die Lebensmittelhandwerker wissen davon ein Lied zu singen – besonders die Metzger.

Politiker kommen gern zu Bäckern und Fleischern. Gelten sie als bodenständig, vor Ort verwurzelt, mit den Menschen an der Theke im Gespräch, vertraut mit den Sorgen und Nöten der Region. Im Zweifel fällt einem Ratsmitglied, Landtagsabgeordneten, Staatssekretär, Minister oder Regierungschef die Konversation rund um die Ernährung nicht schwer. Der Biss in den Knacker wie auch die Hand an der Brezel sind obendrein ein beliebter Schnappschuss für die Presse – nicht nur in Zeiten des Wahlkampfs. So oder ähnlich gestalteten sich die Promi-Besuche auch diesmal auf dem riesigen Ausstellungsgelände der Münchner Messestadt.

Frisch gebrühte Weißwürste schöpfte Ilse Aigner (CSU) bei der Handwerksmesse IHM in München aus dem dampfenden Kessel. Bei ihrem Besuch am Stand des Fleischerverbands schlüpfte Bayerns Wirtschaftsministerin kurzerhand selbst in den Metzgerkittel und packte tatkräftig mit an.
Foto: LIV
Frisch gebrühte Weißwürste schöpfte Ilse Aigner (CSU) bei der Handwerksmesse IHM in München aus dem dampfenden Kessel. Bei ihrem Besuch am Stand des Fleischerverbands schlüpfte Bayerns Wirtschaftsministerin kurzerhand selbst in den Metzgerkittel und packte tatkräftig mit an.
Es ist die Ernte einer ganzen Generation von Handwerkern und Industriellen, wenn so viele Vertreter aus Behörden und Ministerien – bis hin zur obersten Regierungsbank – die IHM als Pflichttermin betrachten und wahrnehmen. Es ist das Ergebnis von Menschen, die sich im Ehrenamt um die Interessenvertretung gegenüber Politik und Gesellschaft engagiert haben. Nach außen ist das ein deutliches Signal der Wertschätzung.

Dieses Zeichen bedeutet allerdings noch lange nicht, dass die Anliegen auch gehört werden. Die Meisterbetriebe fühlen sich vielfach im Stich gelassen. Einige Beispiele: Seit Jahren wird dem Mittelstand eine Entbürokratisierung versprochen. Tatsache ist, dass Dokumentationen zum Mindestlohn, die Gefährdungsbeurteilung von Arbeitsplätzen sowie Gewerbeabfallverordnung und Datenschutz-Grundverordnung die Betriebe mit einem erheblichen Mehraufwand belasten.

Ähnlich verhält es sich bei der kommunalen Kostenregelung der Fleischbeschau. Ein Flickenteppich an Gebühren von Landkreis zu Landkreis sowie nicht einheitliche Bundesregeln verzerren nicht nur den Wettbewerb zwischen Handwerkern sondern auch mit den großen Schlachtgiganten. Sprengstoff bildet unter Bäckern und Fleischern auch die „EEG-Umlage“, die Handwerksbetriebe gegenüber der exportorientierten Lebensmittelindustrie benachteiligt.
IHM 2018 - AG LM
(Bild: GHM)

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Deutschlands oberster Metzger, der Bremer Herbert Dohrmann, fragt deshalb die Mandatsträger „Was wird für das Lebensmittelhandwerk getan?“ Wenn die Politik den Erhalt regionaler Wirtschaftskreisläufe wolle, dann müsse endlich danach gehandelt werden. Für die Fleischer bedeutet das unter anderem Schlachtstätten ebenso wie Berufsschulen vor Ort zu erhalten, damit Wertschöpfung in der Region stattfinden kann.
„Die wohnortnahe Versorgung mit Lebensmitteln muss etwas wert sein. Insbesondere in Zeiten, in denen die Schadstoffbelastung steigt und der Verkehrsinfarkt droht.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Die Metzgermeister betrachten zunehmend kritisch die Versiegelung und Umwidmung landwirtschaftlicher Flächen und die damit verbundene weitere Entfremdung der Verbraucher von der Lebensmittelproduktion. Die wohnortnahe Versorgung mit Lebensmitteln muss etwas wert sein. Insbesondere in Zeiten, in denen die Schadstoffbelastung steigt und der Verkehrsinfarkt droht.

Ebenso vermisst das Handwerk, dem es sowohl an Azubis wie an Fachkräften mangelt, klare Bekenntnisse aus Berlin zur Integration von geflüchteten Menschen sowie Regelungen zur Zuwanderung. Nicht nur die Fleischer erwarten viel von der neuen Großen Koalition. Es wird mit Spannung zu erwarten sein, wie beispielsweise das von Julia Klöckner geführte Bundeslandwirtschaftsministerium und Horst Seehofers Heimatministerium um den ländlichen Raum buhlen und die Region auf Schwung bringen wollen.

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