Kommentar von
Kathrin Grünewald

Landwirtschaftspolitik Agrarwende wird anspruchsvoll

Freitag, 17. November 2017
Der Kampf um die Landwirtschaft der Zukunft in Deutschland und Europa ist in vollem Gange.

In der einen Seite des Rings stehen Aktivisten, Umweltschützer, Wissenschaftler, grüne Parteien und ökologisch ausgerichtete Unternehmer, die schnellstmöglich eine grundlegende Agrarwende fordern. In der angeschlagenen Ecke befinden sich die Agrarlobby, Verbände und konventionell wirtschaftende Unternehmer. In die kontinuierlich ausgetragenen und hitzigen Debatten fließen zudem immer wieder neue Studien und Analysen ein, die mögliche Kompromisse zulassen könnten.

Aktuell kocht das Thema über, denn nach der Bundestagswahl im September scheint der Einstieg in die Wende greifbar. Bündnis 90/Die Grünen pochen in den Koalitionsverhandlungen für die mögliche Jamaika-Regierung auf Umsetzung der Agrarwende. Sie wollen die industrielle Tierhaltung innerhalb der nächsten 20 Jahre beenden.

Stichworte hier sind die Nitratbelastung des Grundwassers, der CO2-Ausstoß durch die Nutztierhaltung und das Thema Tierwohl. CDU und CSU fürchten mit solchen Maßnahmen einen Feldzug gegen die Landwirte anzustoßen. Das Thema Agrarpolitik entwickelt sich zusehends zur Kampfzone verschiedener Bevölkerungsgruppen bzw. ihrer Ideologien.

Viele Studien zeigen Szenarien auf, in denen mindestens eine Verringerung der Viehbestände auf die Hälfte erfolgen muss und in denen die Flächen für Tierfutter, ökologisch bepflanzt, für die Versorgung der Bevölkerung ausreichen könnte. Manchen Agrarwissenschaftlern ist dies zu unsicher, sie möchten Kompromisse ohne den völligen Verzicht auf Nutztiere.

Eine aktuelle Studie der FAO macht eine ganz andere Rechnung auf: Die Organisation geht davon aus, dass die globale Nachfrage nach Fleisch auch 2050 weiter ansteigt und führt an, dass 86% des Viehfutters sowieso nicht in Konkurrenz zum für Menschen geeigneten Lebensmittel steht. Eine realistische Lösung für Deutschland oder gar die Welt ist angesichts solcher divergierenden Ansichten nicht in Sicht.

Was geht all dies die Fleischwirtschaft an? Es wäre kurzsichtig und unverantwortlich darauf zu vertrauen, dass die Konservativen ihre Ideen kompromisslos durchsetzen. Es wird eine Vereinbarung geben müssen zwischen den Forderungen immer größerer Teile der Bevölkerung zur Abkehr von der Massentierhaltung, die einhergehen mit der Umsetzbarkeit des Pariser Klimaabkommens, und einem wirtschaftlichen Überleben der Landwirte und der Abnehmer ihrer Produkte.

Auch wenn die Gewinnprognosen für den Export steigen und die heimische Debatte vielen global Playern deshalb egal sein könnte, lohnt es, sich Szenarien zu durchdenken, wie die Branche auch ohne den kontinuierlichen Zufluss des Rohstoffs Fleisch weiter bestehen könnte. Vielleicht als Proteinwirtschaft, die ihre Rohstoffe aus neuen pflanzlichen oder gentechnischen Quellen erhält?

Was in großem Maßstab noch Zukunftsmusik ist, wird in 50 oder 100 Jahren womöglich Alltag sein. Doch auch heute schon gilt: Pioniergeist macht Spaß und wird sich langfristig auszahlen. Im ganz großen Bild gibt es ohne ein funktionierendes Ökosystem allerdings keine Zukunft für Mensch, Tier und Wirtschaft.

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