Kommentar von
Sandra Sieler

Lebensmittelsicherheit Offene Türen statt dunkler Machenschaften

Dienstag, 08. August 2017
Im Ernährungsministerium in Berlin herrscht in diesen Tagen eher hektische Betriebsamkeit als lauschige Sommerruhe: Rund zehn Millionen mit dem Läusemittel Fipronil belastete Eier sind mutmaßlich im deutschen Handel gelandet.
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Deren Weg gilt es nun nachzuvollziehen, vom Hühnerhof bis ins Supermarktregal – eine Mammutaufgabe für die Behörden. Viel schwieriger noch ist die Beantwortung der Frage: Zu welchen Produkten sind die verseuchten Hühnereier weiterverarbeitet worden? Die Anzahl von Nudelpackungen, Keksschachteln und Mayonnaise-Eimern ist kaum vorstellbar. Diese verästelten Wege der Fipronil-Eier alle nachzuvollziehen wird Wochen beanspruchen. Daran wird die markige Forderung von Bundesminister Christian Schmidt nach einer schnelleren und besseren Kommunikation der EU-Staaten untereinander auch nichts ändern.

Die belgischen Behörden zumindest machen keine gute Figur in dem aktuellen Krisenmanagement. Offenbar schon seit Anfang Juni waren sie über einen Verdachtsfall informiert. Die anderen EU-Länder erhielten allerdings erst Ende Juli Kenntnis davon. Da stellt man sich schon die Frage, welchen Stellenwert da die Sicherheit der Verbraucher hatte.

Eier
(Bild: Sebastian Karkus / pixelio.de)

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Fipronil Eier-Skandal weitet sich aus

Reflexhaft melden sich in dem Skandaltrubel die Verbraucherschützer zu Wort und fordern sogleich neue Kennzeichnungsvorschriften.

Aus Sicht der Verbraucher ist es durchaus nachvollziehbar, immer schärfere Regeln für die Hersteller zu fordern. Mit immer neuen Skandalen um Lebensmittel wird das Vertrauen der Kunden in schöner Regelmäßigkeit auf die Probe gestellt: Frostschutz im Wein, Pferdefleisch in der Lasagne oder Flohpulver in Eiern. Da kann einem der Appetit schon mal vergehen.

Aber nicht nur das Image der Hersteller leidet zusehends, auch das Vertrauen der Bürger in die Kontrollinstanzen wird immer aufs Neue erschüttert. Zu oft entsteht der Eindruck, dass der Verbraucherschutz leichtfertig auf dem Altar der Wirtschaftsinteressen geopfert wird. Besonders plastisch zeigte das zuletzt der Diesel-Skandal. Die Aufseher des Kraftfahrt-Bundesamts haben bei den überhöhten Abgaswerten offenbar über Jahre hinweg systematisch weggeschaut. Die Automobilhersteller konnten weiter fleißig betrügen.

Die Verbraucher, in dem Fall die Diesel-Fahrer, haben mal wieder das Nachsehen. Auch jetzt, nachdem langsam Schritt für Schritt die dunklen Machenschaften der Konzerne ans Licht kommen, beweist die Politik nicht gerade besondere Härte gegenüber der Industrie. Im Gegenteil: Faule Kompromisse werden noch als bahnbrechende Erfolge verkauft. Keiner will der mächtigen Automobilbranche ans Leder. 
„Das ist eine Beleidigung für jeden Metzger, der sich mit nicht enden wollenden Listen für HACCP und Mindestlohn-Dokumentation herumschlägt, obwohl er lieber in der Wurstküche stünde, um ehrliche, reine Handwerksprodukte herzustellen. “
Sandra Sieler, stellvertretende Chefredakteurin
Das ist ein Schlag ins Gesicht für jeden kleinen Unternehmer, der sich sklavisch an alle Gesetze und Regelungen hält. Eine Beleidigung für jeden Metzger, der sich mit nicht enden wollenden Listen für HACCP und Mindestlohn-Dokumentation herumschlägt, obwohl er lieber in der Wurstküche stünde, um ehrliche, reine Handwerksprodukte herzustellen.

Und genau hier liegt wiederum die Chance, die der x-te Lebensmittelskandal bietet – wenn man dem überhaupt etwas Gutes abgewinnen kann: Das Fleischerhandwerk arbeitet transparent, der Meister steht selbst mit seinem guten Namen für die unverfälschten Produkte und ihre hohe Qualität. Hier werden Zutaten aus der Region in handwerklicher Machart zu ehrlichen und schmackhaften Spezialitäten mit individuellem Charakter veredelt.

Das zu zeigen und auch in der Werbung das Handwerk als Gegenpol zur industriellen Massenproduktion zu inszenieren, das könnte die Antwort auf den jüngsten Skandal sein. Tage der Offenen Tür, Schulkinder in der Wurstküche, Wurstmacher-Workshops in der Produktion, Ausflüge mit den Kunden zum Landwirt: Anlässe gibt es viele.

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