Berufsbildungsbericht Azubi-Flaute verstärkt sich

Mittwoch, 25. April 2018
In den Berufsbildern des Fleischerhandwerks bleibt ein gutes Drittel der Lehrstellen unbesetzt.
Foto: BMBF
In den Berufsbildern des Fleischerhandwerks bleibt ein gutes Drittel der Lehrstellen unbesetzt.

Der Berufsbildungsbericht 2018 schlug bereits vor drei Wochen hohe Wellen. Der Report aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung war vorab durch einzelne Medien zitiert worden.

Schlagzeilen wie „Jeder vierte Azubi bricht seine Lehre ab“, „Mehr Azubis – aber auch mehr Abbrecher“ oder „Niedrige Vergütungen sorgen für hohe Abbrecher-Quoten“ machten die Runde in Radio, Fernsehen und Tageszeitungen. Seinerzeit standen Köche, Restaurant- und Sicherheitsfachleute sowie Friseure im Brennpunkt der Berichterstattung. Fleischwirtschaft und Fleischerhandwerk blieben von negativen Schlagzeilen verschont.

„Wir arbeiten entschlossen daran, die Gleichwertigkeit der beruflichen und akademischen Bildung zu erreichen.“
Anja Karliczek, Bundesministerin
Die neue Bundesbildungsministerin, die CDU-Politikerin Anja Karliczek, war von diesem Vorpreschen wenig begeistert und legte vergangene Woche den ausführlichen Report vor. Der 184 Seiten starke Ergebnisband zieht erneut eine ernüchternde Bilanz, denn die Lücke zwischen offenen Ausbildungsplätzen und neu abgeschlossenen Lehrverträgen wächst weiter.

Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge liegt erneut über 520.000 und stieg im Vorjahresvergleich leicht. Davon waren bis Ende Dezember 2017 nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks 139.880 Lehrverträge in Handwerksberufen neu abgeschlossen worden und damit 2.152 mehr als ein Jahr zuvor.
Die neue Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) stellt in der Berliner Bundespressekonferenz den Berufsbildungsbericht 2018 vor.
Foto: BMBF / Hans-Joachim Rickel
Die neue Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) stellt in der Berliner Bundespressekonferenz den Berufsbildungsbericht 2018 vor.
Generell stieg 2017 die Anzahl der unbesetzt gebliebenen betrieblichen Ausbildungsstellen erneut auf knapp 49.000. Zugleich stieg auch die Zahl der unversorgten Bewerber auf etwa 24.000. Hinzu kommen 56.500 junge Menschen, die trotz einer Alternative zur Ausbildung ihren Vermittlungswunsch weiter aufrechterhalten.

Abbrecherquote steigt

2016 wurden 25,8 Prozent der Lehrverträge vorzeitig wieder aufgelöst. Das entspricht einem Anstieg um 0,9 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum. Zu den wichtigsten Gründen für die Beendigung eines Lehrverhältnissen werden von den Azubis angeführt: unzureichende Vermittlung von Ausbildungsinhalten, geringe Vergütung, zu viele Überstunden.

Viele der Abbrecher gehen allerdings dem angestrebten Ausbildungsberuf nicht verloren. Sie suchen sich eine geeignete Lehrstelle mit gutem Ausbilder, von dem sie beispielsweise während des Besuchs der Berufsschule erfahren haben. Die Azubis wissen auch, dass viele Handwerksbetriebe junge Talente suchen und bereit sind, zu investieren.

Die Abbrecherquote ist laut Berufsbildungsbericht besonders hoch unter Fachkräften für Schutz- und Sicherheit (50,7 Prozent) und Restaurantfachleuten (50,6 Prozent).

Wettbewerb um Azubis

Das Verhältnis zwischen offenen Lehrstellen und nachgefragten Ausbildungsplätzen liegt bei 104,6 beziehungsweise 94,8. Das bedeutet, dass 100 Ausbildungssuchenden somit knapp 105 Ausbildungsangebote gegenüber stehen. Der Wettbewerb um den Nachwuchs verstärkt sich also weiter. Unter jungen Frauen ist die Ausbildung zur „Kauffrau für Büromanagement“ der beliebteste Lehrberuf.

In den Top 25 folgen auf Rang fünf „Verkäufer“, Platz sieben „Friseurin“ sowie auf Platz zehn die Ausbildung zur „Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk“. Bei den jungen Männern führt die Lehre zum „Kraftfahrzeugmechatroniker“ das Ranking der beliebtesten Ausbildungberufe an. Auf Rang vier folgt der „Kaufmann im Einzelhandel“, Platz sieben geht an den „Verkäufer“, und der „Koch“ besetzt Platz 13. Selbst eine Banklehre scheint nicht mehr im Trend zu liegen. In den Top 25 landet dieser Ausbildungsberuf auf Rang 22.

Mangel an Fleischern

Die Nachwuchssorgen bei Metzgern bedrohen einen ganzen Wirtschaftszweig. Von rund 12.797 fleischerhandwerklichen Unternehmen bilden 2.319 zum Fleischer/zur Fleischerin aus, 2.399 zur Fachverkäuferin oder zum Fachverkäufer. Diesen Unternehmen fällt es immer schwerer, Lehrstellen zu besetzen, um rechtzeitig sowohl den akuten als auch den künftigen Personalbedarf zu steuern. Die Grafik zeigt, dass etwas mehr als jede dritte Lehrstelle nicht besetzt werden kann. So blieben im Beruf Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk 3.667 (36,6 Prozent) der 10.014 betrieblichen Angebote unbesetzt. Diese Zahlen gelten zusammengenommen für Bäcker, Fleischer und Konditoren.

Ausbildung neu denken

Die Vizepräsidentin des Deutschen Fleischer-Verbands, Nora Seitz, untermauerte im Gespräch mit fleischwirtschaft.de und afz - allgemeine fleischer zeitung, dass die fleischerhandwerklichen Unternehmen bei der Besetzung von Lehrstellen heutzutage völlig neu denken müssen. 

Das Statement in der Originalversion: „Die Zeiten, als Lehrlinge wegen einer Lehrstelle mit der Mütze in der Hand bei uns vorgesprochen haben, sind lange vorbei. Heute konkurriert das Fleischerhandwerk mit anderen Lehrberufen um eine schrumpfende Zahl an geeigneten Jugendlichen. Das bedeutet, zu Ende gedacht, dass sich heute die Betriebe bei den Azubis bewerben müssen und nicht umgekehrt.
Vizepräsidentin Nora Seitz ist im Führungsgremium des Deutschen Fleischer-Verbands für Aus- und Weiterbildung zuständig.
Foto: DFV
Vizepräsidentin Nora Seitz ist im Führungsgremium des Deutschen Fleischer-Verbands für Aus- und Weiterbildung zuständig.
Wer es also ernst meint mit der Ausbildung, der präsentiert sich als guter Ausbilder und bleibt dies auch, wenn es im Tagesgeschäft mal hoch hergeht und alle mit anpacken müssen. Azubis, die den Betrieb wechseln, weil sie nicht vernünftig ausgebildet werden, demonstrieren damit nicht nur, dass sie gewisse Ansprüche haben. Vor allem zeigen sie, dass ihnen an dem Beruf etwas liegt, den sie erlernen wollen, sie dort eine Perspektive und eine Zukunft für sich selbst sehen. Und das sind genau die Leute, die wir so dringend brauchen!“ 

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