Interview Neue Wege gehen

Mittwoch, 02. März 2016
Foto: DFV

Der Fleischerverband Berlin-Brandenburg hat seit Januar eine neue Geschäftsführung. fleischwirtschaft.de sprach mit Landesinnungsmeister Klaus Gerlach über die aktuellen Entwicklungen. Gerlach gehört dem Präsidium des Deutschen Fleischer-Verbands als Vizepräsident an.
Herr Gerlach, im Juli 2015 legte Martin Stock seine Aufgaben als Geschäftsführer des Fleischerverbands Berlin-Brandenburg nieder. Seit dem 1. Januar 2016 führt Axel Dobrowolski die Geschäfte des Landesverbands. Wie kam es zu diesem Wechsel?

Klaus Gerlach: Seit der Gründung des gemeinsamen Verbands Berlin-Brandenburg Anfang der 1990-er Jahre wurde die Geschäftsführung für den Verband in Personalunion mit der Berliner Innung organisiert. Damit verbunden hat letztere – was in der Natur der Sache lag – auch viele Aufgaben für den Verband über die eigentlich vereinbarte Leistung erbracht. Das führte unbestritten auch zu erheblichen zusätzlichen Kosten, die aber nie verrechnet wurden. Sinkende Mitgliedszahlen und deutlich zunehmende Belastungen durch den Betrieb der Berliner Fleischer-Fachschule führten letztlich dazu, dass die Berliner Innung diese zusätzlichen Ausgaben nicht mehr für den Verband leisten konnte. Die Idee war, dass für Berlin und Brandenburg mit rund 120 Mitgliedern insgesamt nur noch eine Innung – quasi als Landesinnung – gebildet werden sollte, um Kosten zu sparen und Strukturen zu straffen. Diesen Weg wollten nach rund dreijähriger ausgiebiger Diskussion in allen Gremien die Brandenburger Innungen, zumindest zum größten Teil, nicht mitgehen. Wir haben die Diskussion ernsthaft und partnerschaftlich geführt, konnten aber letztlich zu keinem gemeinsamen Weg finden. Der ehemalige Geschäftsführer sah aber keine Alternative hierzu und wollte letztlich mit seinem Rücktritt den Weg freimachen, für andere Ideen und neue Wege. Zudem muss die Berliner Innung sicherstellen, dass sie ihre eigenen Aufgaben mit ungeteilter Aufmerksamkeit erledigen kann. Schon seit fast zwei Jahren arbeitet der Berliner Geschäftsführer zur Kostensenkung mit deutlich reduziertem Stundenumfang.

Sie haben die Geschäftsführung an eine Kreishandwerkerschaft übertragen. Was qualifiziert sie für diese wichtige Aufgabe?

Gerlach: Es ist ja nicht der einzige Landesverband, der durch eine Kreishandwerkerschaft (KH) geführt wird. Wie in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Rheinhessen oder der Pfalz kann eine KH sehr wohl die Geschäftsführung erfolgreich übernehmen, zumal sie ja in der Handwerksstruktur fest verankert ist und der neue Geschäftsführer das Fleischerhandwerk seit vielen Jahren bestens kennt. Der Erfolg hängt natürlich auch von den handelnden Personen ab, und mit Axel Dobrowolski haben wir einen sehr engagierten und kompetenten Kollegen gefunden.

Kann diese Lösung die Interessen der Fleischer ausreichend vertreten?

Gerlach: Das wird die Zeit zeigen. Klar ist, dass die Facharbeit, die immer wichtiger wird, nicht von einem KH-Geschäftsführer alleine erledigt werden kann, gerade wenn er noch viele andere Innungen führt. Aber es gibt ja noch Obermeister und Vorstandskollegen, die nun sicher verstärkt in die fachliche Verantwortung genommen werden müssen. Gleichzeitig sind viele Probleme und Fragestellungen nicht „fleischerspezifisch“, sondern gewerksübergreifend relevant.

Wie sind die Aufgaben zwischen Landesverband, Fleischerinnung Berlin und Fleischerschule sowie den weiteren Innungen in Brandenburg aufgeteilt? Welche Synergien ermöglicht die Neu-Organisation?

Gerlach: Auch da ist nichts spektakulär Neues zu berichten. Der Landesinnungsverband (LIV) ist mit dem Austritt der größten Innung Brandenburg-Süd heute nicht viel größer, als eine fusionierte Innung in Bayern oder Baden-Württemberg. Wir haben jetzt noch sechs Innungen im LIV, die alle gute Arbeit leisten und sich auch dem Wohl des Verbands verpflichtet fühlen. Die Fachschule wird nach wie vor für ganz Brandenburg und Berlin die Überbetriebliche Lehrunterweisung durchführen und allen Mitgliedern mit Rat und Tat zur Verfügung stehen. Wir haben auch vereinbart, dass die fachliche Unterstützung des neuen Kollegen durch den Geschäftsführer der Berliner Innung zumindest in der Anfangszeit gewährleistet bleibt. Die beiden verstehen sich offensichtlich recht gut und das kann nur positiv sein.

Im digitalen Zeitalter spielen Entfernungen sicher eine untergeordnete Rolle. Ist das in der Praxis auch so? Von Fürstenwalde zum Berliner Senat sind es 60 Kilometer, ins Potsdamer Regierungsviertel 90 Kilometer. Kann die Berufsorganisation aus Fürstenwalde die volle Schlagkraft für die Fleischer entfalten?

Gerlach: Nun gut, von Berlin nach Potsdam sind es auch fast 40 Kilometer. Und ein Betriebsbesuch im Süden Brandenburgs lässt schnell mal 150 Kilometer auf dem Tacho zurück. Der Sitz des Verbands ist nach wie vor in Berlin. Einmal quer durch die Stadt sind es 50 km und wenn es schlecht geht zwei Stunden. Da sind wir im Umgang mit Entfernungen ohnehin schon einiges gewöhnt. Und es ist ja nicht nur die Geschäftsführung alleine, auf die es ankommt, sondern eben der Verband und sein Vorstand als Ganzes, die Verantwortung haben und sicherlich auch verstärkt übernehmen müssen. Hätten Sie mir vor zehn Jahren erzählt, dass wir uns zu Vorstandssitzungen über Whatsapp einladen und Terminfindung über Doodle geschieht, hätte ich Sie unter Umständen für verrückt erklärt. Und auch über Facebook erfährt man heute viel Wichtiges und Nützliches, nicht nur wo sich gerade ein Kollege aufhält oder mein Geschäftsführer „herumtreibt“.

Wie viele Innungen und Mitglieder hat das Fleischerhandwerk in Berlin und Brandenburg?

Gerlach: Wir sind noch sechs Innungen, die kleinste mit sieben Mitgliedern, die größte mit rund 25. Insgesamt sind wir jetzt etwa 90 Mitglieder. Aber bekanntlich kommt es ja nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität der Arbeit an.

Angesichts sinkender Betriebs- und damit auch Mitgliederzahlen, wie steht es um die Finanzen der Innungen im Land? Wie begegnen Sie dem Trend langfristig?

Gerlach: Die Finanzen sind ordentlich geregelt. Zusätzliche Belastungen werden schwierig. Alle Ehrenamtskollegen sind seit Jahren bedacht, die Ausgaben für die Innung schmal zu halten. Da gibt es keine überdimensionierten Aufwandsentschädigungen und die meisten Fahrten zu Versammlungen oder Jubiläen werden aus der eigenen Tasche ausgeglichen. Die Innungsversammlung findet beim Kollegen statt und die Getränke zahlt jeder selbst. Das ist auch notwendig, da keine unserer Innungen über Vermögen oder Immobilien verfügt. Ich glaube immer noch daran, dass wir zu der einheitlichen Struktur kommen müssen. Wir werden Innungsfusionen anregen und begleiten. Wir sind aber gleichzeitig auf dem Weg die Einnahmeseite zu verbessern, und da sprechen wir ausdrücklich nicht nur über Beitragsanpassungen. Die Chancen, sich mit qualifizierter Facharbeit auch als Dienstleister für externe Strukturen anzubieten, sind gut.
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