Lebensmittelverschwendung Auf den Teller statt in die Tonne

Dienstag, 21. November 2017
Auf dem Podium (von rechts): Nikola Turčinov, Dr. Renate Sommer, Moderatorin Renate Kühlcke, Bartosz Zambrzycki und IMV-Präsident Jean-Marie Oswald.
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Auf dem Podium (von rechts): Nikola Turčinov, Dr. Renate Sommer, Moderatorin Renate Kühlcke, Bartosz Zambrzycki und IMV-Präsident Jean-Marie Oswald.
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Lebensmittelverschwendung DFV


11. European Meat Forum in Brüssel. Europas Metzger beraten über Strategien für weniger Verschwendung.

Mit jährlich knapp 90 Mio. Tonnen landet europaweit ein nicht unerheblicher Anteil unserer Lebensmittel in der Mülltonne. Das entspricht einem Gegenwert von 143 Mrd. Euro. Viel zu viel, hatte zuletzt der Europäische Rechnungshof beschlossen und die EU-Kommission in Brüssel zu einem entsprechenden Aktionsplan genötigt. Dieser sieht vor, die Menge der verschwendeten Lebensmittel bis zum Jahr 2030 mit Hilfe verschiedener Maßnahmen zu halbieren.

Dabei will das Fleischerhandwerk gern mithelfen, wie jetzt beim 11. European Meat Forum in den Räumen des Europaparlaments in Brüssel deutlich wurde. Bei der vom Internationalen Metzgermeister-Verband (IMV) ausgerichteten Veranstaltung bezeichnete Verbandspräsident Jean-Marie Oswald aber gleichzeitig gerade die Lebensmittelhandwerker als „Profis im Vermeiden von Lebensmittelabfällen“. Allein schon der Respekt vor dem Lebewesen treibe die Metzger dazu an, möglichst den gesamten Tierkörper zu verwenden. Zudem ermöglichten die kleinen Strukturen flexible Einkaufs- und Produktionsmengen.

In der Tat ist der größte Verschwender der Verbraucher selbst, wie Studien immer wieder zeigen. Das unterstrich auch der Europaparlamentarier Nikola Turčinov in seinem Statement. Das kosteneffizienteste Mittel dagegen sei die Kundeninformation. Hier sieht er vor allem den Einzelhandel in der Pflicht, da dieser den direkten Kontakt zum Verbraucher hat.

Auch Dr. Renate Sommer von der EVP-Fraktion im EU-Parlament, zugleich Schirmherrin der Veranstaltung, sieht den Schlüssel in der Kommunikation. „Wir müssen der Bevölkerung wieder beibringen, dass Lebensmittel einen Wert haben.“ Allerdings würde sie damit schon viel früher ansetzen, in Schulen und Kindergärten.

Die Bildung, so erinnerte der Vertreter der EU-Kommission auf dem Podium, Bartosz Zambrzycki, ist die Angelegenheit der Mitgliedstaaten. Da könne die EU nicht reinreden. Allerdings stelle sie den Ländern Fördergelder für die Ernährungsbildung zur Verfügung, wie Turčinov ergänzte. Das hätten bislang jedoch nur zwei der 28 EU-Staaten genutzt.

Tragen ihren Teil zu mehr Wertschätzung und weniger Verschwendung bei: die Lebensmittelhandwerker Europas.
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Tragen ihren Teil zu mehr Wertschätzung und weniger Verschwendung bei: die Lebensmittelhandwerker Europas.
Der EU-Aktionsplan sieht ganz verschiedene Handlungsfelder. Dazu gehört beispielsweise, Unternehmen das Spenden von Lebensmitteln zu erleichtern, Nahrungsmittel (wieder) als Tierfutter zuzulassen oder das MHD abzuschaffen und in ein „Best before“-Datum zu überführen. Denn nach einhelliger Meinung aller Teilnehmer des European Meat Forums wissen zu viele Verbraucher heute zu wenig von Lebensmitteln und ihrer Entstehung, als dass sie die Genießbarkeit eines Produkts nach Ablauf des MHD selbst beurteilen können. „Da haben wir schon zwei Generationen verloren“, verwies DFV-Präsident Herbert Dohrmann auf das Ausmaß der Problematik. Neben der Information könnten auch intelligente Verpackungen vermeiden, dass noch verzehrstaugliche Ware leichtfertig weggeworfen wird.

Vor einem Verbot des MHD über eine Änderung der Lebensmittelinformations-Verordnung (LMIV) warnte Dr. Sommer sehr eindringlich: Zu lange habe man im Vorfeld um das Gesamtpaket der Kennzeichnungsvorschriften gerungen. Dieses jetzt wieder aufzuschnüren hält die CDU-Politikerin für brandgefährlich.

Mit der erst Ende 2011 in Kraft getretenen Verordnung sind nach Meinung der Kommission genügend Instrumente geschaffen, um das Problem der Lebensmittelverschwendung in den Griff zu bekommen. Weiterer Gesetze bedürfe es da nicht.

Der Gedanke der mangelnden Wertschätzung beschäftigte alle Beteiligten der Wertschöpfungkette. Gerade das Fleischerhandwerk versuche seinen Kunden zu vermitteln: Esst weniger Fleisch, dafür aber Gutes. Damit schaltete sich aus dem Publikum IMV-Vizepräsidentin Jacqueline Balzer in die Diskussion ein. Aus ihrem Heimatland Frankreich berichtete sie von der Kooperation mit einem Start-up, um Reste beispielsweise vom Partyservice zum kleinen Preis zu verkaufen.

Auch Vizepräsident Eckhart Neun vom Deutschen Fleischer-Verband unterstrich, dass das Verramschen von Fleisch ungebührlich gegenüber dem Tier sei. Das Engagement der Handwerker fand Anerkennung bei der Schirmherrin: „Lebensmittel sind einfach viel zu billig und immer verfügbar. Wir können keine Planwirtschaft machen, aber den Verbraucher dazu animieren, sich für Qualität zu entscheiden. Das machen Sie schon ganz hervorragend“, lobte Sommer die Fleischer.

Der Vertreter der europäischen Fleischwarenindustrie spielte den Ball auch in Richtung des Handels, der stets versuche, die Hersteller von Fleisch und Wurst im Preis zu drücken.

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