Sondierungsgespräche Gute Noten für gute Haltung

Freitag, 17. November 2017
Die Haltungskennzeichnung von Fleisch wird kommen ist sich Autor Fritz Gempel sicher.
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Die Haltungskennzeichnung von Fleisch wird kommen ist sich Autor Fritz Gempel sicher.
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Die verpflichtende Kennzeichnung von Fleisch nach der Form der Tierhaltung kommt. Für die Unternehmen bleibt genug Zeit, eine Erfolg versprechende Marketingstrategie zu starten. Unser Autor Fritz Gempel beschreibt die Handlungsmöglichkeiten.

Die an der geplanten Jamaika-Koalition beteiligten Parteien haben sich darauf verständigt: In der nächsten Legislaturperiode wird es eine Haltungskennzeichnung von Fleisch (und eventuell auch Milch) geben, wie sie für Eier schon besteht.

„Bei den derzeitigen Gesprächen zwischen CDU/CSU sowie Grünen und FDP handelt es sich um eine Sondierung. Koalitionsverhandlungen erfolgen erst nach einer Einigung der Sondierungsgespräche. “
Anmerkung der Redaktion
Seitens der Grünen oder von Tierschutzorganisationen wie Provieh liegen längst Entwürfe für eine solche Kennzeichnungsverordnung vor. Demnach wird es vier „Haltungsnoten“ von Null bis Drei geben. Die Null steht dann, wie jetzt schon bei den Eiern, für die ökologische Tierhaltung.

Die Eins für mehr Platz im Stall und zusätzlich Auslauf ins Freie oder Weidegang. Die Zwei stünde für mehr Platz als vorgeschrieben und weitere Tierwohl-Vorteile. Die Drei für die Einhaltung der gesetzlichen Mindeststandards.

Es wird dann ein Wettbewerb um die guten Haltungsnoten einsetzen. Dabei wird die Null unstrittig sein. Denn die gibt es wohl nur, wenn eine Anerkennung des Bauernhofs als Ökobetrieb vorliegt. Dass dann auch Öko-Tiere, die nie einen Auslauf oder eine Weide gesehen haben, die Bestnote erhalten, ist eine Ungerechtigkeit, die man wahrscheinlich hinnehmen wird.

Die Drei wird ebenfalls unstrittig und sehr unbeliebt sein. Denn wenn Fleisch hinsichtlich der Tierhaltung nur das erfüllt, was der Gesetzgeber vorschreibt, zahlt kein Kunde einen Mehrpreis. Der Wettbewerb, und im Vorfeld auch die Interessenvertretung der Verbände, wird sich auf die Kennzeichnungen Eins und Zwei konzentrieren.

Es steht zu erwarten, dass beispielsweise die Initiative Tierwohl als Belohnung für ihr Engagement in Handel die Haltungskennzeichnung Zwei einfordern wird. Gleiches werden die Anbieter verschiedener Markenfleischprogramme anstreben. Überall dort, wo nun abseits der Öko-Landwirtschaft Auslaufhaltung praktiziert wird (Neuland, Thönes Natur, Premiumstandard des Labels des Deutschen Tierschutzbunds u. a.) wird die Note Eins das Ziel sein.

Die gute Haltungskennzeichnung wird begehrt sein, weil sie auf allen Stufen einen Mehrpreis rechtfertigt. Das wird bei der Ferkelproduktion beginnen, wo heute ein konventionelles Ferkel für gut 50 Euro, ein Neuland-Ferkel mit Ringelschwänzchen für etwas mehr als 100 Euro und ein Bio-Ferkel für über 150 Euro an den Mäster verkauft werden.

Und der Wettbewerb um mehr Wertschöpfung durch gute Haltungsnoten wird an der SB- und Bedientheke weitergehen. Die großen Handelskonzerne können dabei über die Breite aller vier geplanten Haltungskategorien Fleisch anbieten.

Wahrscheinlich wird sich danach bald der erste Edel-Edekaner oder Rewe-Kaufmann als Tierwohl-Anbieter profilieren und verkünden, kein Fleisch mehr zu verkaufen, welches nur dem gesetzlichen Mindeststandard entspricht.

Die geplante Fleischkennzeichnung wird sehr wahrscheinlich für die Bedien- und SB-Theke gelten. Das wird dann zwangsläufig das Augenmerk der Überwachungsstellen auch auf die Kennzeichnung an der Bedientheke lenken.

Die Bedeutung der Thekenkennzeichnung und der räumlichen Trennung von Fleisch mit unterschiedlicher Kennzeichnung wird stark zunehmen. In Theken und Kühlräumen muss dann eine nachvollziehbare Trennung von Fleisch aus unterschiedlicher Haltung erfolgen.

Der hohe Aufwand einer solchen Warentrennung wird bei den Fleischer-Fachgeschäften dazu führen, maximal zwei verschiedene Haltungskategorien zu führen. Als Variante könnte sich entwickeln, eine zweite oder dritte Haltungs- und Qualitätsstufe in abgepackter Form zu führen.
Natur pur: Schweine auf der Upialm in Südtirol.
Foto: jus
Natur pur: Schweine auf der Upialm in Südtirol.
Die zentrale Herausforderung an Fleischer-Fachgeschäfte wird die der Positionierung sein. Ähnlich wie beim Reagieren auf einen Konsumententrend ergeben sich diese Optionen:


Die Trendführerschaft einnehmen

1.

Dabei setzt sich ein Fachgeschäft mit Fleisch aus Auslauf- und Weidehaltung an die „Spitze der Bewegung“. Die Chance ist die Gewinnung von Kunden mit hoher Kennerschaft und hoher Kaufkraft. Das Risiko ist der Verlust von Kunden, die zu „Tierschutzfleisch“ weder Identifikation noch Mehrpreisbereitschaft besitzen.

Diese Strategie verspricht am meisten Erfolg, wenn bisher schon eher hochwertige Fleischqualitäten geführt und ein gehobenes Preisniveau realisiert werden konnte. Wie bei der Neueinführung eines Produkts braucht diese Strategie dann: Wissensvermittlung an Mitarbeiter, „Anfüttern“ und Informieren von Kunden, Erlebnisse von Kunden und Mitarbeitern auf dem Bauernhof. Die Entscheidung von Unternehmern zur Trendführerschaft könnte auch ergeben, dass die sehr geringe Zahl reiner Bio-Fleischer zunimmt.


Das Mitschwimmen mit dem Trend

2.

Dabei erweitert ein Fachgeschäft entsprechend der neuen Anforderungen des Konsumenten (oder des Gesetzgebers) sein Angebot. Diese Angebotserweiterung kann ein Parallelangebot von Fleisch unterschiedlicher Haltung innerhalb der gleichen Gattung sein. Dann kann der Kunde wählen. Im Ergebnis wird dabei zwar kein Kunde durch Mehrpreise verschreckt, es bleibt aber ein hoher organisatorischer Aufwand bei der Trennung des unterschiedlichen Fleisches.

Nicht auszuschließen ist auch, dass sich Kunden an der Bedientheke diskriminiert fühlen könnten, das preiswertere Fleisch ohne die guten Haltungsnoten zu verlangen. Das „Mitschwimmen mit dem Trend“ kann auch mit noch weniger Risiko mit nur einer Fleischgattung getestet werden: Wer etwa bei ganzen Hähnchen auf Freilandgeflügel umstellt, minimiert das Umstellungsrisiko und kann darauf hoffen, dass sich ein positiver Imagetransfer auf das gesamte Warenangebot einstellt.


Die Trendalternative darstellen

3.

In diesem Modell wäre einem Anbieter egal, welche Haltungskennzeichnung sein Fleisch erhält. Stattdessen errichtet er eine alternative Alleinstellung. Diese könnte aus gutem Geschmack, Wurstmacher-Können, handwerklicher Herstellung, Exzellenz in der Küche u. a. bestehen.

Dennoch bleibt diese Variante angesichts des breiten gesellschaftlichen Drängens nach mehr Tierschutz in der Viehhaltung eine eher theoretische Alternative. Es wäre, wie wenn ein Automobilhersteller erklärt, man werde künftig den Dieselmotor verbessern anstatt Elektroautos zu bauen.

Für die strategische Entscheidung, welche Bedeutung Tierschutz für das eigene Geschäft künftig haben soll, bleibt noch viel Zeit. Diese Zeit sollte genutzt werden, um etwa den richtigen Partner für eine Vertragslandwirtschaft zu finden. Dabei erhält der Bauer vom Fleischer einen Mehrpreis und eine Abnahmegarantie für eine Mehrleistung beim Tierwohl. Oder der Fleischer sucht sich einen Anbieter von „Tierschutzfleisch“.

Die regionalen Fleischvermarkter werden sich die gleichen Fragen stellen, wie sie hier für Fleischer-Fachgeschäfte beschrieben wurden. Daher ist auch im Großhandel mit einem wachsenden Angebot an Fleisch zu rechnen, das nach Erlass der neuen Haltungskennzeichnung die Noten Eins und Zwei erreicht.

Schließlich geht es für alle Beteiligten darum, mit der neuen Fleischkennzeichnung auch die eigene Wertschöpfung zu verbessern. Die Fleischer haben vieles nicht eingepreist, was sie mit der aufwändigen Produktionsform „Handwerk“ und der gleichfalls aufwändigen Vertriebsform „Bedientheke“ leisten.

Wenn wegen Tierwohl-Fleisch dann insgesamt teurer werden wird, haben Preiserhöhungen eine faire Begründung. Und schließlich steht der Staat in der Pflicht. Wenn er eine Haltungskennzeichnung vorschreibt, soll er gewünschte Haltungsbedingungen auch stärker fördern. Bereits heute erhält ein Bauer, der einen Auslaufstall baut, bis zu 35 Prozent Zuschuss zum Stallneu- oder umbau.

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