Tierwohlsiegel Mehr Orientierung für Verbraucher

Sonntag, 01. April 2018
Diese Schweine werden nach neun bis zwölf Monaten geschlachtet.
Foto: fl
Diese Schweine werden nach neun bis zwölf Monaten geschlachtet.

„Staatliches Label muss klar, wahr und verlässlich sein“ - SPD-Fraktionsvize Mierisch fordert verpflichtende Haltungskennzeichnung - Hofreiter (Bündnis 90/Die Grünen) warnt vor Labeldschungel und kritisiert Halbherzigkeit der Koalition - Nienhoff (QS) fordert Abstimmung in der Kette über Haltungskennzeichnung - Initiative Tierwohl kennzeichnet unverarbeitetes Hähnchen- und Putenfleisch - Lidl-Frischfleischprodukte ab April mit „Haltungskompass“.

Die Diskussion um eine Haltungskennzeichnung für tierische Erzeugnisse ist in der Karwoche erneut hochgekocht. Den Anlass dafür bot die Ankündigung des Lebensmitteldiscounters Lidl, ab Anfang April Frischfleischprodukte seiner Eigenmarken mit einem mehrstufigen „Haltungskompass“ auszuzeichnen.

Die neue Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) warnte davor, die Verbraucher zu überfordern. „Ich will ein staatliches Tierwohllabel einführen, das Verbrauchern eine klare Orientierung gibt“, erklärte die Ministerin gegenüber der Nachrichtenagentur Agra-Europe (AgE).

Julia Klöckner, Bundesmininisterin für Ernährung und Landwirtschaft im vierten Kabinett Merkel.
Foto: BMEL / Thomas Trutschel / photothek.net
Julia Klöckner, Bundesmininisterin für Ernährung und Landwirtschaft im vierten Kabinett Merkel.
Die CDU-Politikerin wolle die Verbraucher informieren, unter welchen Bedingungen Tiere gehalten worden sind. Verbrauchern sei es wichtig zu wissen, wo ihr Fleisch und ihre Wurst herkommen. Sie entschieden an der Kasse mit, was ihnen Tierwohl wert sei.
„Das staatliche Label muss klar, wahr und verlässlich sein.“
Julia Klöckner, Bundeslandwirtschaftsministerin
„Das staatliche Label muss klar, wahr und verlässlich sein“, betonte Klöckner. Während die CDU-Politikerin offenbar weiter auf ein freiwilliges Label setzt, geht der Koalitionspartner weiter.

„Wir brauchen jetzt dringend eine einheitliche und verpflichtende Kennzeichnung für Fleisch aus artgerechter Tierhaltung“, erklärte der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Dr. Matthias Miersch. Man dürfe die Kennzeichnung nicht dem Markt und somit „dem freien Spiel der Kräfte“ überlassen.

Grünen-Fraktionschef Dr. Anton Hofreiter warf der Koalition vor, sich lediglich auf ein „Wischi-Waschi-Label“ zu verständigen. Hofreiter befürchtet einen Labeldschungel, „wenn jetzt jede Supermarktkette ihre eigene Kennzeichnung aus dem Boden stampft“. Fraktionskollege Friedrich Ostendorff bezeichnete ein freiwilliges Label erneut als mangelhaft. Zwingend notwendig seien „umfassende Änderungen jenseits von Spartenlösungen“. Umwelt- und Tierschutzverbände bekräftigten ihre Forderungen nach einer verpflichtenden Haltungskennzeichnung.
So soll es aussehen: Das staatliche Tierwohlsiegel.
Foto: BMEL
So soll es aussehen: Das staatliche Tierwohlsiegel.
Der Geschäftsführer der QS Qualität und Sicherheit GmbH, Dr. Hermann-Josef Nienhoff, sieht die gesamte Lebensmittelkette gefordert, sich auf eine abgestimmte Vorgehensweise zu verständigen.

Vier Stufen

Nach dem vierstufigen Lidl-Konzept entspricht die

Stufe 1 - „Stallhaltung“ - den geltenden gesetzlichen Bestimmungen.

Fleisch der Stufe 2 - „Stallhaltung Plus“ - korrespondiert mit den Vorgaben der Brancheninitiative Tierwohl. Den Tieren soll mehr Platz als vorgeschrieben gewährt werden und Beschäftigungsmaterial zur Verfügung stehen müssen. Das so gekennzeichnete Fleisch soll laut Lidl nachweislich von Betrieben stammen, die diese Zusatzkriterien erfüllen.

Mit Stufe 3 - „Auslauf“ - verbindet Lidl weitergehende Anforderungen. So soll den Tieren noch mehr Platz zur Verfügung stehen als in Stufe 2 und sie sollen Zugang zu Außenklimabereichen haben müssen. Zusätzlich sollen die Futtermittel ohne Gentechnik erzeugt worden sein.

Schließlich will Lidl Biofleisch mit der Stufe 4 „Bio“ kennzeichnen.
Die Haltung von Rindern ist aktuell noch kein Diskussionsthema.
Foto: Syda Productions / fotolia.com
Die Haltung von Rindern ist aktuell noch kein Diskussionsthema.
Gekennzeichnet werden soll ausschließlich deutsche Rohware. An der Preisgestaltung soll sich zunächst nichts ändern. Eigenen Angaben zufolge will Lidl erreichen, dass bis Anfang 2019 rund die Hälfte seiner Frischfleischprodukte mindestens der Stufe 2 entsprechen. Langfristig wolle man dazu beitragen, „dass sich die Standards in ganz Deutschland sukzessive erhöhen“, teilte das Unternehmen mit.

Verwirrung durch Abweichung vom Eier-Konzept

Der Vorsitzende des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, kritisierte, Lidl stifte beim Verbraucher Verwirrung, indem das Unternehmen in seinem Konzept die bewährte Reihenfolge bei der Eierkennzeichnung umkehre.

„Wenn jetzt auch noch andere Handelsunternehmen ihre Marketingideen in jeweils eigenen Modellen der Fleischkennzeichnung verwirklichen, dann ist das Chaos perfekt“, so Prinz Löwenstein. Er appellierte an Ministerin Klöckner, die politische Führung zu übernehmen und ein verpflichtendes staatliches Kennzeichnungssystem einzuführen. Nur dann könnten die Kunden mit ihrer Kaufentscheidung den Umbau der Landwirtschaft unterstützen.
Kennzeichnung der Tierhaltung bei Eiern.
Foto: emer / fotolia.com
Kennzeichnung der Tierhaltung bei Eiern.
Auch QS-Geschäftsführer Nienhoff räumte ein, dass die von Lidl vorgesehene Zuordnung der einzelnen Stufen hinterfragt werden könne. Gleichwohl bestehe die Chance, „die Wertschöpfung für Fleisch zu erhöhen und die Wertschätzung für die Landwirtschaft und Tierhaltung in die gewünschte Richtung zu bringen“.

Mutig und gut durchdacht

Gegenüber der Nachrichtenagentur Agra-Europe bezeichnete Nienhoff die Lidl-Initiative als mutig und in den Umsetzungsschritten gut durchdacht. Möglich sei der Ansatz aber nur durch die Initiative Tierwohl (ITW), betonte er.

Die Initiative Tierwohl biete die Voraussetzung für eine gesicherte Umsetzung der Stufe 2, einschließlich Finanzierung, vertraglicher Regelung und Kontrolle. Für die Stufe 3 stehe der Deutsche Tierschutzbund mit seinem Label Pate.
Schweinemast - Offenstall
(Bild: Henk Riswick)

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Damit diese Art der Haltungs- und Tierwohlkennzeichnung langfristig funktionieren kann, hält es Nienhoff für dringend erforderlich, in der gesamten Kette eine abgestimmte einheitliche Vorgehensweise zu vereinbaren. Andernfalls drohe ein Flickenteppich von Kennzeichnungen, „der die Verbraucher irritiert und für die Land- und Fleischwirtschaft nicht umsetzbar ist“.

Zudem müssten sich die Wirtschaftsbeteiligten auf einen geeigneten Weg verständigen, die Initiative Tierwohl nach 2020 weiter fortzuführen. „Für den wirtschaftlichen Erfolg müssen viele mitspielen“, betonte der QS-Geschäftsführer. Falls die Wertschöpfungskette sich einig werde, müsse der Verbraucher für seine Tierwohlvorstellungen „das Portemonnaie öffnen“.

An die Bundesregierung appellierte der QS-Geschäftsführer, sich in Sachen staatliches Tierwohllabel „dem machbaren Weg“ anzuschließen, der von der Wirtschaft eingeschlagen werde. Für die Landwirtschaft sei entscheidend, dass die notwendige Planungssicherheit gewährleistet werde und angemessene Preise die erhöhten Aufwendungen abdeckten.

Offen bleibe bis auf Weiteres die Frage der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Zudem müssten auch für Tierhaltungen neben der Mast dringend gute Lösungen entwickelt werden. Nienhoff nannte dabei ausdrücklich die Sauenhaltung.

Schritt in die Produktkennzeichnung

Die Initiative Tierwohl unternimmt unterdessen den ersten Schritt in die Kennzeichnung ihrer Produkte. Ab dem 3. April wird unverarbeitetes Hähnchen- und Putenfleisch in den beteiligten Einzelhandelsunternehmen mit einem neuen Produktsiegel ausgezeichnet.

Für Verbraucher werde damit eindeutig erkennbar, dass das Fleisch von Betrieben stamme, die an der Initiative Tierwohl teilnehmen und so über die gesetzlichen Standards hinaus Maßnahmen für eine tiergerechtere Haltung umsetzen, teilte die Initiative mit. Ihren Angaben zufolge kann ab Oktober 2018 auch frisches, bearbeitetes - also zum Beispiel gewürztes, mariniertes oder paniertes - Geflügelfleisch durch das Siegel gekennzeichnet werden.
 Haltung von Geflügel.
Foto: Wiesenhof / Armin Weigel
Haltung von Geflügel.
Seit Anfang des Jahres habe sich die Anzahl der teilnehmenden geflügelhaltenden Betriebe nicht zuletzt durch ein zusätzliches Engagement der Geflügelwirtschaft auf rund 2.200 erhöht.
Tierwohl - staatliches Label - Tierwohlsiegel - Tierwohl-Siegel - Tierwohl-Label
(Bild: BMEL)

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Gleichzeitig sei die Anzahl der von dem Programm profitierenden Hähnchen und Puten auf jährlich 545 Millionen Tiere gestiegen. Insgesamt beteiligten sich inzwischen rund 6.200 geflügel- und schweinehaltende Betriebe mit mehr 570 Millionen Tieren an der Initiative.

„Wir freuen uns, dass wir den Verbrauchern in Deutschland nun ein Plus an Transparenz anbieten können“, erklärte ITW-Geschäftsführer Dr. Alexander Hinrichs. Künftig könnten die Kunden der teilnehmenden Lebensmitteleinzelhändler erkennen, „dass sie unverarbeitetes Geflügelfleisch von Betrieben kaufen, die mehr für ihre Tiere tun als vom Gesetzgeber vorgeschrieben“.

Handelsunternehmen für gesetzliche Fleischkennzeichnung

Greenpeace veröffentlichte vergangene Woche Umfrageergebnisse, denen zufolge sich die meisten Lebensmitteleinzelhandelsunternehmen und Erzeugerverbände eine gesetzlich verpflichtende Haltungskennzeichnung bei Fleisch wünschen.

Zwar sei der „Haltungskompass“ von Lidl ein lobenswerter Schritt; um einer schwer zu durchschauenden Vielfalt Einhalt zu gebieten, sei jedoch die Politik zum Handeln aufgefordert, so Greenpeace.
Schweinemast - Offenstall
(Bild: Henk Riswick)

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Den Angaben der Umweltorganisation zufolge unterstützen Aldi, Lidl, Rewe, Kaufland und Tegut die Forderung nach mehr Transparenz bei der Tierhaltung, um künftig klar und einheitlich kennzeichnen zu können. Andere Unternehmen seien hingegen zurückhaltender.

Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) begrüßte den Lidl-Haltungskompass als „einen guten Schritt“, der jedoch keine staatlich verpflichtende Kennzeichnung ersetze. Der BUND sieht die Gefahr eines „Flickwerks von unterschiedlichen Kennzeichnungen“.

Wichtiger Schritt für mehr Transparenz

Der Präsident des Deutschen Tierschutzbunds, Thomas Schröder, lobte die Lidl-Initiative als einen wichtigen Schritt, endlich mehr Transparenz für den Verbraucher am Fleischregal zu schaffen.

Der Lidl-Haltungskompass konzentriere sich auf die Haltung der Tiere; durch das zweistufige Tierschutzlabel des Deutschen Tierschutzbunds „Für Mehr Tierschutz“ werde zudem die Kette bis hin zum Schlachthof transparent, nachvollziehbar und umfassender gelabelt.

„Daher freuen wir uns über das Bekenntnis von Lidl, auch weiterhin und verstärkt Produkte mit dem Label ‚Für Mehr Tierschutz‘ ins Sortiment aufzunehmen“, so Schröder. Lidl müsse dafür Sorge tragen, dass die bei den Eiern umgekehrte Bedeutung der Ziffernfolge nicht zu großer Verwirrung führe.

Erheblichen Nachbesserungsbedarf machte der Tierschutzverband Pro Vieh geltend. Alleine die Umkehr der bekannten Kategorien von 0 bis 3 wie beim Ei sei „äußerst kritisch“. Pro Vieh erwartet ein Signal der Bundesregierung. Die Erarbeitung eines neutralen und fairen Kennzeichnungsmodells, das durch staatliche Fördermaßnahmen flankiert werde, könne den Umbau zu einer tiergerechten und fairen Landwirtschaft ermöglichen.

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