IAA Nutzfahrzeuge Vernetzt und autonom

Donnerstag, 15. September 2016
Feiert Weltpremiere in Hannover: Der neue Crafter von Volkswagen.
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Feiert Weltpremiere in Hannover: Der neue Crafter von Volkswagen.

Der digitale Wandel erreicht auch das Transportgewerbe. Der neue Crafter von Volkswagen wird in Hannover zum Messestar vom 22. bis 29. September.
Von Bernd Nusser

Die Masche hat System: Schon Wochen vor dem großen Branchengipfel lässt Mercedes-Benz die Katze aus dem Sack und dominiert damit die Schlagzeilen. Vor zwei Jahren präsentierten die Schwaben im Vorfeld der IAA für Nutzfahrzeuge den „Future Truck“, und alle Welt staunte nicht schlecht, dass der Lkw der Zukunft keinen Fahrer mehr benötigt.
Foto: VDA
Vor der 66. Auflage der „Leitmesse für Mobilität, Transport und Logistik“, die Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt am 22. September offiziell eröffnen wird, setzten Daimler-Nutzfahrzeugchef Wolfgang Bernhard und sein Team nun erneut ein Ausrufezeichen. Vor Journalisten aus aller Herren Länder präsentierte der smarte Manager im altehrwürdigen Stammwerk in Stuttgart-Untertürkheim die Vision „Urban eTruck“. Der rein batterieelektrisch betriebene Dreiachser ist, der Name ist Programm, vor allem für den innerstädtischen Verteilerverkehr gedacht – flüsterleise und lokal abgasfrei versteht sich. 

Die Zeit sei jetzt reif für ein solches Modell, erklärte Bernhard mit Blick auf die Luftreinhaltungsprobleme vieler Metropolen. Allerdings: Ob die süddeutsche Studie in der Praxis mit vollbeladenem Frachtraum tatsächlich die versprochenen 200 Kilometer mit einer Batteriefüllung erreicht und ob der mitgeführte Strom dann auch noch für die Kühlung von Fleisch und Wurst ausreicht, wird erst die Zukunft zeigen. Ohnehin ist in diesem Jahrzehnt nicht mehr mit der Serienreife zu rechnen.
„Komfort, Design und Image gewinnen an Bedeutung.“
Bernhard Schmitz, Leiter Nutzfahrzeuge bei Ford
Der Elektro-Laster steht aber auf jeden Fall symbolisch für das Bemühen des gastgebenden Verbands der Automobilindustrie (VDA), den anstehenden Wandel einzuläuten. Schon das Motto „Ideen sind unser Antrieb“ soll auf die hohe Innovationskraft der Unternehmen hinweisen. „Mehr Zukunft gab es noch auf keiner IAA“, verkündet VDA-Präsident Matthias Wissmann denn auch mit sichtlichem Stolz. „Die gesamte Branche befindet sich in einer digitalen Transformation – das Nutzfahrzeug der Zukunft wird vernetzt sein, auch das automatisierte Fahren wird bald schon Realität“, betont Wissmann und lockt Fuhrparkbetreiber großer Fleischbetriebe ebenso in die Messehallen wie selbstständige Filialisten.

Mobilität ist schließlich auch im Fleischerhandwerk immer stärker gefragt. Zum Verkaufswagen, der Belieferung von Großkunden und Gastronomie oder dem klassischen Partyservice dürfte sich schließlich schon bald die Auslieferung von via Internet bestellter Ware aus dem Online-Shop gesellen. Auch Metzger müssen künftig wohl verstärkt nach der Devise verfahren: Wenn der Kunde nicht zum Verkäufer kommt, muss der Verkäufer zum Kunden gehen.

Mit dem Rückenwind einer im ersten Halbjahr dieses Jahres robusten Nutzfahrzeugkonjunktur und europaweit zweistelligen Zuwachsraten bei schweren Lkw und Transportern (Deutschland nach sieben Monaten jeweils plus neun Prozent) haben sich rund 2.000 Aussteller, damit mehr als vor zwei Jahren, für die Leistungsschau an der Leine angemeldet. „Die Präsenz der großen Lkw-, Anhänger- und Aufbautenhersteller ist beeindruckend. Hinzu kommen so viele Zulieferer aus aller Welt wie auf keiner anderen Automobilmesse“, so Wissmann.
  • Die Volkswagen-Tochter MAN vermarktet ab Mitte 2017 den neuen Crafter auch als MAN TGE.
    Die Volkswagen-Tochter MAN vermarktet ab Mitte 2017 den neuen Crafter auch als MAN TGE. (Bild: MAN)
  • Die IAA Nutzfahrzeuge findet vom 22. bis 29. September in Hannover statt.
    Die IAA Nutzfahrzeuge findet vom 22. bis 29. September in Hannover statt. (Bild: VDA)
  • Mercedes-Benz Cityflitzer Modell Citan.
    Mercedes-Benz Cityflitzer Modell Citan. (Bild: Winter)
  • Der MAN TGM ist der wendige Nutzlast-Champion. Hier im Bild ein Kühlzug mit Kress-Aufbau.
    Der MAN TGM ist der wendige Nutzlast-Champion. Hier im Bild ein Kühlzug mit Kress-Aufbau. (Bild: MAN)
  • Auch der Citroën Jumpy wird in Hannover in neuer Fassung vorgeführt.
    Auch der Citroën Jumpy wird in Hannover in neuer Fassung vorgeführt. (Bild: PSA)
  • Fiat Professional präsentiert in Niedersachsens Landeshauptstadt den Talento 07. Die Italiener schufen diesen Transporter nach dem Ausstieg aus der Zusammenarbeit mit PSA. Das bei Renault entwickelte Modell läuft ebenso bei Nissan und Opel vom Band.
    Fiat Professional präsentiert in Niedersachsens Landeshauptstadt den Talento 07. Die Italiener schufen diesen Transporter nach dem Ausstieg aus der Zusammenarbeit mit PSA. Das bei Renault entwickelte Modell läuft ebenso bei Nissan und Opel vom Band. (Bild: Fiat)
  • Volkswagens neuer Crafter feiert in Hannover Weltpremiere.
    Volkswagens neuer Crafter feiert in Hannover Weltpremiere. (Bild: VW)
  • Proace von Toyota. Die Japaner sind erstmals in Hannover vertreten und präsentieren den neuen Kastenwagen.
    Proace von Toyota. Die Japaner sind erstmals in Hannover vertreten und präsentieren den neuen Kastenwagen. (Bild: Toyota)
  • Der fanzösische PSA-Konzern zeigt auf der IAA Nutzfahrzeuge den Peugeot Expert in neuer Fassung.
    Der fanzösische PSA-Konzern zeigt auf der IAA Nutzfahrzeuge den Peugeot Expert in neuer Fassung. (Bild: PSA)
  • Der Urban eTruck von Mercedes ist ein rein batterieelektrisch betriebener Dreiachser. Er ist für den innerstädtischen Verteilerverkehr gedacht, leise und abgasfrei.
    Der Urban eTruck von Mercedes ist ein rein batterieelektrisch betriebener Dreiachser. Er ist für den innerstädtischen Verteilerverkehr gedacht, leise und abgasfrei. (Bild: Daimler)
  • Die IAA Nutzfahrzeuge ist zu Gast auf dem Gelände der Deutschen Messe AG in Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover.
    Die IAA Nutzfahrzeuge ist zu Gast auf dem Gelände der Deutschen Messe AG in Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover. (Bild: VDA)
  • Der Transit L3 H3 von Ford.
    Der Transit L3 H3 von Ford. (Bild: Winter)
  • Höhenverstellbare Zwischendecke im Ford Connect.
    Höhenverstellbare Zwischendecke im Ford Connect. (Bild: Winter)
  • Kühleinbauten von Winter mit Rohrbahn.
    Kühleinbauten von Winter mit Rohrbahn. (Bild: Winter)
  • Rollcontainer im Kiesling Fahrzeug.
    Rollcontainer im Kiesling Fahrzeug. (Bild: Kiesling)
  • Transporter mit Einbauten für den Lieferservice von Kiesling.
    Transporter mit Einbauten für den Lieferservice von Kiesling. (Bild: Kiesling)
  • Transporter-Kühlzug von Kress.
    Transporter-Kühlzug von Kress. (Bild: Kress)
  • Transporter mit Auffahrrampe von Winter Fahrzeugtechnik.
    Transporter mit Auffahrrampe von Winter Fahrzeugtechnik. (Bild: Winter)
  • TK-Zelle und Reagale von Winter Fahrzeugbau.
    TK-Zelle und Reagale von Winter Fahrzeugbau. (Bild: Winter)
  • Eingebaute TK-Zelle von Winter Fahrzeugbau.
    Eingebaute TK-Zelle von Winter Fahrzeugbau. (Bild: Winter)
  • Seitentür mit Kälteschutzvorhang von Winter Fahrzeugbau.
    Seitentür mit Kälteschutzvorhang von Winter Fahrzeugbau. (Bild: Winter)
  • Trennwand mit Durchgangstür von Winter Fahrzeugbau.
    Trennwand mit Durchgangstür von Winter Fahrzeugbau. (Bild: Winter)
Mit von der Partie sind da selbstverständlich auch die Spezialisten für temperaturgeführte Kasten- und Stadtlieferwagen wie Kiesling, Kerstner (Lamberet-Gruppe), Kress, TBV, oder Winter.

Mit der Sonderausstellung „New Mobility World Logistics“ erhält der Megatrend der digitalen Transformation einen zusätzlichen Akzent. Sie zeigt dynamische und interaktive Fahrvorführungen und erklärt die technischen Innovationen zum autonomen Fahren oder zum so genannten Platooning, dem Kolonnenfahren mehrerer miteinander vernetzter Lkw. Dabei können Besucher auch selbst Elektro-Nutzfahrzeuge steuern und erleben. Geführte Touren leiten thematisch über das Messegelände zu ausgewählten Ausstellern. Hinzu kommen zahlreiche Konferenzen zu Automatisierung, Connectivity, saubere Antriebe und Urbanisierung.

Mit Blick auf die ungezählten Seminare und Workshops im IAA-Rahmenprogramm geht es dabei auch ganz praktisch zu: Fast schon traditionell stehen neben den Themen Ladungssicherung und Gefahrgut auch temperaturgeführte Transporte auf der Agenda.

Mit dem „Urban eTruck“ im Mittelpunkt, dürfte der Stand von Mercedes-Benz einmal mehr zum Zuschauermagneten werden. Die Konkurrenten von MAN, DAF, Scania, Volvo, Renault und Iveco werden den Stuttgartern die große Bühne aber nicht überlassen wollen und rücken ihre optimierten Modelle ebenfalls ins Rampenlicht. Die Formel „mehr Leistung, weniger Verbrauch und Emissionen“ steht bei allen Lkw-Herstellern im Blickpunkt.

Während die Produktzyklen bei den schweren „Brummis“ naturgemäß deutlich länger ausfallen, wechseln Modelle und Motoren bei den für die Fuhrparks der Fleischereibetriebe besonders relevanten Transportern bis 5,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht fast schon im Pkw-Takt. In diesem Jahr kostet die Nutzfahrzeugsparte von Volkswagen ihr Heimspiel weidlich aus. Mit Hochspannung wird schließlich der neue Crafter erwartet – fraglos der Messestar.

Glaubt man VW-Markenvorstand Eckhard Scholz, werden die Karten unter den Mitspielern im Transportermarkt nun neu gemischt. Der nationale Branchenprimus will auch in diesem Fahrzeugsegment endlich standesgemäß mitmischen und seinen Marktanteil in Europa von derzeit sieben auf 14 Prozent glatt verdoppeln.

Die große Zuversicht schöpfen die Norddeutschen aus der eigenen Stärke. Der Crafter wird nämlich endlich der leibliche Bruder der kleineren Transporter-Baureihe, nachdem VW 22 Jahre lang lediglich die Kopie des Mercedes-Benz Sprinter adoptierte. Die Projektverantwortung für das Gemeinschaftswerk lag seit 1994 allein in Stuttgart, die Fahrzeuge liefen in den Daimler-Fertigungsstätten in Düsseldorf und Ludwigsfelde von den Bändern. Volkswagen steuerte praktisch nur sein Logo bei.

Jetzt ist dagegen die VW-Tochter MAN mit im Boot und steigt als eigentlich reiner Lkw-Hersteller erstmals mit in das Transportergeschäft ein. Ab Mitte kommenden Jahres soll der neue Crafter auch als MAN „TGE“ vermarktet werden.

Für das im neu errichteten Werk im polnischen Wrzesnia gefertigte Gefährt stehen zunächst 69 Karosserie- und Antriebsvarianten zur Wahl. Bei Fahrzeuglängen von 5,90 bis 7,40 Meter und drei Aufbauhöhen zwischen 2,30 und 2,80 Meter ergeben sich maximal 18 Kubikmeter Stauraum, bis zu 5,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht und bis zu acht Tonnen Anhängelast. Die Motorenrange reicht von 75 kW/102 PS, über 90 kW/122 PS und 103 kW/140 PS bis zum Biturbo-TDI mit 130 kW/177 PS. Wahlweise gibt es Front-, Heck- oder Allradantrieb und für alle Leistungsstufen kann auch ein Automatikgetriebe geordert werden.

Mit besonderem Stolz präsentieren die Norddeutschen ihre Schar an Assistenzsystemen, die – mit freundlichen Grüßen nach Stuttgart – in der Klasse einmalig seien. So das adaptive Frontüberwachungssystem, der Anhängerrangierassistent, die visuelle Ausparkhilfe oder die seitlichen Sensoren, die dem Fahrer vor allem beim Abbiegen wertvolle Warnhinweise geben können.

Wann Mercedes-Benz mit der dritten Sprinter-Generation kontert, hüten Daimler-Chef Dieter Zetsche und der für die Van-Sparte zuständige Volker Mornhinweg noch wie ein „Staatsgeheimnis“. Doch der Marktführer in der Klasse bis 3,5 Tonnen Gesamtgewicht, der dem Fahrzeugsegment sogar seinen Namen gibt, will den Norddeutschen das Rampenlicht selbstverständlich nicht ohne Gegenwehr überlassen. Auch die Stuttgarter haben nun eine Variante bis 5,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht aufgelegt und spendieren dem Sprinter zum Branchengipfel noch zwei neue Motorvarianten mit 81 kW/110 PS sowie 103 kW/140 PS.

Nach der Runderneuerung der Modellpalette hat sich Ford als dritte Kraft im deutschen Transportermarkt fest etabliert. Die Kölner betreiben nun ebenfalls Produktpflege und präsentieren für die Transit-Baureihe eine neue Euro-6-Antriebsgeneration mit 2,0 Litern Hubraum. Die Leistungspalette reicht von 77 kW/105 PS bis 125 kW/170 PS. Dazu hält der Seitenwindassistent, der das Fahrzeug bei plötzlich auftretenden Böen in der Spur hält, serienmäßig Einzug.

Die Messe

Die IAA Nutzfahrzeuge in Hannover hat vom 22. bis 29. September täglich von 9:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Die Eintrittspreise betragen werktags 22 Euro und am Wochenende (24. und 25.) jeweils 13 Euro. Der Preis für die Dauerkarte liegt bei 69 Euro. Das Nachmittagsticket (werktags ab 13 Uhr) und der Eintritt für Lastkraftfahrer mit Ausweis kosten jeweils zehn Euro.
Eine Kategorie darunter bestimmt die Transporter-Baureihe von Volkswagen seit Jahr und Tag die Szene. Im vergangenen Jahr wurde der Segmentführer umfangreich renoviert, jetzt sind die Wettbewerber an der Reihe: Aus Frankreich kommen die „Geschwister“ Peugeot Expert und Citroen Jumpy in neuer Fassung. Das Markenduo aus dem PSA-Konzern hat sich für dieses Projekt mit Toyota einen neuen Kooperationspartner mit an Bord geholt und so sind die Japaner erstmals in Hannover vertreten und präsentieren den Kastenwagen als Proace.

Fiat stieg aus dieser Zusammenarbeit aus, beerdigte den Scudo und lanciert nun den Talento, den die Italiener wiederum von Renault übernehmen. An diesem Joint Venture sind Opel mit dem Vivaro und Nissan mit dem NV 300 beteiligt und so läuft der gleiche Kastenwagen unter vier Markennamen. Besonders innovativ ist das nicht… Immerhin: Der bei den Franzosen Trafic genannte Transporter fährt jetzt, wie der größere Master, auch mit Allradantrieb vor.
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