Die Online-Edition von

Fleischwirtschaft 90 (8), S. 100 -106, 2010Schlachtung gravider Rinder - ethische und rechtliche Aspekte

Der Tierschutz hat in der Europäischen Union einen hohen Stellenwert, und die Sicherheit von Lebensmitteln im Rahmen des „farm-to-fork" Konzeptes der EU wird auch durch die Einhaltung von Tierschutzstandards in der Nutztierhaltung mit beeinflusst. Die Harmonisierung der Gesetzgebung bezüglich des Lebensmittel- und Fleischhygienerechts
auf der einen und des Tierschutzrechts auf der anderen Seite haben dazu beigetragen, die diesbezüglich gewonnenen Erkenntnisse innerhalb der Europäischen Union umzusetzen. Für die Schlachtung tragender Tiere wurden in diesem Zusammenhang bislang weder im gemeinschaftlichen noch im nationalen Recht Regelungen getroffen. Ein
Grund hierfür ist sicherlich die Tatsache, dass die Schlachtung tragender Tiere von Seiten der Kommission als ein selten vorkommendes, unbeabsichtigtes Ereignis betrachtet wird. Erste eigene Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass bis zu 10% der weiblichen Rinder in verschiedenen Europäischen Mitgliedstaaten tragend zur Schlachtung
kommen. Ziel der eigenen Untersuchungen ist somit die Erfassung von Daten zur Prävalenz trächtig geschlachteter Rinder in Deutschland sowie tierschutzrelevanter Parameter zu Transport, Schlachtung und Schicksal der Feten bzw. ungeborenen Kälber. Im Rahmen eines 12-monatigen Erhebungszeitraums werden in diesem Zusammenhang
verschiedene deutsche Schlachtbetriebe mittels eines Erhebungsbogens zur Häufigkeit der Schlachtung tragender Tiere sowie zu tierschutzrelevanten Parametern bezüglich Transport, Schlachtung und Schicksal der Feten bzw. ungeborenen Kälber befragt. Die Auswertung der Fragebögen von bislang 53 teilnehmenden Betrieben hat ergeben, dass in mehr als der Hälfte der Schlachtbetriebe regelmäßig gravide Rinder in verschiedenen Trächtigkeitsstadien geschlachtet werden. Der Anteil tragender Tiere an der Gesamtzahl der weiblichen Rinder macht bis zu 15% aus. 90% der tragend geschlachteten Rinder befanden sich im 2. oder 3. Trimester der Gravidität. Die bisherigen Ergebnisse zeigen
deutlich, dass es sich hier keinesfalls um ein Einzeltierphänomen handelt, sondern tragende Tiere offensichtlich bewusst der Schlachtung zugeführt werden. Dies wirft die Frage auf, inwieweit die Schlachtung gravider Tiere der im Tierschutz geforderten angst- und schmerzlosen Tötung entspricht und ob eine gesonderte Euthanasie der Feten
tragender Tiere im Anschluss an die Schlachtung notwendig wird.

English Summary  

(original article is only in German language available)

 

Slaughter of pregnant cattle - ethical and legal aspects

Keywords: Slaughter | cattle | pregnancy | animal welfare | ethic |consumer protection

 
The EU has the among the world's highest standards of animal welfare in the world, and
the safety of the food chain is indirectly affected by the welfare of animals, particularly those the cattle farmed for food production. The welfare of food producing animals depends largely on how they are managed by humans. A range of factors can impact on their welfare including housing and bedding, space and crowding, transport conditions, stunning and slaughter methods. Harmonised EU rules are in place covering a range of food safety- and welfare-affecting issues, but a regulatory framework which governs the slaughter of pregnant farm animals is still missing. A need for action on this part has not been seen by the Commission yet, because it was assumed that pregnant heifers are only slaughtered in exceptional cases. However, first own investigations show, that the proportion of pregnant heifers raised in different European member states amounts to up to 10%. The objects of this study are  the collection of data concerning the frequency of
slaughter of pregnant heifers in different German abattoirs,  acquisition of animal welfare relevant parameters during transport, stunning and slaughter, and  fate of the foetuses and unborn calves. For this purpose, a mail questionnaire was sent to different German slaughterhouses. Until now feedbacks from 53 slaughterhouses could be gathered and
evaluated. More than 50% of the participants reported that they slaughter pregnant heifers. The percentage share of pregnant animals on the total number of female cattle is approximately 15%. More than 90% of the affected animals were slaughtered during last two trimesters of pregnancy.Pregnant heifers in different states of gravidity are regularly
slaughtered as the first results of our study show and questions concerning animal welfare particularly with regard to an animal welfare conform way of euthanasia for both the mother and the unborn calf have to be discussed in this context. 

 
Anschriften der Verfasser
Dr. med. vet. Katharina Riehn Fachtierärztin für Lebensmittelsicherheit, und Prof. Dr. Ernst Lücker, Institut für Lebensmittelhygiene, Universität Leipzig, An den Tierkliniken 1, 04103 Leipzig;Dr. Gottfried Domel, Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt, Am Poschwitzer Park 7, 04600 Altenburg; Prof. Dr. Almuth Einspanier und Dr. Jutta Gottschalk, Universität Leipzig, Veterinärmedizinische Fakultät, Veterinär-Physiologisch-Chemisches Institut, An den Tierkliniken 1 , 04103 Leipzig; Prof. Dr. Goetz Hildebrandt, Freie Universität Berlin, Fachbereich Veterinärmedizin, Institut für Lebensmittelhygiene, Königsweg 69, 14163 Berlin; Prof. Dr. Jörg Luy, Freie Universität Berlin, Fachbereich Veterinärmedizin, Institut für Tierschutz und Tierverhalten, Oertzenweg 19b, 14163 Berlin