Digitalisierung Fast wie ein Adventskalender

Mittwoch, 01. November 2017
Wie beim Adventskalender: Hinter 24 Türen werden die Bestellungen deponiert.
Foto: mm
Wie beim Adventskalender: Hinter 24 Türen werden die Bestellungen deponiert.

Eigentlich sind die Öffnungszeiten der Metzgerei Egeler im Ammerbuch-Reusten überaus komfortabel: 45,5 Stunden stehen die Familie und ihr Team wöchentlich für die Kunden bereit, öffnen an jedem Werktag bereits um sieben Uhr.

Seit Anfang des Jahres bietet die Metzgerei Egeler jetzt noch eine zusätzliche Serviceleistung, die die Kunden noch unabhängiger von den Öffnungszeiten macht und Stoßzeiten entzerrt: 24, auf 4,4°C gekühlte Abholboxen wurden direkt neben dem Fachgeschäft aufgestellt. 

Das Prozedere läuft bei den Egelers ganz formlos und ohne vorgefertigte Formulare ab. Die Kunden greifen entweder zum Telefonhörer, schreiben eine Mail oder geben einen Zettel im Laden ab. Manch einer ruft sogar von der Heimreise aus dem Urlaub an, weil er mit Schrecken an seinen leeren Kühlschrank zu Hause denkt, andere geben bereits mittwochs ihre Bestellungen fürs Wochenende durch. Für den Telefonbetrieb ist in der Regel ständig jemand im Büro – allein wegen dem gut frequentierten Partyservice und Catering.

Nummervergabe: Lena Egeler übermittelt dem Kunden nach dem Eingang seiner Bestellung eine sechsstellige Abholnummer.
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Nummervergabe: Lena Egeler übermittelt dem Kunden nach dem Eingang seiner Bestellung eine sechsstellige Abholnummer.
Lena Egeler: „Bestellt werden kann unser komplettes Sortiment in Stückzahl oder nach Gewicht.“ Am PC gibt die Diplom-Betriebswirtin den Auftrag ins System ein und legt eine Boxennummer fest. Am Wochenende, vor Feiertagen und am Mittwoch, wenn der Laden nachmittags geschlossen ist, wird der Service am häufigsten in Anspruch genommen. Dann startet die Juniorchefin mit der Fachnummer eins. Unter der Woche, wenn weniger bestellt wird, belegt sie als erstes die komfortabel angeordneten Fächer in Griffhöhe.

Fürs Richten der Ware veranschlagt sie drei Stunden. „Je länger wir dafür Zeit haben, desto angenehmer ist es natürlich für uns“, sagt sie. Wenn der Auftrag kurz vor dem starken Mittagsgeschäft eintrifft, kann es auch ein wenig länger dauern, umgekehrt geht es auch mal schneller. Grundsätzlich gilt: Die Bearbeitung der Bestellung ist nur während der Ladenöffnungszeiten möglich.
Fachauswahl: In der Software wird die Boxenbelegung farblich dargestellt.
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Fachauswahl: In der Software wird die Boxenbelegung farblich dargestellt.
Vor dem Richten der Ware teilt die Juniorchefin dem Auftraggeber eine sechsstellige Abholnummer mit – am liebsten auf elektronischem Weg oder telefonisch. Die Option einer SMS nutzt sie nur selten, will die Geschäftshandynummer nicht so breit streuen.
„Die Serviceleistung ermöglicht uns, den Laden nicht noch länger auflassen zu müssen.“
Lena Egeler
Beim Abholen ist der Kunde dann flexibel, erläutert Lena Egeler: „Es gibt keine zeitliche Begrenzung – die Boxen sind Tag und Nacht zugänglich.“ Seine Pin-Nummer tippt der Kunde dann am Abholboxen-Zahlterminal ein, unterschreibt auf dem Touchscreen und bezahlt mit der EC-Karte.

Das Display zeigt die Nummer der belegten Box an, deren Türchen sich nach Abschluss des Bezahlvorgangs automatisch öffnet. Zusätzlich weist noch ein bunt blinkendes Leuchtsignal auf das Warendepot hin. „Der Kunde entnimmt dann seine Einkaufstüte, schließt die Tür und der Vorgang ist abgeschlossen“, erklärt sie. Bleibt die Tür offen, ertönt ein akustisches Signal. „Sie muss immer fest verriegelt sein, damit das Fach neu belegt werden kann.“
Abholung: Der Kunde gibt die Codenummer ein, unterschreibt auf dem Touchscreen, bezahlt per EC-Karte und erfährt auf dem Display die Boxnummer, hinter der seine Einkäufe hinterlegt sind.
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Abholung: Der Kunde gibt die Codenummer ein, unterschreibt auf dem Touchscreen, bezahlt per EC-Karte und erfährt auf dem Display die Boxnummer, hinter der seine Einkäufe hinterlegt sind.
Der Hersteller der Abholstation bietet vier verschiedene Fachgrößen (S, M, L, XL) an, aber auch Kombinationen davon. Die Egelers haben sich für einheitlich große Boxen der Größe M entschieden. Eine Aufschnittplatte oder eine Schüssel mit Salat passen problemlos hinein. Und wenn die Bestellung einmal über das übliche Maß hinausgeht oder empfindliche Ware nicht gestapelt werden soll, können mit einer Pin-Nummer auch zwei Depots belegt werden. Im Sommer wurde – wie zu erwarten – am häufigsten Grillfleisch in die Boxen gepackt. „Dabei bieten wir mit den Fächern den Vorteil, dass die Kunden ihre Kühlkapazitäten zu Hause komplett für Getränke, Salate und Desserts nutzen können“, sagt Lena Egeler. Fleisch und Würstchen werden erst kurz vor dem Anwerfen des Grills abgeholt.
Entnahme: Die Türrahmen der gekühlten Boxen sind beheizt und damit vor dem Zufrieren geschützt.
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Entnahme: Die Türrahmen der gekühlten Boxen sind beheizt und damit vor dem Zufrieren geschützt.
Der Durchschnittsbon der hinterlegten Bestellungen ist mit dem im Ladengeschäft vergleichbar, beobachten die Egelers. „Es sind klassische Wochenend- und Vespereinkäufe – allerdings sind sie geplant, so dass keine Spontankäufe wie direkt an der Theke möglich sind.“ Dafür wird recht häufig Wurstaufschnitt geordert.

„Mit den Boxen können wir den einen oder anderen Kunden binden, der sich sonst damit im Supermarkt oder Discounter eingedeckt hätte.“ Ein neuer Stammkunde ist – dank der Boxen – der Besitzer eines teuren Pedelecs. Er braucht sein Rad nicht umständlich abzuschließen, fährt direkt an die Abholstation und behält sein Vehikel stets im Blick.
Süffa - Persönlichkeit des Jahres
(Bild: Thomas Wagner)

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Obwohl das Boxengeschäft an Ostern brummte: Am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag bleiben die Fächer leer. Darauf hat sich die Familie geeinigt. Damit vermeidet sie den „Kampf“ um die Boxen und eine mögliche Verärgerung von Stammkunden – und muss nicht noch an Heiligabend, der dieses Jahr auf einen Sonntag fällt, Bestellungen fertig machen.

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