Webshop Wenn’s auch online um die Wurst geht

Donnerstag, 23. März 2017
Start-up-Gründer: Manuel Stöffler (links) und Michael Ziegler vermarkten Grillwürste für Gesundheitsbewusste übers Netz.
Foto: Grillido
Start-up-Gründer: Manuel Stöffler (links) und Michael Ziegler vermarkten Grillwürste für Gesundheitsbewusste übers Netz.
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Webshop Onlinehandel


Für virtuelle Shops stehen die Zeichen der Zeit auf Wachstum.

Von Wolfgang Schilling

Es geht weiter rasant voran mit dem Lebensmittel-Onlinehandel. Laut jüngsten Zahlen des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel e.V. (bevh) wurden in diesem Segment im vergangenem Jahr in Deutschland 932 Mio. Euro umgesetzt. Eine Steigerung zum Vorjahr um 26,7 Prozent. Die Zeichen der Zeit stehen also auf Wachstum. Eine Chance auch für den Onlinehandel mit Fleisch und Fleischwaren? Die allgemeine fleischer zeitung und fleischwirtschaft.de haben den Praxistest gemacht und in drei Unternehmen nachgefragt, die hier mit ganz unterschiedlichen Ansätzen schon aktiv sind.

Mit der Wurst-Revolution auf den Geschmack gekommen

Manuel Stöffler und Michael Ziegler sind schon seit Kindertagen ziemlich beste Freunde. Beide sind Sportler, Metzger und inzwischen erfolgreiche Unternehmer. Und bei beiden dreht sich im Prinzip alles um die Wurst. Oder, wie sie es selbstbewusst formulieren: um die „Wurst-Revolution“. Die riefen sie vor anderthalb Jahren aus und gründeten ihr Unternehmen Grillido.de – wie es sich für ein echtes Start-up gehört, natürlich in einer Garage. Genauer gesagt, in der Garagen-Metzgerei von Manuels Oma.

„Bei uns ging es schon immer um die Wurst. In unseren Familien gab und gibt es Jäger und Metzger. Wir schätzen selbstgemachte Wurst, wissen, wie sie hergestellt wird und woher das Fleisch dafür kommt. Die Qualität muss stimmen“, sprudelt es aus Manuel Stöffler nur so heraus. Doch trotzdem haben er und sein Geschäftspartner Michael Ziegler irgendwann keine Wurst mehr gegessen. „Wir sind Sportler und merkten, dass der Fettanteil in den meisten Produkten einfach viel zu hoch ist. Deshalb haben wir darauf verzichtet, obwohl es uns schmeckt.“
„Ein leicht zu bedienendes Shopsystem ist das wichtigste Erfolgsrezept.“
Michael Ziegler, Mitgründer von Grillido
Da das auf Dauer für einen gelernten Metzger natürlich kein Zustand ist, sagten sich die beiden: „Wir entwickeln die gesunde Wurst.“ Ihr Motto lautete daher: „Fett raus, Geschmack rein.“ Angereichert mit getrockneten Tomaten, Spinat, Feta oder Sushi-Ingwer schmeckt eine solche Grillido-Wurst auch mit lediglich sechs Prozent Fett richtig lecker! Und spätestens seit ihrem Fernsehauftritt in der „Höhle der Löwen“, der Gründershow des Fernsehsenders Vox, ging die Wurst-Post auch Online so richtig ab.

„30 Paletten haben wir auf einen Hieb verkauft, die haben es richtig krachen lassen“, erinnert sich Manuel Stöffler an die Tage nach ihrem TV-Auftritt. Logisch, dass die Wurst dafür nicht mehr aus der Garagen-Metzgerei kommt. Sie wird inzwischen in einer Stuttgarter Genossenschaft produziert, ist im Lebensmittelhandel gelistet und wird deutschlandweit über Fitness-Studios und den eigenen Online-Shop grillido.de vermarktet.

Welche Knackpunkte gibt es beim Onlinehandel?

Ein gutes und leicht zu bedienendes Shopsystem, nennt Michael Ziegler als wichtigstes Erfolgrezept. Dafür muss man keine teure Software kaufen. Die Jungs von Grillido vertrauen mit WooCommerce auf ein sogenanntes Open-source-System. Das ist frei verfügbar und besitzt alle wichtigen Funktionen für den Verkauf im Internet. Weltweit werden mit dieser Technologie mehr als 600.000 Online-Shops betrieben.

Das Gute daran ist, dass das Shopsystem mit den Anforderungen eines steigenden Umsatzes mitwachsen kann. Ziegler benennt aktuell eine kritische Masse von 150 bis 200 Paketen, die pro Woche verschickt wird. Schockgefrostet und in einer Styropor-Verpackung kommt die Sendung via DHL-Paketversand auch tiefgekühlt beim Kunden an. Die Zeichen stehen weiter auf Wachstum. Die Gründer von myMuesli, Flixbus und ImmobilienScout24 haben mit weiteren Privatinvestoren schon 500.000 Euro in das Start-up investiert. Die „Wurst-Revolution“ geht weiter und wurde 2015 mit dem Förderpreis der Fleischwirtschaft von afz und Fleischwirtschaft belohnt.

Nach 115 Jahren endlich einen Online-Shop

Nicht ganz so rasant und expansiv ist Fleischermeister Thomas Hönnger aus Jena online unterwegs. In seinem 1895 gegründeten Familienbetrieb setzt er allerdings schon seit 2010 auf den Onlinehandel als Ergänzung zur herkömmlichen Verkaufsschiene mit derzeit acht Filialen. „Die Thüringer zieht es aus unterschiedlichen Gründen in die Ferne, wo sie dann den Geschmack der Heimat vermissen. Und uns erreichten immer wieder Anfragen von Kunden aus ganz Deutschland, die unsere Wurst kaufen wollten“, begründet Thomas Hönnger den Einstieg in den Onlinehandel. Der Renner in seinem Shop thueringer-originale.de sind zweifelsohne die Thüringer Rostbratwürste.
Die Webseite von Thomas Hönnger: Der Fleischermeister aus Jena ergänzt die herkömmliche Verkaufsschiene bereits seit sieben Jahren erfolgreich mit seinem Online-Shop.
Foto: Screenshot: www.hoennger.com
Die Webseite von Thomas Hönnger: Der Fleischermeister aus Jena ergänzt die herkömmliche Verkaufsschiene bereits seit sieben Jahren erfolgreich mit seinem Online-Shop.
„Die rohen sind dabei Pflicht, wir verschicken keine gebrühte Ware.“ In einem speziellen Verfahren werden sie bei -40°C schockgefrostet und gehen dann in einer Thermoverpackung mit Trockeneis auf die kurze Reise zum Kunden. „Am Anfang haben wir mit DHL versendet, inzwischen fahren wir mit UPS-Express schneller und günstiger“, verrät Hönnger, der großen Wert darauf legt, den Online-Shop komplett eigenständig zu steuern.

Auch er hat sich mit „Prestashop“ für eine kostenfreie Open-source-Lösung entschieden. „Schnell mal ein neues Produktfoto einstellen, einen Text ergänzen, einen Preis ändern: Mit dieser Technologie ist das alles kein Problem. So kann ich die Kosten für den Shopbetrieb niedrig halten“, erklärt er. Zu seinem Sortiment gehören neben der Bratwurst auch andere Thüringer Wurstspezialitäten. Wichtig ist es dabei, wegen der Preise egalisierte Produkte anbieten zu können. Denn der beim Abwiegen an der Verkaufstheke häufig gehörte Satz „Darf es ein bisschen mehr sein?“ funktioniert im Onlinehandel natürlich nicht.

Hönngers Shop läuft kontinuierlich übers Jahr, erzielt in der Grillsaison aber die höchsten Umsätze. Der Anteil am Gesamtumsatz liegt laut Betreiber bei fünf Prozent. Kommentar des Fleischermeisters: „Das nimmt man doch gern mit und hält sich und seinen Betrieb fit für kommende Herausforderungen.“

Die Nische besetzen und 100 Prozent Qualität bieten

Klaus Winkler ist Chef von Ullrichs Putenhof in Helmstadt, einer kleinen Gemeinde zwischen Heidelberg und Heilbronn. Der Familienbetrieb verfolgt in Sachen Qualitätsfleisch ein beeindruckendes Gesamtkonzept. Aufzucht und Schlachtung der Tiere sowie die Verarbeitung erfolgen im eigenen Betrieb. Seit zehn Jahren werden die Putenspezialitäten deutschlandweit über den Online-Shop ullrichs-putenhof.de verkauft. „Man muss die Nische besetzen und 100 Prozent Qualität bieten, sonst hat man keine Chance. Das Billigpreissegment wäre die Todesnummer“, ist Klaus Winkler überzeugt. Zehn Prozent seines Umsatzes macht er inzwischen mit dem Online-Shop. Sein Motto dabei: „Den Aufwand durch Automatisierung so gering wie möglich halten.“
Geflügel aus dem Netz: Seit zehn Jahren verkauft Klaus Winkler von Ullrichs Putenhof seine Putenspezialitäten deutschlandweit über seinen Online-Shop.
Foto: Winkler
Geflügel aus dem Netz: Seit zehn Jahren verkauft Klaus Winkler von Ullrichs Putenhof seine Putenspezialitäten deutschlandweit über seinen Online-Shop.
Wie Fleischermeister Hönnger hat er sich für Prestashop entschieden. Zusätzlich wickelt er den Versand über „Shipcloud“ ab. Diese von einem pfiffigen Hamburger Unternehmen entwickelte Technologie ermöglicht es, Versandetiketten vollautomatisiert auf Knopfdruck herzustellen und die Ware zu günstigen Konditionen mit allen wesentlichen Versanddienstleistern zu verschicken.

„Das spart der Arbeitskraft im Versand, wenn es – wie gerade an Weihnachten – im Shop hoch hergeht, jede Menge Zeit und Nerven. Und mir als Unternehmer einiges an Portokosten. Und wenn es bei einem Versender mal klemmt, switchen wir einfach um“, erklärt Winkler, der in Sachen Onlinehandel eine eindeutige Meinung vertritt: „Hiermit kommt auf das Fleischerhandwerk ein ganz neues Betätigungsfeld zu. Als Unternehmer muss man sich Gedanken machen, und sich eine Nische suchen, um für die Zukunft fit zu sein. Aber es lohnt sich.“

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