Kommentar von
Jörg Schiffeler

Tierwohl Mehr Mut statt Lippenbekenntnisse

Dienstag, 29. März 2016
Es muss Schluss sein mit Umfragen, deren Ergebnisse beinahe wöchentlich verkünden „Die Verbraucher sind bereit mehr Geld auszugeben“.
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Tierwohl Zahlungsbereitschaft Initiative Tierwohl


Vielleicht müssen wir alle – Erzeuger, Verarbeiter, Handwerker, Händler und Medienmacher – den Konsumenten mehr zumuten, denn von alleine wird sich am Einkaufsverhalten zugunsten für mehr Tierwohl nichts ändern – Kennzeichnung hin oder her. Es wird höchste Zeit das Wohl der Tiere flächendeckend durchzusetzen, denn im Stall darf es keine Klassengesellschaft geben.

Der Tierschutz, den der Gesetzgeber vorschreibt, reicht allein nicht aus. Zumindest nicht, um aus den Schlagzeilen von Tageszeitungen und Fernsehreportagen zu kommen. Daran ändert auch das Label des Deutschen Tierschutzbunds in zwei Stufen nichts. Aber es ist schon mal ein Anfang. Ebenso ist die Brancheninitiative Tierwohl mehr als nur ein Lippenbekenntnis. Immerhin zwölf Millionen Schweine profitieren von Maßnahmen wie beispielsweise der Durchführung von Stallklima- und Tränkewasserchecks. Das Statistische Bundesamt zählte im November zuletzt 27,5 Millionen Ringelschwänze in der Bundesrepublik. Da bleibt also genügend Handlungsraum für noch mehr tierfreundliche Haltungsformen.

Wie bekommen wir aber mehr „Tierwohl-Fleisch“ vermarktet? Die Kennzeichnung allein genügt nicht. Sie ist nur ein Werkzeug, um die Verbraucher zu sensibilisieren und deutlich vor die Wahl zu stellen. Nach der Einführung des zweistufigen Tierschutz-Labels lässt die Initiative Tierwohl nun folgerichtig ebenfalls Kommunikationsaktivitäten gegenüber den Konsumenten zu. Ein mutiger Schritt, denn die Auslobung von Tierwohl-Fleisch diskriminiert zwangsläufig andere Produkte, die diese Eigenschaft nicht mitbringen. Und gesellschaftlich betrachtet darf die Ausprägung des Tierwohls nicht vom Geldbeutel abhängen.

Diese Möglichkeit der Kennzeichnung wird den Markt aber eher teilen, denn die Mehrheit der Kunden wird bei der Qual der Wahl – so lehrt es die Erfahrung – dennoch am allerliebsten preisgünstig einkaufen. Die Marktforscher von TNS Emnid befragten 27.672 Europäer zu ihrer Zahlungsbereitschaft für tierfreundlichere Haltungsformen. Dafür sind natürlich viele, in konkreter Studie ein gutes Drittel. Diese Befragten würden bis zu fünf Prozent mehr für Fleisch aus tierfreundlicher Erzeugung bezahlen. Die Bereitschaft ist höchstens eine Seite der Medaille. Wie sieht es am Point-of-Sale aus? Mit Sicherheit anders.

Umgekehrt sind nach wie vor viele Händler nicht bereit, der Brancheninitiative beizutreten oder mehr Geld als bisher, aktuell sind das vier Cent pro verkauftem Kilogramm Schweine- und Geflügelfleisch, für mehr Tierwohl in die Hand zu nehmen.

Sind wir doch mutig: Warum nicht die Marktforscher beim Wort nehmen und mehr Mittel in die Haltungsformen investieren und die Verkaufspreise raufschrauben? Einen Versuch wäre es wert. Schließlich ramponieren die Billigstpreise in Handel und Discount das Image des wertvollen Rohstoffs Fleisch. Dem können die Marktbeteiligten entgegentreten. Ein flächendeckender Einkaufstourismus der Kunden ist nicht zu befürchten.

Spannend bleibt außerdem die Frage wie die Fleischwarenhersteller reagieren. Verlangt der Markt nach Leberwurst, Salami und Schinken aus Tierwohl-Fleisch? Wie positionieren sich hier Verarbeiter und Händler?

Das Fleischerhandwerk sieht die Landwirtschaft als wichtigen Partner. Vielfach gibt es Kontrakte zwischen Metzgern und Bauern. Der Deutsche Fleischer-Verband schmiedet Allianzen, weil er das Tierwohl als eine Gemeinschaftsaufgabe beider Seiten betrachtet. Die Meister benötigen jedoch eine Marketingstrategie, denn Selbstverständlichkeiten kommunizieren sich nicht von allein. Dafür müssen sich die Fleischer rüsten, denn die Auslobung im Handel bringt neuen Druck in den Markt. Der Kunde möchte zu seinem Einkauf auch ein gutes Gefühl.

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