Filialist feiert Jubiläum Convenience, Frische und Tradition

Donnerstag, 10. August 2017
Regionalität ist gefragter denn je. Da kommt das Angebot mit Wurst aus der Rhön gerade recht.
Foto: Müller
Regionalität ist gefragter denn je. Da kommt das Angebot mit Wurst aus der Rhön gerade recht.
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Robert Müller Fachkräftemangel


Seit 90 Jahren beliefert die Metzgerei Robert Müller im hessischen Flieden (Landkreis Fulda) das weite Umfeld mit ihren heimischen Wurst- und Fleischprodukten.

von Sigismund von Dobschütz

Was Emil und Marita Müller 1927 mit ihrer kleinen Metzgerei und Gaststätte begannen und deren Sohn Robert Müller seit 1960 zum Großbetrieb erweiterte, bauen Enkel Peter Schmitt (56) und Urenkel Heiko Klitsch (43) als heutige Geschäftsführer weiter aus. „Aber auch in vierter Generation bleiben wir ein Familienbetrieb“, sind sich beide einig.

Ein bis zwei Rinder und fünf Schweine wurden in den 1930er-Jahren wöchentlich in der Metzgerei verarbeitet. Heute verlassen jede Woche 100 Tonnen Wurst und Fleischwaren die 7.000 qm große Produktionsstätte im Fliedener Ortsteil Rückers. Davon geht der Großteil in die eigenen 75 Filialen in Hessen und den angrenzenden Bundesländern, der Rest an regionale Großkunden. „30 Prozent unserer Produktion sind Frischfleisch, 70 Prozent Wurst und Convenience-Ware“, ergänzt der für die Produktion verantwortliche Fleischermeister und Lebensmitteltechniker Heiko Klitsch, seit 2016 auch Holding-Geschäftsführer. Fast alles kommt aus eigener Herstellung, nur drei Prozent sind Handelsware, „um unser Sortiment abzurunden“.

Gastronomie bringt Wachstum

Convenienceprodukte hat das Unternehmen mit seinen 500 Mitarbeitern schon seit 25 Jahren im Angebot. Vor sechs Jahren kamen noch Feinkost und Salate dazu. „Die Essgewohnheiten unserer Gesellschaft haben sich verändert“, nennt Peter Schmitt als Grund. Der Volljurist, der 1989 ins Unternehmen einstieg, trägt schon seit 1996 als einer der beiden Holding-Geschäftsführer die Mitverantwortung für die Unternehmensgruppe und leitet den Vertrieb.

„Man isst mehr außer Haus.“ Deshalb gibt es nicht nur in jeder Müller-Filiale ein gastronomisches Angebot, sondern in vier Rewe-Supermärkten betreibt die Großmetzgerei sogar reine Gastro-Filialen. Schmitt: „Gastronomie ist ein Wachstumsmarkt.“ Im Bahnhof Kassel wurde erst kürzlich der gastronomische Bereich um 40 Plätze erweitert. „Wo es möglich ist, bauen wir diesen Bereich aus.“ Zusätzlich verkauft die Unternehmensgruppe über die eigene Knolli Franchise GmbH an ausgewählten Standorten ein breites Fastfood-Sortiment von Chicken-Stixx bis Burger, an anderen Standorten gibt es Döner.
Die beiden Holding-Geschäftsführer Heiko Klitsch (links) und Peter Schmitt.
Foto: Osthessen News
Die beiden Holding-Geschäftsführer Heiko Klitsch (links) und Peter Schmitt.
Ob es allerdings bald weitere Gastro-Filialen geben wird, mag sich der Geschäftsführer nicht festlegen. „Das hängt immer vom Standort ab.“ Ohnehin ist dieser Punkt das wichtigste Kriterium für den Betrieb einer Filiale. Alle Müller-Filialen befinden sich entweder in Rewe-Supermärkten oder in Bahnhöfen, in der Nähe von Straßenbahn- und U-Bahn-Haltestellen oder an ähnlichen „Hightraffic-Standorten“. „Die hohe Kundenfrequenz ist wichtig.“ Aus großen Einkaufsgalerien hat sich das Unternehmen verabschiedet. Schmitt: „Dort ist die Kundenfrequenz seit Jahren rückläufig.“

Keine der 75 Filialen betreibt das Unternehmen selbst. Vor 25 Jahren führte Schmitt sein spezielles Franchisesystem ein: Zwar ist jeder Laden vom Unternehmen gepachtet, wird ausschließlich von Müller beliefert und die GmbH legt auch die Preise fest. Doch die Filialleiter arbeiten selbstständig und auf eigenes Risiko, entscheiden selbst über ihr Sortiment, kaufen auch lokale Spezialitäten im Handel zu und tragen Personalverantwortung. Sich und ihre Mitarbeiter finanzieren sie ausschließlich aus Umsatz- und Rohertragsprovisionen.

Keine Expansion um jeden Preis

Ihr Filialnetz will die Großmetzgerei allerdings nicht um jeden Preis ausweiten. „Wir sind ein Familienbetrieb, und so soll es auch bleiben“, erklärt Peter Schmitt entschieden. Wird die Filialzahl zu groß, entwickelt sich das Unternehmen zwangsläufig zum unpersönlichen Managementbetrieb, fürchten die Geschäftsführer. „Wir wollen unser familiäres Verhältnis zu den Mitarbeitern bewahren“, ist beiden sehr wichtig. Nicht zuletzt deshalb sind etliche Mitarbeiter schon seit vielen Jahren dem Betrieb treu, manche schon seit über 40 Jahren.

Unternehmenstreue ist bei einem ländlichen Produktionsstandort wichtig, erschwert aber die Mitarbeitersuche. Schmitt: „Wer will denn heute noch in unserer Branche lernen?“ Ständig ist das Unternehmen an Schulen und auf Bildungsmessen unterwegs, um Absolventen für seine Metzgerei zu begeistern. Eigene Videoclips locken in allen sozialen Netzwerken. Sogar Quereinsteiger haben eine Chance und werden gezielt angelernt.

Ist der Fachkräftemangel auch problematisch, erwartet die Unternehmensgruppe dennoch weiteres Wachstum. „Wir wollen unser Großkundengeschäft ausbauen“, blickt Schmitt in die nahe Zukunft. „Regionalität ist mehr denn je angesagt. Da kommt unser Angebot mit Wurst aus der Rhön gerade recht.“ Heiko Klitsch will am Stammsitz den älteren Betriebsteil von 1972 sanieren und plant zudem ein 450 qm großes Logistikzentrum mit Hochregallager. „Unsere Produkte sollen noch schneller zum Kunden kommen.“

Müller in Kürze

Historie: gegründet 1927; ab 1968: erste Filialen; ab 1970: in drei Abschnitten neues Betriebsgebäude in Rückers; 1990: Start des Franchisesystems für alle Filialen; 1995: EU-Zertifizierung; 2008: Erweiterung der Produktionsfläche auf 7.000 qm; 2013: neue Reifekammer für Rohschinken und -wurst.

Geschäftsführer: Peter Schmitt, Heiko Klitsch

Filialen: 75 in Hessen und angrenzenden Bundesländern (Umkreis 100 km)

Mitarbeiter: 500, davon 145 am Sitz in Flieden

Wöchentliche Produktion: 100 Tonnen (30 Prozent Fleisch, 70 Prozent Wurst- und Convenienceprodukte), davon 65 Prozent an Filialen und 35 Prozent an Großkunden

Nettoumsatz/Jahr: 50 Mio. Euro

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