IAA Totalschaden

Freitag, 15. September 2017
Eindrücke von der IAA am Eröffnungstag.
Foto: IAA / VDA
Eindrücke von der IAA am Eröffnungstag.
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Dieselskandal Fahrzeug


Dieselskandal, Kartellvorwürfe und Absagenflut – selten startete der Branchengipfel in Frankfurt am Main unter so schlechten Vorzeichen.

von Bernd Nusser

Internationale Automobilausstellung, 18. September 2015: Deutschlands Vorzeigeindustrie feiert sich wie üblich im Zwei-Jahres-Rhythmus. Auch in Halle 3, wo der Volkswagen-Konzern mit seinen zahlreichen Töchtern seine Markenwelt inszeniert, herrscht Jubel, Trubel, Heiterkeit.

Plötzlich platzt die Bombe: Die amerikanische Umweltbehörde macht, sicher nicht zufällig pünktlich zur Mega-Party, den wohl größten Skandal in der Geschichte des Automobils publik: Volkswagen hat millionenfach verbotene Software eingesetzt, um die Abgaswerte seiner Dieselfahrzeuge zu manipulieren.

Seither ist in der Branche nichts mehr wie es war, nicht bei Volkswagen und auch nicht bei all den schweigenden Wettbewerbern, die nach und nach vielfach ebenfalls ins Fadenkreuz der Ermittler geraten sind, oder sich zu Themen wie der Abgasreinigung wohl sogar abgesprochen haben. Die publik gewordenen „Arbeitskreise“ haben selbst dem obersten Automobillobbyisten die Schamröte ins Gesicht getrieben: „Sollten die Untersuchungen der Kartellbehörden die Vorwürfe bestätigen, wäre das nicht nur justiziabel, sondern auch ein Anlass für eine kulturelle Neudefinition innerhalb der betroffenen Unternehmen“, ließ sich Matthias Wissmann, der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), ungewohnt eindeutig vernehmen.

Und so hat sich zwei Jahre nach dem „Urknall“ beim weltgrößten Autobauer der Skandal zu einem Flächenbrand ausgeweitet – auch weil die Hersteller selbst unter dem Brennglas der Öffentlichkeit weiterhin tricksen, vertuschen und verharmlosen. Das gilt, wie VW noch immer glauben machen will, nicht nur für eine Handvoll ruchloser Ingenieure, sondern beispielsweise auch für das Marketing, das für den Betrug an Kunden und Umwelt noch jede Menge Wortgirlanden bildet.

Während Volkswagen den Skandal im eigenen Konzern beharrlich mit dem Begriff „Dieselthematik“ abtut, sprechen die Bosse technokraten-lyrisch vom „Thermofenster“, wenn die Abgasreinigung lediglich bei angenehmen Außentemperaturen von 17 bis 19 Grad ordnungsgemäß arbeitet.

Aktuell und besonders seit dem auch noch als „Gipfel“ geadelten Krisengespräch mit Verkehrs- und Umweltministerium Anfang August in Berlin verschanzt sich die Branche hinter der Mär vom „Software-update“: kennt jeder von seinem Smartphone, klingt harmlos und ist schnell gemacht. Wenn so ein Software-update – der Begriff ist auf dem besten Wege zum „Unwort des Jahres“ gekürt zu werden – auf Knopfdruck für saubere Fahrzeuge sorgen würde, hätten die IT-Koryphäen in den Entwicklungsabteilungen ja gleich richtig programmieren können …

  • Blick auf das Frankfurter Messegelände.
    Blick auf das Frankfurter Messegelände. (Bild: Messe Frankfurt / Sutera)
  • Die IAA öffnet vom 14. bis 24. September 2017 täglich von 9:00 bis 19:00 Uhr.
    Die IAA öffnet vom 14. bis 24. September 2017 täglich von 9:00 bis 19:00 Uhr. (Bild: IAA / VDA)
  • Eindrücke von der IAA am Eröffnungstag.
    Eindrücke von der IAA am Eröffnungstag. (Bild: IAA / VDA)
  • Wohlfühlambiente versprüht die zur Hälfte der Laufzeit aufgefrischte S-Klasse von Mercedes-Benz.
    Wohlfühlambiente versprüht die zur Hälfte der Laufzeit aufgefrischte S-Klasse von Mercedes-Benz. (Bild: Daimler)
  • Am unteren Ende der Preisskala sorgt der neue VW Polo für Furore.
    Am unteren Ende der Preisskala sorgt der neue VW Polo für Furore. (Bild: VW)
  • Audi mit der Neuinterpretation des A8.
    Audi mit der Neuinterpretation des A8. (Bild: Audi)
  • Am Ford-Stand dreht sich alles um die achte Generation des Kleinwagens Fiesta, die quasi zum gleichen Preis (12950 Euro) wie der VW Polo startet.
    Am Ford-Stand dreht sich alles um die achte Generation des Kleinwagens Fiesta, die quasi zum gleichen Preis (12950 Euro) wie der VW Polo startet. (Bild: Ford)
  • Die IAA 2017 ist eröffnet.
    Die IAA 2017 ist eröffnet. (Bild: IAA / VDA)
  • Ein Jahr nach dem Start der aktuellen Limousine hat Jaguar  einen XF Sportbrake aufgelegt.
    Ein Jahr nach dem Start der aktuellen Limousine hat Jaguar einen XF Sportbrake aufgelegt. (Bild: Jaguar)
  • Opel bringt mit dem Grandland X einen mittelgroßen SUV auf den Markt.
    Opel bringt mit dem Grandland X einen mittelgroßen SUV auf den Markt. (Bild: Opel)
  • Die Stuttgarter Sportwagenschmiede nennen ihren neusten Panamera-Ableger „Sport Turismo“.
    Die Stuttgarter Sportwagenschmiede nennen ihren neusten Panamera-Ableger „Sport Turismo“. (Bild: Porsche)
  • Der Seat Arona gehört  in die Gruppe der leichten SUV.
    Der Seat Arona gehört in die Gruppe der leichten SUV. (Bild: Seat)
Statt die Hausaufgaben zu machen und den geplagten Fuhrparkbetreibern in den Unternehmen endlich Klarheit darüber zu verschaffen, auf welche Antriebstechnik sie im Flottenalltag der Fleischwirtschaft setzen sollen, schwadroniert die Szene lieber über „Connectivity“ und „selbstfahrende Autos“. Zu gerne beschwören Daimler-Chef Dieter Zetsche oder VW-Vorstand Matthias Müller bei ihren bombastischen Bühneninszenierungen die „Mobilität der Zukunft“ – dabei sind nicht einmal die Probleme der Gegenwart gelöst.

Keine Frage, die automobile Welt ist völlig aus den Fugen, doch es ist kaum zu erwarten, dass sich die Hersteller bei der diesjährigen Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) vom 14. bis 24. September ein wenig in Demut üben, auch wenn Audi etwas bescheidener in Halle 3 zieht, statt wie in den vergangenen Jahren eine eigene Zeltstadt zu errichten. Dafür spricht schon allein das mantramäßig bemühte Motto „Zukunft erleben“. Es wird erneut nicht an protzigen Messeständen, spektakulären Show-Einlagen und vollmundigen Versprechungen fehlen – fast schon zwangsweise vor allem bei den deutschen Herstellern, denn zahlreiche Importeure sind bei der traditionsreichen Nabelschau diesmal gar nicht mehr dabei und machen den Totalschaden damit komplett.

Den gastgebenden VDA ereilte eine wahre Absagenflut: Abarth, Alfa Romeo, DS, Fiat, Infiniti, Jeep, Lancia, Mitsubishi, Nissan, Peugeot, Rolls Royce und Volvo bleiben den Frankfurter Messehallen fern. Teils war den Unternehmen der Auftritt schlicht zu kostspielig geworden, teils versuchen die Anbieter ihre Gefährte auf anderen Veranstaltungen oder bei exklusiven Präsentationen ins Rampenlicht zu rücken.

„Über 50 Pkw-Marken haben sich angemeldet, darunter die größten Automobilhersteller aus Europa, den USA und Asien. Zudem kommen junge chinesische Hersteller wie Wey oder Chery erstmals zur IAA“, verkündet Verbandschef Wissmann fast schon trotzig und verweist auf die „internationale Reputation der Leitmesse für Mobilität“.

Dass die Branche den eingeläuteten Technologiewandel aktiv mitgestaltet, soll die „New Mobility World 2017“ belegen. In einer eigenen Halle und auf der Freifläche „Agora“ treffen Innovatoren aus Tech- und IT-Unternehmen sowie Startups auf etablierte Konzerne. Dazu gehören unter anderem BlaBlaCar, Harman, IBM, International Industries, Kaspersky, Merck, NXP, Qualcomm, Siemens, Sony, TomTom, Telekom, Allianz, SAP und McKinsey. Partner dieser Sonderplattform ist kein Geringerer als der Internet-Gigant Facebook.
Impressionen von der Automobilmesse in Frankfurt am Main.
Foto: IAA / VDA
Impressionen von der Automobilmesse in Frankfurt am Main.
Fleischer, die auf einen fahrbaren Untersatz angewiesen sind, um ihr Geschäft zu betreiben, dürften sich allerdings noch brennender dafür interessieren, welche neuen Modelle im Hier und Jetzt zur Verfügung stehen und sich kostendämpfend auf den Etat oder motivierend auf die Mitarbeiter auswirken könnten. Doch ausgerechnet in der Businessklasse, das seit Jahren stetig wachsende Segment (plus 1,1 Prozent im relevanten Flottenmarkt im ersten Halbjahr 2017 nach einem Allzeitrekord im Vorjahr), gibt es kaum Impulse.

Ob Audi auf der IAA bereits einen Ausblick auf den für das kommende Jahr angekündigten A6-Nachfolger gewährt, ist noch ein Geheimnis. Und so stehen lediglich zwei besonders noble Kombis im Blickpunkt der Dienstwagenfahrer: Ein Jahr nach dem Start der aktuellen Limousine hat Jaguar nämlich wieder einen XF Sportbrake aufgelegt. 565 bis 1.700 Liter beträgt das Kofferraumvolumen. Die Preise beginnen bei 43.960 Euro.

Mehr als doppelt so tief muss in die Tasche greifen, wer zu den ersten Zeitgenossen gehören möchte, die einen Porsche als Kombi fahren. Weil der Gattungsbegriff in der schwäbischen Sportwagentraumwelt viel zu profan klingt, nennen die Wortakrobaten aus Stuttgart ihren neusten Panamera-Ableger auch viel lieber „Sport Turismo“. Für die große Heckklappe und bescheidene 50 Liter mehr Stauraum (maximal 1.390 Liter) berechnen die Schwaben gegenüber der Panamera-Limosuine mal eben 5.000 Euro Aufschlag. Bei einem Startpreis von 97.556 Euro dürften nicht allzu viele Vielfahrer in den Genuss eines solchen Dienstwagens kommen.
Blick auf das Frankfurter Messegelände.
Foto: Messe Frankfurt / Sutera
Blick auf das Frankfurter Messegelände.
In der gleichen Liga spielt die Konzernschwester Audi mit der Neuinterpretation des A8. Der wegen der Dieselaffäre mächtig unter Beschuss stehende Vorstandschef Rupert Stadler und sein aktueller Entwicklungsvorstand Peter Mertens wollen den traditionellen Markenclaim „Vorsprung durch Technik“ endlich wieder mit Leben füllen. Dafür wurde die 5,17 Meter lange und mindestens 90.600 Euro teure Luxuslimousine mit jeder Menge Gimmicks vollgepackt. Sitzt der Chef hinten rechts, kann er sich beispielsweise sogar die Füße massieren lassen.
IAA 2017
(Bild: IAA / VDA)

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IAA Ohne Diesel kein Frühstück

Wohlfühlambiente versprüht natürlich auch die zur Hälfte der Laufzeit aufgefrischte S-Klasse von Mercedes-Benz, die pünktlich erscheint, um der Konkurrenz aus Ingolstadt die Bühne nicht allein zu überlassen.

Eher am unteren Ende der Preisskala sorgt der neue VW Polo für Furore. Auch hier ist die Konkurrenz nicht weit: Am Ford-Stand dreht sich alles um die achte Generation des Kleinwagens Fiesta, die quasi zum gleichen Preis (12.950 Euro) wie der VW startet.

Dass es die Industrie mit der visionären, umweltgerechten Fortbewegung tatsächlich nicht ganz so eilig hat, wie das Messemotto vermuten lässt, belegen die ungezählten neuen SUV, die offensichtlich jeder haben will, aber keiner wirklich braucht. Opel Grandland X, Seat Arona, Skoda Karoq, Hyundai Kona, Kia Stonic, VW Tiguan Allspace, VW T-Roc, Citroen C3 Aircross, Jaguar E-Pace, BMW X3, Range Rover Velar, Porsche Cayenne – kein Stand kommt ohne Geländewagen aus. Wenn den Herstellern freilich nicht bald eine brauchbare Lösung des Dieselproblems einfällt, dürfte der SUV-Boom aber absehbar abflachen.

Und was macht die auf der vergangenen Herbstmesse in Paris ausgerufene Elektro-Offensive? Sie ruht wieder, möchte man sagen. Greifbare Serienmodelle mit alltagstauglichen Reichweiten zu bezahlbaren Preisen stehen kaum auf der IAA-Premierenliste. Zwar kündigt Nissan die zweite Generation des elektrischen Kompaktmodells Leaf an – die Japaner sind aber in Frankfurt nicht dabei.

Preise und Öffnungszeiten

Die IAA öffnet vom 14. bis 24. September täglich von 9:00 bis 19:00 Uhr. Die Eintrittspreise betragen an den Fachbesuchertagen (14. und 15. September) jeweils 47 Euro, ansonsten 14 Euro werktags sowie 16 Euro an den Wochenenden.

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