100 Jahre „Fleischwirtschaft“: Was geht? Was ...
Gerd Abeln, Renate Kühlcke
100 Jahre „Fleischwirtschaft“

Was geht? Was kommt? Was bleibt?

Donnerstag, 15. Juli 2021

FRANKFURT 100 ereignisreiche Jahre sind seit Gründung der „Fleischwirtschaft“ vergangen. Viele weitere, ebenso bewegte werden folgen.

Anlass in alten, vermeintlich besseren Zeiten zu schwelgen, sind sie nicht – aber Triebfeder für die Zukunft zu einem Zeitpunkt der Zäsur. Was geht? Was kommt? Was bleibt? Ein Wendepunkt bei den Produkten und ihren Produktionstechnologien zeichnet sich ebenso ab, wie bei den Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter. Flexibilisierung ist ein häufig geforderter Prozess. Gemeint ist die Bereitschaft, proaktiv Neuem eine Chance zu geben und Altbewährtes auf den Prüfstand zu stellen. In ihrer rund 120 Jahre währenden Geschichte hat die Fleisch- und Fleischwarenindustrie unzählige Einschnitte zu bewältigen gehabt. Neue Vertriebsformen entstanden neben den Bedientheken, und die Einführung des SB-Fleischs beim Discounter krempelte den Fleischmarkt komplett um. Ob der Verkauf übers Internet eine ähnliche Kraft entfalten wird, weiß man noch nicht.

Aus der Vergangenheit lernen und aus dem Gelernten Lehren für die Zukunft ziehen – so kann es auch in disruptiven Zeiten funktionieren. Ob technische Neuerungen, gesetzliche Vorgaben, wirtschaftliche Zwänge oder gesellschaftliche Veränderungen – stets mussten sich die Akteure neuen Herausforderungen stellen und meist haben sie ihre Chancen genutzt. Die erfolgreiche Haltbarmaschung von Würstchen in Dosen machten die Halberstädter um die vorletzte Jahrhundertwende groß, die Einführung eines vegetarischen Sortiments bringt aktuell die Traditionsmarke Rügenwalder Mühle an die Spitze eines vermeintlich unaufhaltsamen Trends zur fleischfreien Wurst. 

Konservierte Fleischwaren konnten mit den Bestimmungen des Fleischbeschaugesetzes von 1900 in stärkerem Maße gefertigt werden, für Fleisch aus dem Reagenzglas oder aus dem Drucker wird bereits an den gesetzlichen Voraussetzungen gearbeitet. Als Bauer Friedrich Menzefricke Ende des 19. Jahrhunderts auf einer größeren Partie schlachtreifer Schweine sitzenblieb, entschloss er sich zur Weiterverarbeitung des Viehs und wurde zum Fabrikanten. Heute gehört die Marke Menzefricke zum Tönnies-Konzern, dessen Gründer in den 1970ern das Potenzial von SB-Fleisch erkannten und zugleich die Arbeitsteilung anderer Industrien konsequent auf ihre Branche adaptierten. 

Lebensmittel waren vor der Industrialisierung viele Jahrhunderte lang sicher vor revolutionären Umbrüchen. Innovationen setzen sich in diesem Bereich des täglichen Lebens bis heute nur sehr zögernd durch. Auch vor diesem Hintergrund hat die Weltgemeinschaft weiter Hunger auf Fleisch. Dieser dürfte allen Umfragen zum Trotz weiter anhalten, auch wenn gleichzeitig die Innovationszyklen für technische Erzeugnisse immer kürzer werden. Ob das auch für Fleischersatz oder für Laborfleisch gilt, muss sich erst noch zeigen. Milliardenschwere Investoren können helfen, sind allein aber keine Akzeptanzgarantie.

Die „Fleischwirtschaft“ blickt mit Respekt zurück und zuversichtlich nach vorn: Forschung und Technik bleiben die Treiber – sowohl für Kapitalgeber als auch für die Akteure der Branche. Die Fleischwirtschaft beobachtet, reagiert und agiert; sie investiert, probiert und entwickelt – eigentlich wie immer und stets sowohl dem Wandel als auch wiederkehrenden Zyklen folgend.

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Quelle: Fleischwirtschaft 7/2021
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