Forschung: Den Blickwinkel verändern
Clair Siegfried
Forschung

Den Blickwinkel verändern

Freitag, 21. Oktober 2022

FRANKFURT Die Fleischwissenschaft muss an ihrer Ansprache arbeiten.

Der Mangel and Fach- und Arbeitskräften beschränkt sich nicht mehr auf einzelne Branchen, Regionen oder Länder. Wohin man auch schaut, die Folgen sind im öffentlichen wie auch im privaten Raum auf allen Ebenen sichtbar.

So verwundert es nicht, dass sich dies auch in der Landwirtschaft, der Fleisch verarbeitenden Industrie und im Handwerk zeigt. Wie der Präsident vom Deutschen Fleischer-Verband, Herbert Dohrmann, in seinem Interview mit der afz - allgemeine fleischer zeitung anmerkte, hat nicht nur das Fleischerhandwerk trotz der „hochgelobten dualen Berufsausbildung“ an Attraktivität verloren. Der Nachwuchs strömt lieber in den Hörsaal statt eine Ausbildung zu beginnen.

Schnell könnte man vermuten, dass nun wenigstens an den technischen Hochschulen und Universitäten ein Überangebot an motivierten Nachwuchswissenschaftlern anzutreffen sein müsste. Doch auch die Lebensmitteltechnologie – gerade im Bereich der Fleischforschung – sieht sich händeringend nach Nachwuchs um. Der Lemgoer Arbeitskreis Fleisch + Feinkost widmet diesem Umstand sogar einen eigenen Vortrag auf der diesjährigen Arbeitstagung Anfang November.

Der Rückgang der Studierendenzahlen im In- und Ausland wird von einigen Wissenschaftlern auch auf das schlechte Image des Lebensmittels Fleisch zurückgeführt. Öffentliche Debatten seien zunehmend von einer als Anti-Fleisch-Propaganda bezeichneten Rhetorik bestimmt, warnen einige Wissenschaftler. Sie weisen auch darauf hin, dass die Branche nicht nur unter diesem schlechten öffentlichen Image leide, sondern eine Karriere im Fleischsektor als nicht zukunftsträchtig gesehen werden könnte. Die Folgen sind beträchtlich: In den Hörsälen bleiben nicht nur eine steigende Anzahl an Plätzen leer, auch die Lehrstühle bleiben häufiger unbesetzt oder werden ganz gestrichen. Und zur Abwanderung der Fachkräfte gesellt sich dann noch das Ausbleiben von dringend notwendigen Fördergeldern, sowohl aus der Privatwirtschaft als auch aus öffentlichen Projektmitteln.

Ob die Gespräche auf dem Wissenschaftstreffen Ende Oktober in Dublin oder auf der Arbeitstagung in Lemgo zu neuen Erkenntnissen und – vor allen Dingen – zu einem erfolgversprechenden Aktionsplan führen, wird sich noch zeigen. Zu wünschen wäre der Branche allerdings ein selbstkritischer Blick auf ihre „Vermarktungsstrategie“. Wie sehen die Konzepte zur Ansprache von Jugendlichen noch vor Ende der Schulzeit aus, welche Förder- und Mentorenprogramme gibt es für benachteiligte oder unterrepräsentierte Gruppen? Gezielt Diversität fördern und Zugangsbeschränkungen abbauen könnte nicht nur der Fleischwissenschaft neues Leben einhauchen. Je unterschiedlicher die neuen Fachkräfte sind, desto vielseitiger werden auch die Perspektiven und Lösungsansätze sein. Und davon profitiert letzten Endes nicht nur die Fleischwirtschaft.

Quelle: Fleischwirtschaft 10/2022
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