Kommentar von
Jörg Schiffeler

Fachkräftesicherung Keine Scheu vor unkonventionellen Methoden

Dienstag, 04. Oktober 2016
Würden Sie wieder Metzger werden wollen? Jetzt denken Sie vermutlich: Was soll das? Ich hoffe, Sie beantworten die provozierende Frage eindeutig mit Ja! Begründen Sie Ihre Berufswahl und legen dar, warum er immer noch genau der richtige ist.

Es ist keine drei Wochen her, dass wir uns dem Thema Fachkräftesicherung widmeten. Es ist momentan die weitaus größte Sorge der meisten Unternehmen in Deutschland und im Fleischerhandwerk erst recht. Während der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) mit Stolz verkündet, dass wieder mehr junge Menschen einen Lehrvertrag abgeschlossen haben, trifft das für die Ausbildungsberufe Fleischer und Fleischerei-Fachverkäufer leider nicht zu.

Dabei sind die Chancen groß. Der Fleischsektor bietet zahlreiche Perspektiven, die jungen Menschen mehr als eine solide Grundlage für das tägliche Auskommen liefern. Aber wer weiß das? Und wer trägt das Wissen um tolle Jobs – sagen wir besser kreative Berufe mit Verantwortung – nach draußen in die Welt? Die Politik schwenkt zwar um und bemüht sich darauf hinzuweisen, dass in der Akademisierung der Gesellschaft nicht der Weisheit letzter Schluss liegt. Die Wahrheit ist aber eine andere. Unser Bildungssystem fordert gerade dazu auf, nach vermeintlich Höherem zu streben. Das ist grundsätzlich auch nicht verkehrt. Denn nur durch Weiterentwicklung und Veränderung wird aus der Zukunft eine wirtschaftlich erfolgreiche Zeit.

Wer in der gesellschaftlichen Mitte ankommen will, muss dafür jedoch nicht zwangsläufig studiert haben. Da zählen Tugenden wie Empathie, Fleiß, Freude und Ergebnisse, die zum Erfolg führen. Das sind Werte, mit denen sich das Handwerk identifiziert. Noch dazu sorgt das familiäre Umfeld im Meisterbetrieb für Orientierung und Halt, beides wird heutzutage oft vergeblich gesucht. Die Berliner Start-up Metzgerei Kumpel und Keule bringt es knapp auf den Punkt: „Altes Handwerk neu inszenieren!“ Es liegt an jedem Einzelnen von uns, Lust auf einen tollen Beruf zu verbreiten. Die Suche geeigneter Nachwuchskräfte ist Chefsache und darf nicht delegiert werden. Dabei wird es immer wichtiger, auch ungewöhnliche Wege bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen einzuschlagen. Vor allem ist die Fachkräftesicherung die wichtigste Investition in den eigenen Betrieb. Ohne nachrückende junge Menschen wird ein fleischerhandwerkliches Unternehmen nicht überleben – schließlich können Chef und Meistersfrau nicht alle Aufgaben allein stemmen.

Die Zentralgenossenschaft das europäischen Fleischerhandwerks (Zentrag) gründete vor fünf Jahren die Gilde-Stiftung, um Betriebe, Innungen und Berufsschulen zu einer aktiven Nachwuchswerbung zu motivieren. Seit 2011 zeichnete sie zahlreiche Aktivitäten mit dem Titel „Fit für Azubis“ aus. Die Macher wünschen sich eine größere Beteiligung am Wettbewerb, denn gute Ideen dürfen Nachahmer finden.

Ausbildung
(Bild: DFV)

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In diesem Jahr überzeugten die Jury drei besondere Ausbildungsinitiativen, bei denen die Betriebe durch aktive und originelle Nachwuchswerbung neue Fachkräfte fanden. Das gelang insbesondere dadurch, weil die Chefs sich freimachten von Berührungsängsten. Weder Hautfarbe noch Glaube spielten eine Rolle, augenzwinkernd kamen auch mal doppeldeutige Claims zum Einsatz. Die direkte Ansprache – auch von geflohenen Menschen aus anderen Ländern – ist eine Stärke, die die Unternehmen bereichert: Mit händeringend benötigtem Nachwuchs, neuen Kunden durch Medienrummel und einem unterm Strich aufpolierten Image. Schließlich ist es cool, in einem angesagten Fleischer-Fachgeschäft zu lernen, zu arbeiten und einzukaufen. Wer sich bei der Personalakquise so aufstellt, muss um die Zukunft nicht fürchten.

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