Kommentar von
Sandra Sieler

Fleischwirtschaft Verbesserte Sozialstandards sind ein Grund für Zuversicht

Dienstag, 18. Dezember 2018
Die Fleischwirtschaft ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen, hat ihre Produkte und Prozesse optimiert und neue Märkte erschlossen. Eine Erfolgsstory. Aber irgendwo auf diesem Weg der Globalisierung, Technisierung und Modernisierung blieb das Ansehen als Arbeitgeber zum Teil auf der Strecke. In den Medien war von Leiharbeitskräften die Rede, die unter prekären Bedingungen arbeiten und wohnen, ebenso von Niedriglöhnen und Ausbeutung durch Werkverträge.

In einer Branche, die gekennzeichnet ist durch hohen Preisdruck und starken Wettbewerb, ist es nicht einfach, einen Ausgleich zwischen den Arbeitnehmer- und den Arbeitgeberinteressen zu finden. Dennoch haben sich die Unternehmen der Aufgabe gestellt. Und einiges hat sich seither bewegt, zum Positiven: Nachdem 2014 der erste Mindestlohn-Tarifvertrag für die gesamte Fleischwirtschaft vereinbart worden war und im Sommer 2014 der Verhaltenskodex folgte, setzte die Selbstverpflichtung den bisherigen Schlusspunkt: Die beteiligten Unternehmen verpflichteten sich, ihre Beschäftigten – auch die bei ihren Dienstleistern – nach deutschem Arbeits- und Sozialrecht anzustellen. Zudem wollten sie mehr Mitarbeiter in ihre Stammbelegschaft übernehmen.

„Dass die Selbstverpflichtung wirkt, bescheinigt nun auch die Bundesregierung der Branche. 18 Unternehmensgruppen mit 100 Betrieben haben die freiwillige Erklärung inzwischen unterzeichnet. Das ist wertvoll, aber zu wenig. “
Sandra Sieler, stellvertretende Chefredakteurin
Dass ihre Selbstverpflichtung wirkt, bescheinigt nun auch die Bundesregierung der Branche. 18 Unternehmensgruppen mit 100 Betrieben haben die freiwillige Erklärung inzwischen unterzeichnet. Das ist wertvoll, aber zu wenig.

Dem jüngsten Bericht des Sozialpolitischen Ausschusses der Fleischwirtschaft zufolge liegt der Anteil der direkt bei den Unternehmen beschäftigten Arbeitnehmer inzwischen bei knappen 50 Prozent. Das gilt allerdings nur für die Unternehmen, die die Selbstverpflichtung der Branche mittragen. Im gesamten Sektor dürfte die Quote also eher darunter liegen. Andererseits sind die Dienstleistungsunternehmen teilweise selbst Konzerntöchter der Schlacht- und Zerlegeunternehmen.
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(Bild: pxhere.com)

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Die Einkommenssituation der Mitarbeiter hat sich ebenfalls verbessert. Auch das unterstreicht der Bericht des Sozialausschusses: Die Entgelte in der Fleischwirtschaft seien im vergangenen Jahr um insgesamt 3,3 Prozent angehoben worden. Damit lag die Entwicklung über dem Durchschnitt der allgemeinen Lohnentwicklung in Deutschland. Im Bereich der Schlachter und Zerleger stiegen die Bezüge sogar um mehr als zwölf Prozent.

Damit scheint das Unterlaufen des Mindestlohns aus Sicht des Sozialpolitischen Ausschusses in der Fleischwirtschaft auch kaum noch ein Thema zu sein. Im Gegenteil: Die Arbeitnehmer einschließlich der meist osteuropäischen Arbeitnehmer würden deutlich oberhalb des Mindestlohns vergütet, heißt es in dem aktuellen Bericht zur Umsetzung der Selbstverpflichtung vom September. Der Zoll führe die Fleischwirtschaft daher inzwischen nicht einmal mehr als Schwerpunktbranche.

Für die Beschäftigten geht es also in die richtige Richtung, erste Impulse sind gesetzt. Dennoch: Die Branche hat ihren Ruf weg. Man muss heute schon weit über die Grenzen Deutschlands hinaus gehen, um Mitarbeiter zu finden, etwa in die strukturschwachen Regionen Europas. Doch auch dort verbessern sich die Bildungs- und Arbeitschancen. Mit Arbeitsbedingungen zum Mindeststandard wird man dort auf lange Sicht nicht attraktiv bleiben. Und selbst wenn: Das Modell der Leiharbeit ist kein belastbares für die Aufgaben der Zukunft. Um Spitzen in der Hochsaison abzufedern vielleicht, aber nicht als Standard.

All diejenigen, die nicht im Geist der Selbstverpflichtung arbeiten, erweisen denjenigen, die es tun, einen Bärendienst. Das ist gefährlich. Denn angesichts der herausfordernden Situation am Arbeitsmarkt wird nur derjenige bestehen, der sich als fairer Arbeitgeber zu profilieren weiß.

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