Kommentar von
Jörg Schiffeler

Image Stemmen Sie sich gegen den Sog der Abwärtsspirale

Dienstag, 23. April 2019
Das Lebensmittelhandwerk macht Schlagzeilen. Die Deutsche Presse-Agentur widmete sich gleich nach Ostern Bäckern und Metzgern. Das ist gut so.
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Fleischerhandwerk


Innerhalb von nur zehn Jahren gaben jeweils etwa 30 Prozent der Betriebe in Deutschland auf. Das erreicht sowohl Leser als auch Hörer. Denn die Meldung läuft im Rundfunk, in den großen Tageszeitungen sowie im Fernsehen. In Fachkreisen dagegen ist diese Erkenntnis nicht neu. Was aber kann gegen diese Entwicklung getan werden? Da ist zum einen das Image der Fleischerberufe. Es entspricht nach Meinung der afz-Redaktion nicht der Realität. In den vergangenen 30 Jahren haben sich die Ausbildung und die Ausrichtung vieler Fleischereien enorm gemausert.

Im „Blut“ musste selbst ich während meiner Lehre im Pforzheimer Schlachthof Anfang der 1990er Jahre nicht stehen. Dennoch bedient immer noch eine stattliche Anzahl an Metzgermeistern dieses verdammte Klischee. Sie lassen sich von der Tagespresse mit Aussagen zitieren wie „Das Handwerk sei eben generell nicht mehr attraktiv“ oder „der Job ist hart, man arbeitet locker 70 Stunden pro Woche – das geht über die Jahre schon in die Knochen.“

Demgegenüber stehen die Freude, im Fleischerhandwerk zu arbeiten und Chancen auf berufliche Perspektiven zu entdecken, was die afz in jeder Ausgabe unter Beweis stellt. Genießen Sie das Porträt unseres Autoren Filip Lachmann über Sandra Schmidt. Auch der Deutsche Fleischer-Verband kämpft gegen „Knochenjob“-Szenarien und informiert beispielsweise mit der Kampagne „Anders als Du denkst“ über Weiterbildungsmöglichkeiten und Karrierechancen. Öffentlichkeitswirksame Auftritte der Nationalmannschaft des Fleischerhandwerks, das Team „Butcher Wolf Pack“ oder die neue Generation von Fleischsommeliers machen Laune auf einen – mit Verlaub– geilen Beruf.

„Wer in seiner Nachbarschaft auf lebendige Fachgeschäfte treffen will, muss auch dort einkaufen.“
Jörg Schiffeler, Chefredakteur
Zum anderen wird es Zeit, dass noch viel mehr Handwerksbetriebe ihre Stärken deutlicher und vor allem viel lauter herausstellen. Marketing ist weder ein Schreckgespenst noch ein Instrument, das nur großen Unternehmen vorbehalten ist. Es muss Teil der Strategie eines jeden Geschäftsinhabers sein. Dazu gehört es, auch Verbraucher anzusprechen, die noch keine Kunden sind.

Die Themen der Zeit spielen gerade dem Lebensmittelhandwerk in die Hände, wenn man nur an den Megatrend Regionalität denkt. So schwärmten die Moderatoren der Hörfunkwelle hr 1 von frischen und nicht uniform gebackenen Brötchen, die nach Kindheit duften, oder von unzählbaren Rezepturen Ahler Würste regionaler Fleischereien, die „alternativlos“ seien. Die Reihe könnte munter fortgesetzt werden: lokale Wirtschaftskreisläufe, kurze Transportwege, Umweltaspekte oder auch Verpackungsthemen.

Kunden sind nicht einfach einzufangen. Mehrere Versuche sind aber lohnenswert. Verbraucher verlangen viel, sind in der Regel bequem und preissensibel. Doch genau das stößt an immer mehr Grenzen. Parallel verkündet der Staat zwar den Abbau der Bürokratie und macht genau das Gegenteil. Und Bürgermeister wie Landräte wollen auf Handwerksbetriebe nicht verzichten, können aber gleichzeitig der Versuchung der Erschließung neuer Gewerbeflächen für Supermärkte und Discounter nicht widerstehen. Ja, wir leben in einer freien und sozialen Marktwirtschaft. Die wollen wir nicht missen und ebenso wenig die vielen Möglichkeiten, die dieses Wirtschaftssystem bietet. Wir haben gelernt: Angebot und Nachfrage bestimmen, was läuft. Und das lässt sich durchaus beeinflussen – beispielsweise mit Marketingmaßnahmen.

Der sehnsuchtsvolle Blick auf ein kleiner werdendes Handwerk sollte nicht in Nostalgie umschlagen, die es eines Tages im Museum zu bestaunen gibt. Es geht ums Überleben. Dabei ist Mundpropaganda unschlagbar: Wer in seiner Nachbarschaft auf lebendige Fachgeschäfte treffen will, muss auch dort einkaufen. Das ist die klare Botschaft, die nicht oft genug wiederholt werden kann.

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