Kommentar von
Monika Mathes

Verzehrgewohnheiten Schöne neue Ernährungswelt

Freitag, 24. Mai 2019
Wie und womit sich Menschen ernähren, wird von wechselseitigen Faktoren bestimmt: Soziale und kulturelle Einflüsse spielen dabei ebenso eine Rolle wie ökonomische, technische oder politische.
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Nestlé


Das Ernährungsverhalten unterliegt einem stetigen, mitunter rasanten Wandel. Bestes Beispiel: In der relativ überschaubaren Zeitspanne von knapp 75 Jahren zwischen Kriegsende und Gegenwart hat sich bei Mahlzeitenzusammensetzung und Lebensangebot enorm viel verändert.

Der Mangelgesellschaft folgte die Überflussgesellschaft: Getreide und Kartoffeln, in Notzeiten Hauptnahrungsmittel, stehen heute viel seltener auf dem Tisch. Ihn bereichern stattdessen ganzjährig verfügbares Obst und Gemüse aus Importen sowie mehr Fleisch und Wurst. Frischhalte- und Konservierungstechniken, ausgefeiltere Transportprozesse und die Herstellung von Tiefkühl- und Fertigprodukten sorgten schließlich ebenfalls dafür, dass heute eine so große Auswahl an Lebensmitteln verfügbar ist, die Verbraucher schon fast überfordert. Ob Fleischfan oder Flexitarier, ob Vegetarier oder Veganer: Für jeden Geschmack oder Ernährungsstil stehen eigentlich genügend Zutaten bereit, um sich ausgewogen und abwechslungsreich zu ernähren.

Einen Einblick in die tatsächlichen Konsum- und Essensgewohnheiten erlaubt die druckfrisch vorgelegte Nestlé-Studie 2019, erstellt vom weltgrößten Nahrungsmittelkonzern und den Demoskopen des Allensbach-Instituts. Sie ist eine Fortschreibung der bereits im Jahr 2009 erstellten Untersuchung und beleuchtet damit die seit diesem Zeitpunkt vergangene Dekade. Befragt wurden gut 1.500 Bundesbürger zwischen 14 und 84 Jahren.

Das Resümee: In diesen zehn Jahren hat sich eine Menge getan. Sich ändernde Familienstrukturen und Lebenssituationen, mehr erwerbstätige Frauen sowie die Entwicklung hin zu einer Single-Gesellschaft führen dazu, dass der wichtigste Anlass zur Nahrungsaufnahme immer seltener wird: die familiäre Kommunikation am Esstisch. Damit entfällt neben dem sozialen Ritual die entscheidende Gelegenheit, um Genuss zu zelebrieren.

„Das Essen außerhalb der eigenen vier Wände schätzen Konsumenten als komfortabel, unkompliziert, genussvoll und gute Chance zur Pflege sozialer Kontakte. Es entbindet sie außerdem davon, sich umfangreiches und nötiges Wissen zu Ernährung, Zutaten und Kochtechniken anzueignen. “
Monika Mathes, afz-Redakteurin
Anstelle der Tischgemeinschaft daheim – so ein weiteres Ergebnis der Studie – verzeichnen Restaurants aller Betriebsformen steigende Gästezahlen. Denn das Essen außerhalb der eigenen vier Wände schätzen Konsumenten als komfortabel, unkompliziert, genussvoll und gute Chance zur Pflege sozialer Kontakte. Es entbindet sie außerdem davon, sich umfangreiches und nötiges Wissen zu Ernährung, Zutaten und Kochtechniken anzueignen. Der Vorsatz, sich gesund ernähren zu wollen, wird manchmal durch Zeitknappheit und größeren Alltagsstress von vornherein torpediert. Trotzdem räumen wie bereits vor zehn Jahren immerhin zwei von drei Befragten diese lobenswerte Absicht ein.
Nestlé-Studie - Essen am Tisch
(Bild: Monkey Business / Adobe Stock)

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Ein Unterschied in den Ergebnissen von 2009 und 2019 veranlasst die Marktforscher allerdings dazu, Alarm zu schlagen: Das größte Tamtam um gesundes Essen, Regionalität, Saisonalität, Ökoprodukte und artgerechte Tierhaltung machen Gesellschaftsschichten mit höherem sozialen Status. Ein besorgniserregendes Studienresultat: Menschen mit geringerem Einkommen und Bildungsniveau legen nur wenig Wert auf qualitativ hochwertige Nahrungsmittel und greifen lieber zu Tütensuppen, Tiefkühlpizza oder anderen Fertigprodukten mit viel Fett, Zucker und Salz.

Auf alle bisherigen Änderungen im Essverhalten hat sich das Ernährungshandwerk immer wieder neu eingestellt und wird das auch weiterhin tun müssen: mit einem ausgewogenen Convenience-Sortiment für Kunden mit wenig Zeit, mit zusatzstofffreien oder -armen Produkten für Gesundheitsbewusste oder Allergiker, mit den passenden Portionsgrößen für kleine Haushalte, mit Kochkursen für Unsichere, Ernährungsberatung und preiswerten Angeboten für Kunden mit knappem Budget.

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