Buchtipp "Wir müssen uns gegen Mythen und Dogmen wehren"

Freitag, 09. Oktober 2020
Lars Jaeger ist ein schweizerisch-deutschen Unternehmer, Wissenschaftler, Schriftsteller, Finanztheoretiker und alternativer Investmentmanager.
Foto: Gsell Photography / privat
Lars Jaeger ist ein schweizerisch-deutschen Unternehmer, Wissenschaftler, Schriftsteller, Finanztheoretiker und alternativer Investmentmanager.

Lars Jaeger, Autor des Buchs "Mehr Zukunft wagen! Wie wir alle vom Fortschritt profitieren", spricht über kompromissloses Wissen-Wollen, Mut zum gestalterischen Engagement und wie sich Gier immer weniger lohnt.
Herr Jaeger, Künstliche Superintelligenz, Genmanipulation, Neurotechnologie: Viele Menschen fürchten sich vor dem technologischen Fortschritt. Welche Voraussetzungen kann und muss man schaffen, um den Wandel positiv zu gestalten?

Lars Jaeger: Im Wesentlichen braucht es dafür von jedem von uns dreierlei: Interesse und Wissen, um was es bei den technologischen Entwicklungen wirklich geht ("sich nichts einfach was vom Pferd erzählen lassen"), Motivation, Mut und die Bereitschaft zum gestalterischen Engagement ("die Dinge selber in die Hand nehmen") und geeignete intellektuelle, philosophische und spirituelle Richtlinien, vor allem intellektuelle Redlichkeit ("sich nicht selber etwas in die Taschen lügen").

Auf gesellschaftlicher Ebene ist es entscheidend, die Würde und die Freiheit eines jeden Menschen, auch ungeborene, immer und ohne Ausnahme zu priorisieren und zu bewahren, alle Menschen technologischen Fortschritt teilhaben zu lassen und extreme Entwicklungen und Risiken, auch wenn sie noch unrealistisch erscheinen, zu berücksichtigen.

Sie plädieren für eine neue Spiritualität, wie man mit den Entwicklungen sinnvoll umgehen kann. Wie kann diese konkret aussehen?

Jaeger: Die Spiritualität, die ich meine, hat nichts mit Kitsch oder Esoterik zu tun, auch nichts mit religiösem Eifer. Sie entspricht eher einer bestimmten Einstellung und einer Form des menschlichen Selbstverständnisses, dass unser Denken und Handeln bestimmt. Ich nenne hier drei wesentliche Eigenschaften:

Intellektuelle Redlichkeit. Unser Denken muss nach Wahrheit streben, gleichzeitig müssen wir bescheiden sein, wenn es um die Einschätzung unseres Wissens und unserer eigenen "Wahrheiten" geht. Kompromissloses Wissen-Wollen. Aus dem sich Wundern sowie der kritischen geistigen Einstellung entsteht eine niemals zu bändigende Neugier. Wer sich ihr verschreibt, will Dinge wissen, anstatt sie einfach hinzunehmen oder sie mit einfachen Erklärungen abzutun.

Verzicht auf eine absolute Wahrheit. Die Kombination aus Wissen-Wollen und intellektueller Redlichkeit führt uns zu einer Skepsis gegenüber letzten Wahrheiten. Unser Wissen wie auch die Welt ist immer offen.
Zukunftsinstitut Mut Pinguin
(Bild: ViSoPi)

Mehr zum Thema

Corona-Effekt Den Mutigen gehört die Welt - nach der Krise

Was bedeutet das für jeden einzelnen?

Jaeger: Autonomie im Denken: Wir müssen uns gegen Mythen, fixe gesellschaftliche Normen und Dogmen wehren. Wir dürfen nicht zögern, Dinge und uns selbst, im vollen Bewusstsein unserer eigenen Fehlbarkeit, zu hinterfragen. Auch dann, wenn die Konsequenzen unangenehm sind.

Und Verantwortung im Handeln: Wir müssen einsehen, dass wir persönlich die Verantwortung dafür tragen, wie die Zukunft aussehen wird, und nach unseren ethischen Kriterien handeln.
Lars Jaeger: Mehr Zukunft wagen! Wie wir alle vom Fortschritt profitieren. Gütersloher Verlagshaus, 22 Euro.
Foto: Gütersloher Verlagshaus
Lars Jaeger: Mehr Zukunft wagen! Wie wir alle vom Fortschritt profitieren. Gütersloher Verlagshaus, 22 Euro.
Wie sehen Wirtschaft und Gesellschaft der Zukunft aus – und was müssen wir, um dort hinzugelangen, an der heutigen ökonomischen Realität ändern?

Jaeger: Bisher bestimmt die Renditegier der Technologie-Investoren, die Ideologie der Silicon-Valley-Transhumanisten und ganz allgemein die kapitalistische Verwertungslogik über unsere Zukunft. Das müssen wir ändern. Für die Bewältigung dessen, was ich die Human-Krise nenne, kann eine solche Kurzfristigkeit, wie sie sich in Quartalszahlen und Jahresbilanzen von Firmen äußert, keine zielführende Strategie darstellen.
„Wir müssen als Gesellschaft endlich Kontrolle über die Big Player gewinnen.“
Lars Jaeger
So müssen wir als Gesellschaft endlich Kontrolle über die Big Player zu gewinnen, die jedes redliche Denken und ethische Handeln über Bord werfen, sobald es ihrem Gewinnstreben entgegensteht. Hier sind Politik und andere gesellschaftlichen Kräfte zur weitaus aktiveren Steuerung und Gestaltung aufgerufen. Dass klare Regeln global funktionieren können, wenn sie konsequent durchgesetzt werden, zeigen die Regulationen in der Pharmabranche, der Finanzbranche und der Energiebranche – zugleich aber auch, dass es oft noch größerer Anstrengungen bedarf.

Zugleich werden uns technologische Entwicklungen aber auch automatisch immer mehr in eine Wirtschaft sinkender Grenzkosten führen. Begrenzte Güter, Gier und Wettbewerb könnten sich dann vielleicht immer weniger lohnen. Hier kommt es auf die nächsten 25 Jahre an.

Zum Autor

Dr. Lars Jaeger, geboren 1969 in Heidelberg, studierte Physik, Mathematik und Philosophie. Er ist als Unternehmer in der Finanzbranche und als Autor tätig. Seine Werke "Naturwissenschaft: Eine Biographie" und "Wissenschaft und Spiritualität" fanden weite Beachtung. Auf seinem Blog und auf scilogs veröffentlicht er regelmäßig seine Gedanken zum Thema Wissenschaft und Zeitgeschehen.

Das könnte Sie auch interessieren
stats