Das beste Stück Brüder, Söhne, Väter und Großväter

Freitag, 14. August 2020
Fabelhafte Butcherboys: Klaus (links) und Thomas Reichert mit einem Foto ihres verstorbenen Vaters Willi.
Foto: Thomas Balzer
Fabelhafte Butcherboys: Klaus (links) und Thomas Reichert mit einem Foto ihres verstorbenen Vaters Willi.

Der freie Journalist, Radio-Moderator und Metzgersohn Klaus Reichert wirbt in seinen jetzt erschienenen Kindheitserinnerungen „Fleisch ist mir nicht Wurst“ für einen Fleischkonsum mit Maß und Anspruch.
Der Metzgersohn Klaus Reichert aus Frankfurt-Höchst hat die Ereignisse seiner Kindheit wahrheitsgetreu aufgeschrieben und ein Bild von einem Beruf gezeichnet, dessen Entwicklung jeder aus einer Metzgerfamilie bestens nachvollziehen kann: Er vermittelt in seinem Buch „Fleisch ist mir nicht Wurst“ den Respekt vor dem Tier und zeigt, wie gesellschaftliche Erwartungen und familiäres Leben den Weg der Kinder in einem handwerklichen Betrieb prägen. Schon der Untertitel „Über die Wertschätzung unseres Essens und die Liebe meines Vaters zu seinem Beruf“ lässt die innere Zerrissenheit des Autors zum Thema erahnen.

Ausgehend von einem für ihn metzgertypischen Geräusch bei der Hausschlachtung als „früheste und zugleich schrecklichste“ Kindheitserinnerung beschreibt der 1963 geborene heutige Radiomoderator sowohl die Geschichte dreier Generationen als auch rund 100 Jahre Fleischerhandwerk – stets mit kenntnisreichen Exkursen in dessen Kulturhistorie und Ausblicken in eine Zukunft, die vielleicht einmal durch Hamburger aus Erbsenprotein oder Kunstfleisch aus der Retorte geprägt sein könnte. Als roter Faden dient ein Schlachtfest, auf dem sich der Autor bei seinem „großen Bruder“ Thomas beweisen und zur Familienehre stehen sollte: „Du musst zeigen, dass Du ein Haxen-Reichert bist und keine Medienmuschi.“ Der Name Haxen-Reichert rührt von der Vorliebe des Vaters fürs Oktoberfest, das dieser für seinen Betrieb adaptiert hatte. 

So beschreiben drei Metzgerleben – vom 1908 geborenen Opa Hans und Papa Willi (Jahrgang 1939) bis zum ein Jahr älteren Bruder Thomas – die Zeiten von Krieg, Wiederaufbau und Wirtschaftswunder bis zu goldenen Zeiten und den Wandel zum Metzger als Entertainer. Hochaktuell sind die Blicke auf Handwerk und Industrie zu Corona-Zeiten, ohne die massenhafte Produktion von Fleisch zu verteufeln. Das Buch ist laut Klappentext eine Hommage an das gute alte Metzgerhandwerk und ein Plädoyer für einen Fleischkonsum mit Maß und Anspruch.

Der Autor, Mitbegründer der Künstlergruppe Gotensieben, deren Ausstellung „Metzgerei Seele & Söhne“ in Höchst große Beachtung fand, wirbt für mehr Wertschätzung für Wurst und Respekt für die Tiere, die dafür ihr Leben lassen müssen. Er beschreibt zugleich eine aus den Fugen geratene Mensch-Tier-Beziehung ohne zu vergessen, dass der Streit um richtige Ernährung, Tierwohl und Ökologie einer ist, den wir mit vollen Bäuchen führen.
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(Bild: jr)

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Der Aufbau einer eigenen Existenz ließ vor lauter Arbeit schon von jeher Vater-Sohn-Beziehungen kaum genügend Raum. Auch die Eltern versuchten, die traumatischen Ereignisse in ihrer Kriegskindheit mit Arbeit – und manchmal Alkohol – zu betäuben. Darüber hinaus – so Scheidungskind Reichert – sei den meisten Babyboomern nicht bewusst, dass die unverarbeiteten Traumata ihrer Vorfahren in ihnen seelische Verwüstungen angerichtet haben. Derart reflektiert finden sich in dem aufrüttelnden und doch humorvollen Bericht viele philosophische und moralische Gedanken des Autors, der auch Kommunikationsberater eines Bestattungshauses ist. Mit seinem Bruder Thomas, der den Familienbetrieb übernommen hat und heute Obermeister der Innung Frankfurt-Darmstadt-Offenbach ist, verbindet ihn eine enge Beziehung, bei der es häufig „um die Wurst“ geht.
Cover
Foto: Harper Collins
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Das Buch

  • Titel: Fleisch ist mir nicht Wurst
  • Autor: Klaus Reichert
  • Umfang: 192 Seiten, 17 Bilder
  • Verlag: Harper Collins
  • ISBN: 978-3-95967-369-9
  • Preis: 17 Euro
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