Das beste Stück Hier geht’s nicht um die Wurst, sondern um Fleisch

Freitag, 20. Juli 2018
Gerade noch bewegliche Grundlage des Lebens, plötzlich verwesende Substanz – für die einen abstoßend, für die anderen Nahrung oder Opfergabe an die Götter. Fleisch offenbart den allgegenwärtigen Konflikt zwischen Leben und Tod in der menschlichen Kultur.
Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Altes Museum, Gestaltung: BueroBong
Gerade noch bewegliche Grundlage des Lebens, plötzlich verwesende Substanz – für die einen abstoßend, für die anderen Nahrung oder Opfergabe an die Götter. Fleisch offenbart den allgegenwärtigen Konflikt zwischen Leben und Tod in der menschlichen Kultur.

Im „Alten Museum“ in Berlin findet noch bis zum 31. August die Ausstellung „Fleisch“ statt. Dreiteilig gegliedert betrachtet sie Fleisch als Kost, Kult und Körper.
Den Kuratoren gelingt dabei ein Rundumblick in mehrere Jahrtausende Kulturgeschichte. Die interdisziplinären Kunstwerke zeichnen ein umfassendes und oftmals humorvolles Bild. Auf der einen Seite gibt es das gewöhnliche Sparschwein, Skulpturen aus Troja und Ägypten und ein Plüschschwein – auf der anderen Seite wird der Schlachter aus Berlin Moabit zum Betrachtungsgegenstand, der in den 1960er Jahren lässig ein Schwein zerteilt – und das mit Zigarette im Mund.


Star der Ausstellung ist das Schwein, in all seinen Formen und Ausprägungen. Das Schwein ist das einzige Tier, das allein der Fleischerzeugung dient und somit repräsentativ für das Verhältnis des Menschen zum Fleisch steht. Das Schwein hat heutzutage viele Konnotationen und findet in der alltäglichen Sprache immer wieder Gebrauch und das nicht nur, wenn man an sein Mittagessen denkt. Von ‚Schwein gehabt‘, ‚Ich glaube mein Schwein pfeift‘ bis hin zur ‚Dummen Sau‘ gibt es allerlei Redewendungen und sprachliche Eigenheiten, in denen das Tier die Hauptrolle spielt.

Die Ausstellung verfolgt diese Thematik bei Fleisch ist Kost bis zu ihrem Ursprung zurück. Warum spielt ausgerechnet dieses Tier eine so große Rolle in unserem alltäglichen Leben? Kunstwerke, Darstellungen, Figuren und Bilder gibt es seit tausenden von Jahren von dem Borstenvieh. Heute ist das Schwein in Ägypten ein wenig gesehenes Tier und der Verzehr desselbigen ist verboten – im pharaonischen Ägypten war dies anders. Die Tiere dienten nicht nur der Fleischversorgung, sondern kamen in der Landwirtschaft bei der Bodenbearbeitung zum Einsatz und sogar in der Medizin.

Schon zu diesen Zeiten dienten Schweine oftmals als Negativvergleich. Bilder der Ausstellung zeigen den Produktionsweg des Schweinefleischs durch die Jahrhunderte. Es ist ein Schweinestall aus der Han-Dynastie zu sehen, eine amerikanische Großschlächterei, die Schweineschlachtung an und für sich, Fleischträger, eine Fleischwarenfabrik, Bezugsmarken für Fleisch und auch das Wurstessen selbst. Fleisch ist mehr als Nahrung, es schafft auch Arbeitsplätze.

Fleisch ist Kult folgt einem ganz anderen Blick: Kannibalismus steht hier im Vordergrund. Von Kronos, der seine Kinder aß, bis hin zu einer Gabel aus Fidschi, die dem Verzehr von Leichen diente, verbindet die Ausstellung Wahrheit und Fiktion.

Fleisch ist Körper versteht das Motiv nicht nur als Lust, sondern lenkt die Gedanken auch auf die Vergänglichkeit. Dieser Blick auf den Wechsel von Begierde und Sterblichkeit enthüllt die Tiefe hinter dem Begriff. Es geht wortwörtlich nicht nur um die Hülle, um das Fleisch, sondern auch um das, was den Menschen ausmacht.

Heute haben Menschen einen anderen Bezug zum Fleisch und auch gänzlich andere Begriffsassoziationen – all diese verschiedenen Vorstellungen werden in der Berliner Sonderausstellung auf- und eingefangen. Der Lauf der Geschichte belegt, dass ein ambivalenter Bezug zum Fleisch nichts Neues ist. Schon zu vergangenen Zeiten umgab dieses Motiv einen Mythos.

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