Fachkräftesicherung Steilvorlage aus dem Sport

Freitag, 23. November 2018
Ein iPad als Wertschätzung, Motivation und Imageförderer: Nach erfolgreich bestandener Probezeit erhielten die Azubis Anna Gärtner (links) und Marie Ullrich von ihrem Chef Dirk Ludwig das trendige Tablet zur Gratisnutzung.
Foto: Der Ludwig
Ein iPad als Wertschätzung, Motivation und Imageförderer: Nach erfolgreich bestandener Probezeit erhielten die Azubis Anna Gärtner (links) und Marie Ullrich von ihrem Chef Dirk Ludwig das trendige Tablet zur Gratisnutzung.

Metzgermeister Dirk Ludwig nutzt sein Ausbildungskonzept „Skills & Bones“ für seine Nachwuchswerbung.

Was haben Fußball und Fleischerhandwerk gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel – sieht man mal vom Teamgeist ab, der sowohl auf dem Platz als auch im Laden oder in der Wurstküche gefragt ist und zum Erfolg beiträgt. Dirk Ludwig hat noch mehr Gemeinsamkeiten entdeckt. Er nutzt sie für seine Nachwuchswerbung und sein ganz eigenes Ausbildungskonzept, das er „Skills & Bones“ nennt.

Die Initialzündung für die Aktivitäten des Schlüchterner Metzgermeisters entspringt einer simplen Rechnung: „Letztes Jahr habe ich relativ viel Geld für Großflächenplakatierung und Zeitungsannoncen ausgegeben. Die Resonanz blieb aus, und die Erklärung dafür leuchtete mir plötzlich ein. Ich habe mit meinen Werbemaßnahmen Köder ausgeworfen und keiner biss an. Denn es gibt gar keine Fische im Teich.“ Nach einigem Überlegen kam Ludwig zu dem Punkt, dass seine Situation – und die des gesamten Fleischerhandwerks – mit der des deutschen Fußballs in den 2000er-Jahren vergleichbar ist. Damals blieben die großen Erfolge des Nationalteams aus, was die Verantwortlichen zu einem richtungweisenden Brainstorming veranlasste. „Man sah das Defizit und stieß eine Entwicklung an: Die Bundesliga-Vereine wurden dazu verpflichtet, Nachwuchsleistungszentren zu gründen“, erinnert sich der Fleischermeister. „Das Ergebnis: 14 Jahre später wurden die Deutschen Weltmeister.“

Nützliche Konzepte aus dem Profi-Fußball

Dieses Vorgehen aus dem Sportbereich nutzte Ludwig als gedankliche Steilvorlage: Zunächst recherchierte er im Internet, trug alle frei zugänglichen Konzepte der deutschen Fußball-Nachwuchsleistungszentren zusammen und beschäftigte sich fast zwei Jahre lang mit nichts anderem als Prozessbeschreibungen. Beim Vergleich stieß er auf zahlreiche Schnittmengen mit seiner betrieblichen Situation. Sein Fazit: „Die haben dasselbe Problem wie ich. Die Jugendlichen sind im selben Alter, durchlaufen alle die Pubertät, haben teilweise schulische und private Schwierigkeiten. Ob sie also Fußballer oder Fleischer werden, ist völlig egal.“ Ludwig zog seinen Nutzen aus den eigentlich für den Profisport ausgearbeiteten Konzepten: Er übertrug ein Filtrat daraus auf die fleischerhandwerklichen Berufe. Danach stellte er sich unter anderem folgende Fragen: Ist „Der Ludwig“ als Ausbildungsbetrieb ausreichend mit der Berufsschule vernetzt? Findet eine regelmäßige Kommunikation statt?

Weil er vieles davon ganz selbstkritisch mit „Nein“ beantworten musste, entwickelte er eine auf 20 Seiten zusammengefasste Ausbildungsstruktur mit dem Titel „Skills&Bones“. Den Namen, der im übertragenen Sinn „Fähigkeiten und Knochen“ bedeutet, entlieh er vom ähnlich klingenden Absolventenbund einer amerikanischen Elite-Uni. „Wenn man in diesen leistungsorientierten Zirkel aufgenommen ist, stärkt es das Zusammengehörigkeitsgefühl und gilt lebenslang.“
„Ich habe mit meinen bisherigen Werbemaßnahmen Köder ausgeworfen, und keiner biss an. Denn es gibt gar keine Fische in diesem Teich.“
Das Konzept beschreibt die Ausbildungsinhalte, die das Schlüchterner Unternehmen vermittelt und anbietet: Das sind beispielsweise die Lehrberufe „Kaufmann im E-Commerce“, „Fleischer/in“ und „Fachverkäufer/in im Lebensmittelhandwerk, Fachrichtung Fleisch“, für die Ludwig auch die jeweiligen Anforderungsprofile und Weiterbildungsmöglichkeiten – etwa zum Fleischsommelier, Ernährungsberater, Meister, Verkaufs- oder Team – umreißt. Das geschieht nicht als trockene Aufzählung, sondern in einer lebendigen, unmittelbar an die Jugendlichen gerichteten Ansprache. Außerdem formuliert er seine Ausbildungsphilosophie, -prinzipien und -ziele aus. In den weiteren Kapiteln wird es ganz konkret: Dort sind die Inhalte der Ausbildung – selbstverständlich in enger Anlehnung an die Anforderungen des Berufsbilds und der Berufsschule dargelegt. „Ich habe die bei Fleischern oder Verkäuferinnen dreijährige Ausbildung in 18 Zwei-Monats-Blöcke unterteilt“, erklärt Ludwig. „Jeder Block umfasst spezielle Themenbereiche des betrieblichen Ausbildungsplans. Dabei ist ein Durchlauf durch alle Leistungsbereiche nicht nur angestrebt, sondern erwünscht.“

Kürzlich stand beispielsweise das Thema „Rohwurst“ auf der Agenda. Dabei galt es, Rezepturen, Herstellung und Varianten von Rohwurst kennenzulernen. „Meine Azubis bekommen vor dem Start des Zwei-Monats-Blocks alle verfügbaren Informationen auf ihr iPad geschoben, damit sie ihre Berichtshefte ordentlich führen können.“ Nach zwei Monaten „Rohwurst-Block“ erfolgt eine Leistungsbewertung und die Azubis erfahren, ob sie sich in dem Themenfeld genug auskennen. „Dadurch kann der Lehrling reflektieren und wir als Ausbilder gegensteuern, wenn es noch Defizite gibt.“ Das iPad mit vorinstallierten Ludwig-Social-Media-Kanälen kriegen die jungen Leute – nach erfolgreich beendeter Probezeit – ebenso wie ein Abonnement der afz und die Mitgliedschaft im Juniorenverband des Deutschen Fleischerhandwerks vom Chef übrigens „für lau“.

Ludwig hält es für wichtig, der Lehre eine Struktur zu geben – nicht nur in Bezug aufs Fachliche. Er schreibt beispielsweise genau vor, wie der erste Ausbildungstag, der möglicherweise über deren Erfolg oder Misserfolg entscheidet, im Idealfall ablaufen sollte: Begrüßung durch den Chef, Willkommensmappe mit Unternehmensdaten und weiterführenden Infos übergeben, Betriebsrundgang, Kollegenvorstellung, Arbeitsvorbereitung. „Eine Struktur fehlt in den meisten Fällen komplett. Bisher war das auch bei uns der Fall“, gibt er unumwunden zu.

Das Unternehmen als Arbeitgeber aufwerten

Ludwigs erklärte Ziele heißen: Jetzt in die Ausbildung investieren, später Geld für nutzlose Werbemaßnahmen sparen. „Man muss nicht superintelligent sein, um abzuwägen, welche Investition die vernünftigere ist. Sie macht zwar zunächst jede Menge Arbeit, aber irgendwann amortisiert sich das“, sagt er. Neben der strukturierten Ausbildungsplanung hofft er auf die Aufwertung seines Unternehmens als Arbeitgeber: Denn die jungen Leute nutzen ihre Gratis-iPads natürlich auch in der Berufsschule und wecken damit das Interesse ihrer Mitschüler. „Dann hast Du als Chef gleich einen Stern mehr auf der Schulterklappe“, schmunzelt Ludwig. „Und schon sind wir wieder beim Fußball, und der Kreis schließt sich.“

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