Karriere Junge Frauen packen es an

Freitag, 22. Mai 2020
Im Alltag und in der Produktion: Katrin Gössl, Theresa Hügle und Melissa Meloncelli (oberes Foto von links) sind immer mit Spaß dabei.
Foto: Dominic Baumann
Im Alltag und in der Produktion: Katrin Gössl, Theresa Hügle und Melissa Meloncelli (oberes Foto von links) sind immer mit Spaß dabei.

„Anders als Du denkst“: Neue Azubi-Werbung der Innung Bodenseekreis will übliche Klischees über Fleischerberufe widerlegen.

Katrin Gössl liegt entspannt im Brühtrog und hält ein Fleischerbeil in der Hand. Theresa Hügle und Melissa Meloncelli beugen sich – professionell ausgestattet mit Stechschutzschürzen und -handschuhen – mit einem Lächeln in Richtung des Bildbetrachters. Das Foto ist eines von zwei Motiven, mit denen die Metzgerinnung Bodenseekreis die Werbung um Azubis vorantreiben möchte. Eine weitere Szene zeigt wiederum die drei Frauen in einer für den Fleischerberuf typischen Arbeitssituation: beim Ausbeinen. Die beiden Bilder sind der untere Teil einer Collage, auf dem oberen Teil sind die jungen Models so dargestellt, wie man sie im Alltag antreffen könnte. Wer sie nicht persönlich kennt, würde sich sicher darüber wundern, wie ihr beruflicher Alltag aussieht. Denn die Drei stehen sinnbildlich für das Motto der Werbekampagne für Berufe im Fleischerhandwerk: „Anders als Du denkst“.

Der Initiator der Fotosession ist Fridolin Zugmantel aus Überlingen. Er vertritt schon seit längerem die Auffassung: „Das Fleischerhandwerk muss sich stärker für Frauen öffnen.“ Der Fleischermeister, zugleich stellvertretender Obermeister der Innung Bodenseekreis und Vorstandsmitglied im Landesinnungsverband Baden-Württemberg, kam auf die Idee, sein Ziel durch eine Plakat- und Flyerkampagne voranzutreiben. In seinem Innungsbereich gibt es mit Katrin Gössl, Theresa Hügle und Melissa Meloncelli schon drei junge Frauen, die derzeit mitten in der Fleischerausbildung stecken. Sie waren gleich mit Begeisterung dabei, als es galt, die passenden Fotos zu schießen.

Weiterentwicklung im Beruf ist angesagt

„Die beiden Bilder, die uns in Berufssituationen zeigen, wurden in Fridos Wurstküche geschossen“, berichtet Theresa Hügle. Die 19-Jährige kommt aus einer Fleischerfamilie in Frickingen: Das 1904 gegründete Fachgeschäft führen seit 1999 ihre Eltern Claudia und Harald. Sie schlachten noch selbst – im Überlinger Schlachthof. Theresa Hügles Geschwister sind allesamt im Familienbetrieb aktiv: Ihre Schwester Verena arbeitet im Fachverkauf, ihr Bruder Michael als Fleischermeister in der Wurstküche.

Der vierte im Bund, Andreas, ist wie Theresa Hügle im dritten Lehrjahr. Die junge Frau macht nicht nur auf dem Foto eine gute Figur: Sie wirkt glaubwürdig und zeigt durch ihre positive Ausstrahlung, dass sie ihren Beruf liebt. Ihr bisheriger Weg belegt das zusätzlich: „Ich habe nach der Schule zunächst eine Lehre als Fachverkäuferin begonnen, merkte aber bald, dass mir das nicht gefällt. Es gefällt mir viel mehr, zu produzieren. Dann erlebt man selbst, was man aus einem Tier herstellen kann.“ Nach der Ausbildung ist ja auch nicht gleich Schluss: Theresa Hügle will sich weiterentwickeln, zwei bis drei Jahre lang Erfahrungen sammeln und dann die Meisterprüfung ablegen.
Im Alltag und in der Produktion: Katrin Gössl, Theresa Hügle und Melissa Meloncelli (oberes Foto von links) sind immer mit Spaß dabei.
Foto: Dominic Baumann
Im Alltag und in der Produktion: Katrin Gössl, Theresa Hügle und Melissa Meloncelli (oberes Foto von links) sind immer mit Spaß dabei.

Die Gene des Großvaters schlagen voll durch

Als Quereinsteigerin mit viel Leidenschaft fürs Handwerk war auch Melissa Meloncelli gleich Feuer und Flamme für das Foto-Shooting. „Der Fleischerberuf hat mich schon immer fasziniert – wahrscheinlich schlagen da die Gene meines Großvaters durch“, bekennt die 22-Jährige. Eigentlich wollte sie gleich nach dem Wirtschaftsabitur im Handwerk durchstarten, erfüllte aber dann doch zunächst den Wunsch ihrer Mutter, erst mal etwas „Anständiges“ zu lernen. Das war eine Banklehre, die Melissa erfolgreich abschloss.

Gleich danach machte sie bei Fridolin Zugmantel alles klar, unterschrieb einen Ausbildungsvertrag und begann im September vergangenen Jahres ihre Fleischerlehre. Sie erinnert sich: „Ein Kollege aus der Bank meinte, das sei der krasseste Berufswechsel, den er bisher erlebt habe.“ Die meisten ermutigten sie aber, das zu tun, was ihr Spaß macht und was sie möglicherweise ein Leben lang machen wird. Ihr Lehrmeister ist begeistert vom Engagement seiner Auszubildenden. „Melissa hat eine herzliche Art und ist total motiviert“, lobt Fridolin Zugmantel.

Echtes Handwerk statt Zahlenjonglage und Excel-Tabellen

Katrin Gössl ist die Dritte im Bund. Die Tochter von Obermeister Rainer Gössl suchte ihr Glück zunächst in einem anderen Beruf und erzählt: „Ich habe in einem der ersten G8-Jahrgänge ein Einser-Abi gemacht, war also mit megajungen 18 Jahren mit der Schule fertig.“ Und weil die anderen Gleichaltrigen fast alle studierten, schrieb sie sich in Neu-Ulm im Fach Gesundheitsmanagement ein. Nach dem Studium arbeitete sie in der Finanzabteilung eines großen Krankenhauses. Ihr Alltag: acht Stunden PC-Arbeit, Jonglieren mit Zahlen und Excel-Tabellen. Sie merkte rasch, dass sie das keine 40 Jahre machen will. „Es war mir zu eintönig, ich hatte zu wenig Kontakt und Bewegung.“ Und weil ihr die Arbeit in der Metzgerei schon in Kindheitstagen riesigen Spaß gemacht hatte, entschied sie sich für eine Fleischerlehre.

Im Geschäft der Eltern in Tettnang erlebte sie hautnah mit, wie schwer es ist, Azubis zu finden. Deshalb versucht sie schon länger, junge Leute zu begeistern. „Es bringt am meisten, wenn man die Schüler direkt informiert“, stellt sie fest. Sie nutzte ihren guten Draht in die Tettnanger Schulen und zu einem Lehrer in Friedrichshafen, erarbeitete sich eine kleine Präsentation und besucht die Schulklassen. „Ich lasse die Schüler immer raten, was ich bin“, schmunzelt sie. „Auf Metzgerin kommt fast keiner, weil die meisten ein völlig falsches Bild von unserem Beruf haben.“

Die in Zugmantels Produktion entstandenen Fotos sind die Grundlage für Plakate und Flyer. Das Werbematerial wird den Innungsbetrieben zur Verfügung gestellt, damit sie es im Laden auslegen oder aufhängen können. Katrin Gössl wünscht sich, dass die Azubiwerbung damit wieder ein wenig in die Gänge kommt.

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