Karriere im Fleischerhandwerk Chancen in der neuen Heimat

Freitag, 17. Januar 2020
Mit Spaß und Fleiß dabei: Abdoulie Ceesay hat seine praktische Fleischergesellenprüfung als Jahrgangsbester absolviert.
Foto: Blessing & Kurz
Mit Spaß und Fleiß dabei: Abdoulie Ceesay hat seine praktische Fleischergesellenprüfung als Jahrgangsbester absolviert.

Über Abdoulie Ceesay hat die afz - allgemeine fleischer zeitung bereits im Juli 2017 berichtet. Damals war der heute 23-jährige Gambier im zweiten Lehrjahr seiner Ausbildung zum Fleischergesellen bei der Metzgerei Bosch in Herrenberg. Jetzt hat er seine Abschlussprüfung als Jahrgangsbester der Innung Stuttgart-Neckar-Fils abgelegt – ein Musterbeispiel für gelungene Integration und die Chancen, die das Handwerk geflüchteten Menschen bietet.

Als Abdoulie Ceesay vor fünf Jahren als Flüchtling aus dem westafrikanischen Gambia nach Deutschland einreiste, stand der damals 18-Jährige völlig allein da. Seine Familie war in dem kleinsten Flächenstaat des Kontinents zurückgeblieben. Der junge Mann hat nun mit dem erfolgreichen Abschluss seiner Fleischerausbildung die Basis für ein eigenständiges Leben in seiner neuen Heimat gelegt.

Nach seiner Ankunft in Deutschland lebte Ceesay zunächst dreieinhalb Jahre in einem Asylbewerberheim. Dort fehlte es ihm an Privatsphäre; viele Mitbewohner durften nicht arbeiten, worunter die Stimmung litt. Die Weichen für die Berufswahl des Gambiers wurden in der Integrationsklasse der Stuttgarter Hoppenlau-Schule gestellt. Schon seit vielen Jahren ist die Gewerbliche Schule überaus aktiv in der Ausbildung junger Flüchtlinge. Sie wirbt in Asylbewerberheimen um Praktikanten für Handwerksbetriebe, die – wenn Ausbilder und Lernwilliger es möchten – im Anschluss sogar einen Ausbildungsplatz angeboten bekommen. Fachlehrerin Petra Hanser-Cichos erklärt: „Heute ist Werbung gar nicht mehr nötig – unser Angebot hat sich schon bestens herumgesprochen.“

Unterricht in deutscher Sprache plus Praktikum

Zunächst vermittelte die Schule dem jungen Gambier in einer einjährigen Qualifizierung in einer sogenannten „Vabo“-Klasse (Vorqualifizierung Arbeit und Beruf ohne oder mit wenig Deutschkenntnissen) die Ausbildungsreife für einen Nahrungsberuf. Der Unterricht in den Vabo-Klassen erfolgt in deutscher Sprache in allgemeinbildenden und berufsbezogenen Fächern. Je nach Sprachkompetenz gehen die Schüler von Beginn an einen Tag in der Woche in ein Praktikum.

Abdoulie Ceesay begann seine Fleischerlehre vor vier Jahren in der Metzgerei Bosch in Herrenberg. Weil die Sprachbarrieren zu groß waren, verlängerte er die Ausbildung um ein Jahr. „Die wenigsten schaffen es, die Lehre nach drei Jahren abzuschließen“, weiß auch Petra Hanser-Cichos. Weil sein Ausbildungsbetrieb bereits weitere Lehrlinge eingestellt hatte, musste Ceesay wechseln.

Die Metzgerei Blessing & Kurz in Köngen sprang in die Bresche. Inhaber Hans-Jürgen Kurz, stellvertretender Obermeister der Innung Stuttgart-Neckar-Fils und deren Lehrlingswart sowie Vorstandsmitglied im Landesinnungsverband Baden-Württemberg, nahm den jungen Mann unter seine Fittiche und lobt seinen Schützling: „Er ist ein sehr fleißiger, zuverlässiger und zielstrebiger junger Mann.“ Die deutsche Sprache beherrscht er schon recht ordentlich und versteht mehr als er spricht, so sein Ausbilder.

Auch mit seinen Kollegen – in der Köngener Fleischerei sind insgesamt 25 Mitarbeiter beschäftigt – kommt er bestens zurecht. Vorbehalte gegen die Einstellung des Geflüchteten gab es von keiner Seite. Kurz: „Bevor Abdoulie bei uns angefangen hat, habe ich mit meinen Mitarbeitern über ihren neuen Kollegen gesprochen.“ Der Umgang mit Schweinen und Schweinefleischprodukten macht Ceesay nichts aus. Er darf sie als Moslem zwar nicht essen, aber die Herstellung ist für ihn kein Problem. Bei Bosch hat er sogar geschlachtet.

Dem Köngener war klar, dass er dem Neuling trotz der guten Vorbereitung in der Hoppenlau-Schule und in seinem vorherigen Ausbildungsbetrieb unter die Arme greifen muss: Er bot Ceesay eine Unterkunft in seinem Haus an, sorgte dafür, dass er seine Sprachkompetenzen weiter ausbaute und half ihm, außerhalb des Arbeitsumfelds Anschluss zu finden. Kurz: „Wir wussten, dass er begeisterter Fußballer ist.“ Er begleitete Ceesay dann zum ersten Training und stellte ihn dort vor.

Praktische Prüfung als Jahrgangsbester abgelegt

Alle Bemühungen haben gefruchtet, denn den praktischen Teil der Gesellenprüfung legte Ceesay als Jahrgangsbester ab. Seine Prüfungsaufgaben meisterte er mit Bravour, zerlegte ein Rinderhinterviertel, legte zwei dekorative Fleischplatten und stellte Rindergeschnetzeltes mit handgeschabten Spätzle, Maultaschen als regionale Spezialität sowie Stuttgarter Schinkenwurst her. Auf die Frage, wie es nun für den jungen Mann weitergeht, antwortet Kurz: „Ich habe ihm einen unbefristeten Arbeitsvertrag gegeben und hoffe, dass er vorläufig bei mir bleibt.“

Weitere Beispiele für eine Karriere im Fleischerhandwerk finden Sie hier.

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