Karriere im Fleischerhandwerk „Der coolste Metzger“

Donnerstag, 18. Oktober 2018
Leidenschaft gehört zum Metzgerberuf unbedingt dazu, findet Victor Nettey aus Speyer: „Man muss den Job mögen, sonst wird‘s nix.“
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Leidenschaft gehört zum Metzgerberuf unbedingt dazu, findet Victor Nettey aus Speyer: „Man muss den Job mögen, sonst wird‘s nix.“

Der 33-jährige Victor Nettey betreibt zwei Metzgereien in Böhl-Iggelheim und Speyer. Der junge Fleischermeister steigerte seinen Bekanntheitsgrad durch Präsenz in den sozialen Medien, Tageszeitungen und TV.
von Bardo Faust

Nein. Der Traumberuf war das Metzgerhandwerk für Victor Nettey nicht. Eigentlich hatte er gar keinen Traumberuf: „Ich habe ziemlich getrödelt“, sagt er lachend beim Rückblick auf seine Schulzeit.

Aber während er gechillt habe, hätten in der neunten Klasse seine Mitschülerinnen und Mitschüler plötzlich Bewerbungen weggeschickt und erste Lehrverträge unterschrieben. Da habe er auch angefangen nachzudenken. Eine Idee, was einmal aus ihm werden sollte, hatte Nettey aber noch nicht. „Ich habe dann auch Bewerbungen geschrieben, für viele Berufssparten“, am liebsten wollte er Einzelhandelskaufmann werden. Doch die Zusage kam schließlich aus der Metzgerei Schreiner im rheinland-pfälzischen Harthausen. Und die Chance nahm er wahr: „Ich war neugierig darauf, wie man seine eigene Wurst macht.“

Damit war der Grundstein zur Karriere eines Metzgers gelegt, die heute, gut 15 Jahre später, eine Menge an Fahrt aufgenommen hat – mit der entsprechenden Medienpräsenz inklusive. Den Titel „Coolster Metzger der Pfalz“ hat ihm beispielsweise die Bild-Zeitung gegeben. Beim Südwestrundfunk (SWR) in Baden-Baden war er bei der TV-Sendung „Kaffee oder Tee“ zu Gast. Und in einer regionalen Internet-Talkshow stand Nettey auch schon Rede und Antwort. Überhaupt das Internet: Seine Bekanntheit hat er seiner Präsenz in den sozialen Medien zu verdanken. Auf You Tube, Instagram und Facebook postet der junge Fachmann Videos, Bilder, Geschichtchen rund um seine Metzgerei. Genauer gesagt: Rund um seine beiden Metzgereien. Denn ursprünglich hat sich Victor Nettey vor einem Jahr mit einer Metzgerei im pfälzischen Böhl-Iggelheim selbstständig gemacht. In diesem Sommer hat er schließlich auch die alteingesessene Metzgerei Heiß in Speyer übernommen.

Offensive verhindert Ressentiments

Im Zentrum seiner Social-Media-Strategie steht Facebook: Fast 4.000 Freunde zählt Nettey dort mittlerweile. Ein paar You-Tube-Follower und einige Fans auf Instagram kommen noch dazu, die der Metzgermeister regelmäßig mit seinen Videos erfreut. Und mit dem Intro „Ich bin’s wieder, Victor, Euer einziger schwarzer Metzgermeister“ thematisiert er gleich am Anfang seine Hautfarbe, hakt das Thema damit ab und lässt damit auch in diesen politisch nicht einfachen Zeiten gar nicht erst Platz für irgendwelche Ressentiments. Das zweite Merkmal der Videos ist der Hinweis auf den jeweils kommenden Donnerstag. Da gibt es in Netteys Metzgereien gern mal Schweinshaxe, die „Must-have-Haxe“. Oder besser: „Unsere leckere saftige kross gegrillte Schweinshaxe.“ Sagt‘s und beißt herzhaft zu, bis die Schwarte geräuschvoll kracht. Die Freude, den der 33-Jährige dabei hat, springt förmlich aus dem Handy.
„Ich war neugierig darauf, wie man seine eigene Wurst macht.“
Victor Nettey
Spaß macht ihm die Arbeit, sagt er. Aber das ist nicht alles: „Ich bin sehr erfolgsorientiert.“ Nur so konnte es soweit kommen, dass aus dem gechillten Schüler mit einer eher zufällig angetretenen Lehrstelle mittlerweile der Inhaber zweier Metzgereien geworden ist. Der Weg, den Nettey zurücklegte, ist beeindruckend und belegt seine Zielstrebigkeit: Nach der Lehre arbeitete er noch fünf Jahre als Geselle bei Schreiner, ehe er schließlich seine Meisterprüfung ablegte. Für ihn ein logischer Schritt: „Nur Geselle sein, das wäre nichts für mich gewesen. Ich will ja was werden“, bekennt er. Der Schritt in die Selbstständigkeit war daher immer ein Ziel, damit er irgendwann eine Familie ernähren kann. Zwei Kinder hat er bereits, von der Mutter lebt er aber mittlerweile getrennt.

Den Kunden das Produkt schmackhaft machen

Nach der Meisterprüfung zog es ihn in eine Mannheimer Metzgerei – in den Verkauf: „Hier habe ich als Metzger gelernt, wie man sein Fleisch verkauft“, sagt Nettey: „Man muss dem Kunden das Produkt schmackhaft machen, ihn von Qualität und Geschmack überzeugen. Und man muss immer lächeln“. Eine wichtige Erfahrung sei dies gewesen – und mit der Dauer von zwei Jahren fast wie eine zweite Ausbildung. Doch damit nicht genug: Weitere zwei Jahre arbeitete er bei der Metzgerei Betz in Heidelberg im Versand, eineinhalb Jahre im Mannheimer Schlachthof und ein weiteres Jahr in der Produktion bei Geflügel-Göbel in Ellerstadt. Daneben nahm er noch ein Abendstudium auf – Betriebswirtschaftlehre – weil er sich immer noch ein Türchen offen halten wollte für den Ausstieg aus dem Fleischerhandwerk. Zwei Semester zog er das durch und merkte schließlich: „Es ist schwierig, da wieder reinzukommen.“ Schließlich blieb er Metzger.

Externer Nachfolger zur rechten Zeit

Die Metzgerei Burkhardt in Rieschweiler-Mühlbach war seine letzte Station für ein halbes Jahr, ehe er in Böhl-Iggelheim sein eigenes Geschäft eröffnete: „Mein Vater hatte das Haus gekauft, in dem ein Laden längere Zeit leer stand.“ Für Nettey der ideale Zeitpunkt, um den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Und er hatte Erfolg damit. Die Kunden in Böhl-Iggelheim nahmen den neuen Metzger an, und der schmiedete sofort weitere Pläne. „Ich bin in Speyer aufgewachsen. Deshalb wollte ich immer auch hier einen Laden aufmachen“, erklärt er. Deshalb griff er zu, als ihm die Metzgerei Heiß eine Chance bot. Die Vorgänger wollten in den Ruhestand und fanden weder einen Nachfolger in der Familie noch einen externen. Da kam der junge Mann gerade recht.

Rezepte des Vorgängers erhalten eine eigene Note

Seit diesem Sommer ist die Metzgerei Heiß in der Hand von Victor Nettey. Der Übergang funktionierte reibungslos, die Stammkundschaft blieb bei der Stange, sagt er: „Das freut mich sehr.“ Und auch er hat seinen Teil dazu beigetragen, dass die Kontinuität gewahrt bleibt. Der frühere Inhaber hilft gelegentlich aus.

Das Team mit vier Metzgern, 17 Verkäuferinnen und zwei Azubis hat Nettey für seine beiden Geschäfte in Böhl-Iggelheim und in Speyer komplett übernommen. Zwischen 30 und 64 Jahre alt sind seine Mitarbeiter. Probleme als junger Chef hat er nicht: „Ich kann von den älteren Kollegen noch viel lernen“, versichert er. Genauso wichtig war es ihm, die Rezepte seines Vorgängers weiterzuverwenden. Ihnen fügt er seine eigene Note hinzu. Spezialitäten sind die „Victor-Nettey-Grillwürste“, die Rindersalami mit Fenchel und die würzige Hausmacher Wurst: „Wenn Sie Hausmacher essen, muss es auf den Lippen brennen“, verdeutlicht er seine Philosophie.

Nach 15 Jahren im Rückblick steht für Nettey fest: „Metzger ist ein spannender Beruf. Da kann man viel draus machen. Wenn es den Kunden schmeckt, lacht das Herz.“ Deshalb findet er es bedauerlich, dass immer weniger junge Leute diesen Beruf wählen. Aber Leidenschaft gehöre in jedem Fall dazu, sagt der coolste Metzger der Pfalz: „Man muss den Job schon mögen. Sonst wird’s nix.“
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