Karriere im Fleischerhandwerk Ein echter Familienmensch

Donnerstag, 05. Dezember 2019
Leonie Baumeisters nächstes Ziel: Der Erwerb des Jagdscheins.
Foto: DFV
Leonie Baumeisters nächstes Ziel: Der Erwerb des Jagdscheins.

Leonie Baumeister aus Waibstadt charakterisiert sich als besonnen und ausgeglichen. Sie macht aber auch den Mund auf, wenn ihr etwas nicht passt. Ihre berufliche Kompetenz hat ihr den Weg bis in die Nationalmannschaft des Fleischerhandwerks geebnet.

„Ich mache das, was mir Spaß macht.“ Mit großem Selbstbewusstsein, aber völlig ohne Arroganz berichtet Leonie Baumeister von ihrer bisherigen beruflichen Karriere. Die 22-Jährige ist mit ihrer Familie in Waibstadt im Rhein-Neckar-Kreis zu Hause.

Die Eltern der jungen Frau, Matthias und Ingrid Baumeister, führen das 1897 von deren Urgroßeltern gegründete Fachgeschäft in der Stadt mit rund 5.700 Einwohnern seit nunmehr 30 Jahren. Neben Tochter Leonie gehören noch deren Zwillingsbruder Luca sowie die Brüder Ingo (25) und Kay (29) zum engen Familienverbund. „Wir hatten eine schöne Kindheit, spielten zusammen mit Lego und Playmobil und besaßen große Zimmer“, erinnert sie sich. Zur Mithilfe im Betrieb wurden die Geschwister von Seiten der Eltern niemals zwangsweise eingespannt. Die Kinder durften mithelfen, mussten es aber nicht. Es war Leonies eigene Entscheidung, bereits während ihrer Kindergarten- und Grundschulzeit sowie in den Ferien in der Wurstküche „herumzuwurschteln“, wie sie es selbst ausdrückt. 

„Das Zählen von Mikroorganismen war nicht meins. Ich bin ein aktiver, zupackender Typ.“
Leonie Baumeister
Nach der Grundschule wechselte sie aufs Gymnasium und ab Klasse acht in die Realschule: „Da hatte ich es echt leicht, weil ich einen Teil des Stoffs schon gelernt hatte.“ Eine erste Weichenstellung für ihre spätere Berufswahl erfolgte während ihres Betriebspraktikums. Das leistete sie im Labor eines Getränkeherstellers ab. „Das Zählen von Mikroorganismen war gar nicht meins“, resümiert sie. „Ich bin eher ein aktiver und zupackender Typ.“

Die Fleischerlehre – ein großer Fehler?

Deshalb stand schon bei den im achten Schuljahr üblichen Berufsberatungen fest, wohin die Reise sie führen sollte. Und ihren Berufswunsch Fleischerin trug sie dann auch der Beraterin von der Arbeitsagentur vor. Über deren unqualifizierten Kommentar ärgert sich die junge Frau heute noch: „Sie bezeichnete die Metzgerlehre als den größten Fehler, den ich machen könne. Aufgrund meiner guten Noten drängte sie mich dazu, zu studieren und auf eine handwerkliche Ausbildung zu verzichten.“ Leonie Baumeister regte sich darüber derart auf, dass sie aufstand und den Raum verließ. Heute verschafft es ihr ein wenig Genugtuung, dass die Mitarbeiterin des Arbeitsamts Kundin bei den Baumeisters ist und sich beim Fleischeinkauf vorzugsweise von ihr beraten lässt.

Die Mittlere Reife erlangte Leonie Baumeister mit sehr guten Noten und begann im gleichen Jahr ihre Ausbildung beim Vater. „Ich habe es sehr genossen, zu Hause zu sein und viele Freiheiten zu haben. Es war nicht so tragisch, wenn etwas nicht gleich auf Anhieb klappte. Ich bekam die Zeit, die ich brauchte, und die Anforderungen waren vielleicht nicht ganz so hart wie anderswo“, berichtet sie.

Ihre zierliche Statur gereichte ihr zwar bei ihrem früheren Hobby Leistungsturnen zum Vorteil, aber: „Nachdem ich zum ersten Mal ein Stück Großvieh zerlegt hatte, war ich komplett groggy, hatte einen Riesen-Muskelkater und schmerzende Finger – obwohl gerade die durch die Turnerei recht kräftig sind.“ Ihr Bruder Ingo kommentierte die kleine Schwäche zwar mit den Worten: „Machst Du schon schlapp?“, nahm die Schwester aber unter seine Fittiche und übte fleißig mit ihr.

2016 legte Leonie Baumeister ihre Gesellenprüfung ab und wurde aufgrund ihrer sehr guten Noten als Siegerin der Kammer Rhein-Neckar-Odenwald nominiert. Damit löste sie die Fahrkarte für den baden-württembergischen Landesleistungswettbewerb in Kehl. Er fand zeitgleich mit ihrem Verkaufsleiterinnenkurs statt, für den sie sich an der 1. Bayerischen Fleischerschule in Landshut (BFS) eingeschrieben hatte.

Trotz der Zweifachbelastung aus Weiterbildung und Wettbewerbsvorbereitung erkämpfte sie in Kehl nicht nur den ersten Platz, sondern schaffte mit Hannah Gehring, die bei den Verkäuferinnen gewann, einen weiblichen Doppelsieg. „Es war so cool, dass wir zwei Erste geworden sind“, freut sie sich auch noch zwei Jahre nach dem denkwürdigen Erfolg. Klar, dass die Frauen sich beim nachfolgenden Bundeswettbewerb in Freiburg besonders anstrengten und auch dort mit tollen Leistungen glänzten: Beide erreichten zweite Plätze, genossen den teamorientierten Wettkampf und stehen noch heute in engem Kontakt.

Berufung in die Nationalmannschaft

Etwa zeitgleich rief DFV-Vizepräsidentin Nora Seitz die Nationalmannschaft des Fleischerhandwerks ins Leben. „Ich kam als Teammitglied der ersten Stunde dazu“, erklärt Leonie Baumeister ihren nächsten Karrieresprung. Als erster Höhepunkt stand der Internationale Leistungswettbewerb im österreichischen Imst an – parallel zu ihrer mit Bravour fertiggestellten Abschlussarbeit für die Weiterbildung zur Betriebswirtin (Handwerk).

Danach kam Leonie Baumeister ein wenig zur Ruhe, belegte im vergangenen Jahr gemeinsam mit Hannah Gehring einen Kurs zur Ernährungsberaterin. Für 2018 hatte sie sich vorgenommen, den Jagdschein zu erwerben. „Das habe ich erst mal auf 2020 verschoben“, bekennt sie, bildet aber vorsorglich ihren Beagle Kalle aus. Er hat unter ihren Hobbys, zu denen sie auch Kochen und Backen zählt, die höchste Priorität.
Im elterlichen Betrieb ist sie heute meist im Laden, macht die Personalplanung für das 13-köpfige Thekenteam oder fährt mit dem Verkaufsmobil zu den Kunden. „Leonie hat ein sehr freundliches Wesen. Wenn sie verkauft, haben wir 300 bis 400 Euro mehr in der Kasse“, lobt ihr Vater. Mit einer selbst initiierten Facebook-Aktion beschrieb sie in diesem Jahr unter dem Motto ‚Ich suche Azubis‘ die positiven Seiten des Berufs mit ihren eigenen Worten. Und hatte damit Erfolg: „Meine Auszubildende ist 16, lernt im ersten Jahr und stellt sich bisher echt super an. Ich finde das gut, denn ich selbst habe es seinerzeit genossen, mein eigenes Geld zu verdienen und Verantwortung zu übernehmen. Irgendwann muss man das einfach tun.“

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