Karriere im Fleischerhandwerk Eine die macht, was sie will

Dienstag, 17. November 2020
Sympathisches Chef-Azubi-Gespann: Reinhold Monzel erkannte und förderte Michelle Zirras Talent und ihre Begeisterung für den Fleischerberuf schon sehr früh.
Foto: Monzel
Sympathisches Chef-Azubi-Gespann: Reinhold Monzel erkannte und förderte Michelle Zirras Talent und ihre Begeisterung für den Fleischerberuf schon sehr früh.

Ehrgeizig, selbstbewusst und spontan: Michelle Zirra ließ sich schon als Kind nicht von ihrem Berufswunsch abbringen. Jetzt lieferte sie in der Gesellenprüfung eine Eins ab und schließt gleich einen Meisterkurs an.
Menschen müssen das machen, was sie wollen. Und nicht das, was ihnen die Gesellschaft vorschreibt. Frauen können Maurer und Schornsteinfeger werden, aber auch Metzger!“ Michelle Zirra aus Nusbaum im Eifelkreis Bitburg-Prüm ist eine selbstbewusste und fröhliche junge Frau, die das Herz auf der Zunge trägt. Sie wusste schon sehr früh, dass ihr Lieblingsplatz in der Wurstküche ist.

Die heute 18-Jährige, die Mitte Juni sowohl im theoretischen als auch praktischen Teil ihrer Fleischergesellenprüfung eine Eins und damit als einzige Frau unter 15 Kandidaten das beste Ergebnis ablieferte, fand stets einen Weg, um in die Metzgerei Monzel im acht Kilometer von ihrem Heimatort entfernten Bollendorf zu kommen: Als Zwölfjährige nutzte sie die Mitfahrgelegenheit mit einem Nachbarn, mit 15 das eigene Moped oder – wenn sie ganz viel Zeit hatte – auch mal den Traktor aus dem landwirtschaftlichen Betrieb ihrer Eltern.

Talent erkannt – Begeisterung geschürt

Die Wurstküche zog sie einfach magisch an: In den Schulferien und an den Wochenenden half die quirlige junge Frau, die sich selbst als spontan und ehrgeizig beschreibt, Meister Reinhold Monzel beim Fleischzuschneiden und beim Wurstmachen. Ihr späterer Chef erkannte ihr Talent sofort. Er nahm Michelle überall mit hin – zum Mäster, zur Abholung der Schweine und sogar mit ins Schlachthaus. Damit fachte er ihre Begeisterung vorsichtig, aber ganz gezielt weiter an.

Und als 2017 die Berufswahl anstand, gab es für Michelle Zirra nur ein Ziel: eine Fleischerlehre. Anstatt Abitur zu machen, erwarb sie einen guten Hauptschulabschluss und startete gleich nach der Schule mit ihrer Ausbildung. „Meine Mama war anfangs gar nicht begeistert. Sie hatte Angst, dass ich mich in der Wurstküche erkälten könnte“, erzählt Zirra. Weil ihr Vater auch Metzger war und die hartnäckige Tochter von ihrem Wunschberuf nicht abzubringen war, gab die Mutter schließlich klein bei.

Von ihren Freunden bekam Michelle gemischte Kommentare zu hören. Während die einen beeindruckt quittierten: „Cool, geil – mach‘ das!“, schlossen die Spötter eine Wette ab, wie lange sie wohl bei der Stange bleiben würde. Als Zirra von den Spekulationen erfuhr, packte sie erst recht der Ehrgeiz: „Ich bin zugegebenermaßen eine echte Frostbeule. Alle erwarteten, dass ich schon im ersten Winter das Handtuch schmeiße. Aber von mir aus hätten es -30°C sein können. Ich wollte unbedingt durchhalten!“

Alle Fertigkeiten bis ins Detail vermittelt

Als Ausbilder kam für Michelle Zirra ohnehin nur Reinhold Monzel in Frage. „Ich hatte eine Ausbildung de luxe und ein Riesenglück, zu solch herzlichen Menschen zu kommen“, resümiert sie. „Wenn ich nicht in Bollendorf gelernt hätte, würde mir der Beruf nur halb so viel Spaß machen.“ Der 52-jährige Fleischermeister nimmt in seinem Vier-Mann-Betrieb stets nur einen Azubi unter seine Fittiche, bringt seinem Schützling aber alle Fertigkeiten bis ins Detail bei. „Vor mir waren drei robuste, harte Jungs hier. Gegen die war ich die Crème de la crème“, berichtet die junge Gesellin und verrät augenzwinkernd, dass sie ihren Frauenbonus ab und zu „gnadenlos ausgespielt und mit den Wimpern geklimpert“ habe. Den größten Spaß hatte das Chef-Azubi-Gespann beim Ausbeinen. Michelle inszenierte die Arbeit zeitweise als kleine Kochshow, daraus entwickelten sich spaßige Gespräche und zahlreiche „Running Gags“, die irgendwann im ganzen Dorf kursierten.

Die Ernsthaftigkeit der Ausbildung kam trotz der vergnüglichen Frotzeleien in der Wurstküche aber niemals zu kurz. Zirra: „Reinhold knüppelte bei der Vorbereitung auf die praktische Abschlussprüfung alles mit mir durch.“ Die theoretischen Kenntnisse paukte sie eine Woche lang allein, schrieb Karteikärtchen und ließ sich von ihrem Chef abfragen. Am Abend vor der Prüfung hatte sie das Gefühl, dass vom Geübten rein gar nichts hängengeblieben war. „Dann hab‘ ich das Buch wütend zugeklappt und mit meinen Freunden ein Bier getrunken.“ Als es am nächsten Tag darauf ankam, erlebte sie „das Gegenteil eines Blackouts“ und holte den „Highscore“.

Als sie am Prüfungstag nach Bollendorf zurückkehrte, kamen der sonst so taffen Michelle fast die Tränen: Ein mit einer rotkarierten Schürze „bekleideter“ Schrubber hing aus dem Fenster der Metzgerei und kündete von ihrem Coup. „Da wusste das ganze Dorf, dass das Lieschen es geschafft hat, denn ich war in den drei Jahren dort nie als Michelle, sondern immer nur als Lieschen bekannt.“ Überdies freute sie sich in den darauf folgenden Wochen über weitere persönliche Anerkennungen: einen Weiterbildungsgutschein, eine Urkunde, Glückwunschbriefe vom Landrat und vom Bundestagsabgeordneten Patrick Schnieder sowie Geschenke von Reinhold und Margit Monzel.

Stoff für die Meisterprüfung mit Motivation bewältigen

Derzeit treibt Zirra ihre Karriere beim Meisterkurs an der Frankfurter Fleischer-Fachschule J. A. Heyne in Weiterstadt voran. „Der Stoff ist recht anspruchsvoll, aber zu schaffen. Ich gehe mit viel Motivation dran, denn mich interessiert ja das, was ich hier lerne“, merkt sie an. Danach will sie noch ein paar Jahre in ihrem Lehrbetrieb arbeiten. „Mein Chef hat schon Angst davor, wenn ich zurückkomme“, stichelt die junge Frau und fügt verschmitzt hinzu: „Ich hab‘ ihm angedroht, dass er dann mal allein spülen und die Wurstküche putzen kann.“ 

In einem weiteren Karriereschritt will sie sich ein zweites Standbein aufbauen und sich zur Lebensmittelkontrolleurin ausbilden lassen. Zirra erklärt ganz realistisch: „Ich wiege weniger als eine Schweinehälfte. Deshalb brauche ich eine Alternative, wenn ich die ja doch recht schwere Arbeit körperlich nicht mehr schaffe oder in die Familienplanung einsteige.“ Derzeit steht aber der Beruf an erster Stelle, den übrigens auch ihr Freund, ein gelernter Metallbauer, sehr schätzt: „Er hat schließlich einen Vorteil davon. Wenn der nachts als Jäger ein Wildschwein schießt, weiß er genau, wer aufsteht und es ausbeint.“ Der Erwerb des Jagdscheins steht ebenfalls auf ihrer Agenda: „Aber erst kommt mal der ‚Hauptberuf‘ und dann die Hobbys“, sagt sie ernsthaft.

Das schlechte Image, unter dem die fleischerhandwerklichen Berufe leiden, ärgert Zirra sehr. Sie macht die sozialen Medien dafür verantwortlich, aber auch Ausbilder, die ihren Lehrauftrag nicht mit der nötigen Verantwortung ausfüllen. Und: Obwohl selbst Metzger, kolportierte ihr Vater stets: „Für den Beruf muss man groß, dumm und stark sein.“ Die Tochter entkräftete dieses Vorurteil sehr eindrucksvoll – nicht nur durch ihre vorzüglichen Prüfungsleistungen. Sie erklärte ihm auch, wie es heute im Fleischerhandwerk abläuft: „Man braucht Feingefühl – etwa im Partyservice und beim Kochen. Es ist Abwechslung pur und eine echte Herausforderung.“

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