Karriere im Fleischerhandwerk Einmal um die halbe Welt

Donnerstag, 06. September 2018
Das Know-how des deutschen Fleischerhandwerks nach Amerika bringen – das war das Ziel des jungen Metzgers. Nun lebt er seit vier Jahren in Kanada und eröffnet bald seine eigene Fleischerei.
Foto: Lehner
Das Know-how des deutschen Fleischerhandwerks nach Amerika bringen – das war das Ziel des jungen Metzgers. Nun lebt er seit vier Jahren in Kanada und eröffnet bald seine eigene Fleischerei.

Der Metzger Sebastian Lehner will das Fleischerhandwerk, wie man es in Deutschland kennt, nach Amerika bringen. Den Traumberuf im Lieblingsland ausüben – das ist dem Fleischer längst gelungen.

Ende diesen Jahres plant Lehner nun sein eigenes Fachgeschäft in Edmonton zu eröffnen. Nachdem der Münchner seinen Meister an der Bayerischen Fleischerschule Landshut gemacht hatte, verlies er seine Heimat. Der damals 21 Jahre junge Metzger wanderte nach Kanada aus. Vier Jahre später wagt er den Schritt in die Selbstständigkeit.

Wie kamen Sie auf die Idee auszuwandern?


Sebastian Lehner: Die Abenteuerlust spürte ich schon in jungen Jahren, und es war immer mein Traum, nach Amerika auszuwandern. Als ich dann meine Ausbildung und Meisterprüfung in Deutschland beendet hatte, habe ich den Schritt gewagt und bin als Metzgermeister im Mai 2015 ausgewandert.

Warum ist Kanada für Sie als junger Fleischer der richtige Ort?

Lehner: Kanada ist ein noch sehr junges Land. Ich fand, dass die Menschen dort noch sehr europäisch angehaucht sind, das ist anders als in den USA. Gerade der Osten Kanadas ist eher französisch. Mit den Jahren habe ich herausgefunden, dass die Kanadier Fleisch lieben. Wir haben eine der besten Viehzuchten der Welt, da hier so viel Platz ist und Rinder sowie Schweine nicht in engen Ställen gehalten werden müssen. Das merkt man auch! Die Tiere sind glücklich, die Fleischqualität ist gigantisch. Da steckt so viel Potenzial drin.

Was macht das Fleischerhandwerk in Deutschland aus?

Lehner: Das deutsche Fleischerhandwerk ist ganz klar: Qualität und System bei der Arbeit. Kanada hat dort Schwächen. Die Arbeitskräfte und das Know-how fehlen.

Lieben Kanadier deutsche Metzger?

Lehner: Der Verbraucher ist generell offen für Neues. Das macht es so attraktiv. Das Fleischerhandwerk ist hier für viele sogar ein Hobby. In Deutschland hatte ich immer mit Klischees zu kämpfen, aber in Kanada ist der Metzgerberuf noch eine coole Sache.

Ist die Fleischverarbeitung in Ihrer neuen Heimat anders?

Lehner: Natürlich wenden wir nicht den DFV-Schnitt an. Wir haben es mit North American Cuts zu tun. Das will gelernt sein. Ich musste mir das Zerlegen also erst neu aneignen. Sicher sind einige Techniken sehr ähnlich und fallen deshalb leichter. Kanadier sägen Vieles in Stücke und Hälften. Wo in Deutschland ausgebeint wird, lässt man hier den Knochen drin. Aber nach ein paar Monaten hat man das auch raus.

Verhalten sich die Kunden dort anders als deutsche?

Lehner: Kanadische Kunden lieben Fleisch, vor allem Steaks. Da wird dann auch nicht gespart. In Deutschland ist mir dagegen aufgefallen, dass Kunden eher versuchen, ein Schnäppchen abzugreifen. Die Kanadier nehmen auch gern etwas Neues an. Die gute deutsche Bratwurst wird besonders geschätzt.

Essen die Kanadier mehr oder weniger Fleisch als Deutsche?

Lehner: Die meisten Menschen hier konsumieren täglich Fleisch. Ich habe damals gemerkt, dass der Fleischverzehr in Deutschland – auch durch den Vegan-Trend – allmählich zurückgeht. Wir haben diese Entwicklung zwar hier auch, aber dennoch ist es die absolute Ausnahme. Alberta Beef ist preisgekrönt in den USA und Kanada – und das lassen sich die Leute hier auch nicht nehmen.

Wie ist in Kanada der Wettbewerb zwischen Fachgeschäft und Supermarkt?

Lehner: Wir haben hier einen Punkt erreicht, an dem Supermärkte den Markt komplett übernommen haben. Das befeuert den Trend, ein kleines lokales Geschäft aufzusuchen. Leider gibt es nur wenige davon. Metzgereien kann man an einer Hand abzählen. Aber wenn es sie gibt, sind sie voll und boomen. Es geht also bergab mit Großkonzernen in Kanada.

Ist das Lebensgefühl dort ein anderes?

Lehner: Absolut! Kanada ist im Gesamten ein eher verschlafenes Land, wo jeder seine eigene Ruhe mitbringt. Da fährt man dann auch gerne mal 1.000 km am Wochenende nur zum Fischen und Campen. Kanadier lieben Camping, BBQ und Lagerfeuer, und das wird auch gerne mal zum Sommer-Hobby. Der Winter jedoch ist sehr lang, kalt und gewöhnungsbedürftig. Wer also keinen Schnee mag, ist hier verkehrt.

Welches Ziel haben Sie sich beruflich für die nächsten fünf Jahre vorgenommen?

Lehner: Im Moment habe ich das Bild vom eigenen Geschäft vor Augen, das ich in Edmonton, Alberta, eröffnen werde. Ich möchte jedoch aus dem Ganzen ein Franchise machen, sodass wir tolle Produkte durchs ganze Land bringen. Das wäre mein Traum. Deutsche Metzgerei à la Starbucks!

Was würden Sie anderen Kollegen mit auf den Weg geben, die von Kanada träumen?

Lehner: Nur Mut, das Land ist toll! Bring etwas Geduld mit, dann geht alles von allein. Probleme lauern ganz klar bei der Einwanderungsbehörde. Die arbeitet einfach sehr ineffizient und hat noch nicht verstanden, wie wichtig europäische Fachkräfte sind. Klar, es ist nicht einfach, alles Gewohnte zurückzulassen und sich ins Unbekannte zu stürzen. Dabei finde ich es toll, dass die afz junge Leute unterstützt – auch diejenigen, die so einen Schritt wagen. Ich wünsche all denen viel Glück, die sich trauen.

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