Karriere im Fleischerhandwerk In der Welt unterwegs

Montag, 27. Januar 2020
Kreativ, flexibel und vielseitig interessiert: Die 25-jährige Victoria Blüm arbeitet derzeit als Fleischergesellin im elterlichen Betrieb.
Foto: Blüm
Kreativ, flexibel und vielseitig interessiert: Die 25-jährige Victoria Blüm arbeitet derzeit als Fleischergesellin im elterlichen Betrieb.

Victoria Blüm aus dem südhessischen Lampertheim hat viele Länder bereist und verfügt mit Ernährung, Politik, Geschichte und Sport über ein breit angelegtes Interessenspektrum. Seit Kurzem lebt sie ihre Kreativität als Fleischergesellin im elterlichen Betrieb aus.

Geografie, Ernährungspolitik, Sportgeschichte, Fleischerhandwerk: Victoria Blüm aus dem südhessischen Lampertheim ist eine junge Frau mit einem breit gefächerten Interessenspektrum. Da ist es kein Wunder, dass es ihr, wie sie selbst sagt, „weder an Ideen noch an Kreativität fehlt“.

Die 25-Jährige stammt aus einer Fleischerfamilie, ihre Eltern Paul Blüm (59) und Anette Hübner-Blüm (56) führen das Fachgeschäft in der Emilienstraße in der siebten Generation. Victoria kocht seit Kindertagen leidenschaftlich gern und interessierte sich schon immer für Ernährung. Ihre ausgeprägte Reiselust und große Neugier auf fremde Länder und Kulturen befeuerten zunächst ihre Eltern, indem sie mit ihrer einzigen Tochter während der Betriebsferien immer wieder verreisten.

Als Victoria 15 Jahre alt war, animierte ihre Grundschullehrerin sie zu einem sechswöchigen Austausch im australischen Toowoomba nahe Brisbane. Ein Jahr später zog es den Teenager in den Norden: Der von ihr favorisierte einjährige Aufenthalt in Schweden, Island oder Norwegen zerschlug sich zwar aus Mangel an verfügbaren Plätzen. Kein Problem für die flexible Victoria: Sie ging stattdessen nach Finnland. Mit 18 Jahren realisierte sie einen sechswöchigen Kurzzeitaustausch in Indien mit Unterstützung von Rotary International. Die Organisation, der auch ihr Vater angehört, betreibt eines der größten nichtkommerziellen Austauschprogramme für junge Leute.

Von Heidelberg über Großbritannien nach Südamerika

Nach dem Abitur am Lampertheimer Lessing-Gymnasium begann sie 2013 ein Geografie-Studium in Heidelberg. Auf die Frage, wie sie zu diesem Fach kam, antwortet sie: „Der spannende Unterricht in der Oberstufe hat mir darauf Appetit gemacht.“ Ein Auslandssemester verbrachte sie in Großbritannien, machte dann ein Praktikum beim Deutschen Fleischer-Verband (DFV) in Frankfurt am Main und schrieb darauf aufbauend 2016 ihre Bachelorarbeit. Unmittelbar nach deren Fertigstellung und Abgabe reiste sie für drei Wochen zu den Olympischen Spielen nach Rio de Janeiro.

„Ich hatte mich schon anderthalb Jahre vorher als Volunteer beworben“, erinnert sie sich. Ihre Aufgaben im Leichtathletikstadion: Austausch der Startnummern und der Transponder bei Mittelstreckenläufern und der 4-Mal-100-Meter-Staffel – sogar beim jamaikanischen Superstar Usain Bolt.

Zurück aus Südamerika zog es sie ins walisische Cardiff. Sie schrieb sich für den ernährungspolitischen Studiengang „Food Politics and Sustainability“ ein. „Masterstudiengänge dauern in Großbritannien in der Regel ein Jahr – ohne Pause“, berichtet Blüm. In diese kurze Zeit wird dann auch noch die Masterarbeit hineingepresst, bei der sie sich auf die Ernährungsbranche aus politisch-soziologisch-geografischer Sicht fokussierte. Das exakte Thema hieß: „Verlust und Verschwendung von Schweinefleisch während Schlachtung und Produktion.“ Durch Befragungen in verschiedenen Unternehmen fand sie heraus, wie und wo Schlachtkörper und Teilstücke am effektivsten verwertet werden.

Inspirierende Zusammenkunft mit Karl-Ludwig Schweisfurth

Bei den Recherchen für ihre Arbeit lernte Blüm Karl-Ludwig Schweisfurth kennen. Das Treffen entfachte in ihr den Wunsch, eine Fleischerlehre zu beginnen. „Immerhin hatte ich in vier Jahren das Bachelor- und Masterstudium durchgezogen – für deutsche Verhältnisse also in Rekordzeit“, fand sie. Auch von den Eltern kamen ermunternde Worte und der nötige Rückhalt für diese Entscheidung. Die Herrmannsdorfer Landwerkstätten in Glonn waren nach der Begegnung mit Schweisfurth zwar Victorias Wunsch-Ausbildungsbetrieb, in dem sie sich das klassische Handwerk aneignen wollte. Weil die Lehrstellen allesamt besetzt waren, bewarb sie sich bei Simsseer Weidefleisch.

Die kleine Genossenschaft im bayerischen Stephanskirchen schlachtet noch selbst und verarbeitet Warmfleisch. Weil ihr Studium erst im September 2017 offiziell endete, begann sie die Ausbildung mit einem Monat Verspätung, verkürzte sie auf zwei Jahre, schloss als Beste der Innung Rosenheim ab und heimste mit einer glatten Eins einen Staatspreis ein.

Nebenbei betrieb sie ein Fernstudium der Sportgeschichte an der Universität Leicester. Blüm gibt zu: „Das Fach habe ich mehr oder weniger aus Jux und Dollerei belegt, weil es mich neben Ernährungspolitik sehr interessiert und ich früher Fußball und Tennis gespielt habe.“ Mitte vergangenen Jahres kehrte die junge Fleischergesellin nach fast zehn Jahren Unabhängigkeit und Freiheit in den „Heimathafen“ Lampertheim zurück, bezog eine eigene Wohnung und arbeitet seit 1. August im elterlichen Betrieb.
„Im Betrieb tobe ich mich aus, stehe die meiste Zeit am Kutter und bringe frischen Wind in die Wurstküche.“
Victoria Blüm
„Hier tobe ich mich aus, stehe die meiste Zeit am Kutter und bringe frischen Wind in die Wurstküche.“ Dort unterstützt sie die beiden fest angestellten Metzger und ihren Vater, der sich jetzt stärker auf Verkauf und Büroarbeiten konzentriert. „Momentan macht mir das alles sehr viel Spaß, weil ich meine Kreativität ausleben kann“, sagt sie, sprüht vor Ideen und ergänzte als erstes das Grillsortiment. Der Mojito-Bratwurst mit Limette, Rum, Minze und Rohrzucker als Zutaten folgte die Kürbis-Variante und zu Halloween die Bloody-Mary-Bratwurst mit den passenden Ingredienzien: Tomaten, Wodka, Tabasco und Worcestersauce.

Als passionierter Rugby-Fan kreierte sie anlässlich der letztjährigen Weltmeisterschaft in Japan Bratwurstsorten für die einzelnen Teilnehmerländer: „Waliser Drachenwurst“ mit Lauch und Chili, Guinness-Bratwurst für die Iren, eine mit Sepia-Tinte geschwärzte Wurst auf Lammfleischbasis in Anlehnung an die neuseeländischen „All Blacks“ und für den Gastgeber eine Variante mit Wasabi und Sushi-Ingwer.

Neu in der Theke des Fachgeschäfts sind seit Kurzem auch Victorias hausgemachte Chorizo sowie Knoblauchringe. Die 25-Jährige berichtet: „Erst letzte Woche hörte ich das Gespräch zweier Kunden mit. Der eine sagte zum anderen: ‚Die Chorizo ist ja mittlerweile ein Klassiker.‘“ Fürs Fleischerhandwerk spricht nach Blüms Meinung vieles: Abwechslung, Kreativität und Vielfalt: „Was Eismacher mit verrückten Sorten oder Konditoren mit tollen Torten machen, können wir Metzger auch.“

Baumsetzlinge bei „Fleischworschd for Future“

Mit Aktionen erregt die junge Gesellin ebenfalls Aufmerksamkeit: Bei einem witzigen Gespräch mit dem Verkaufsteam ergab ein Wort das andere, und die „Fleischworschd for Future“ war geboren. Blüm erklärt das Procedere: „Wenn ein Kunde einen Kringel Fleischwurst kauft, spenden wir einen Baumsetzling für den Lampertheimer Forst.“ Mit der Forstverwaltung hat sie bereits abgestimmt, dass die Pflanzaktion im Frühjahr mit einem Pressetermin gekoppelt wird.

„Wir helfen lieber direkt in unserer Region statt ‚Jottwede‘“, bekräftigt sie. „Kinder gehen ohne Frühstück in den Kindergarten oder in die Schule. Sie haben oft keine Beziehung mehr zu ihrem Essen.“ Ihr im Studium erworbenes Wissen würde sie daher sehr gern an Kinder und Jugendliche weitergeben: Für dieses Jahr plant sie Kochkurse an der Volkshochschule, um es zu vermitteln – auch wenn sie die Gefahr sieht, dass nur diejenigen angemeldet werden, die solche Kenntnisse gar nicht brauchen.

Obwohl sie sich grundsätzlich nicht als Weltverbesserin versteht, beschäftigt die junge Frau sich intensiv mit der Frage: „Wie können wir die gesamte Welt gut ernähren und Lebensmittelverschwendung vermeiden?“ Die Idee der Ernährungsräte, wie sie sich in Kanada, den Vereinigten Staaten und Großbritannien etabliert haben, findet ihren vollen Zuspruch. „In diesem Bereich hätte ich gern gearbeitet – aber wegen des Brexits weder in Großbritannien noch in Amerika wegen Trump.“

In Victoria Blüms Lebensplanung ist fast nichts ausgeschlossen. „Ich schaue mir die Arbeit im Betrieb jetzt erst mal zwei bis drei Jahre lang an, will mich zum Meister und zum Fleischsommelier weiterbilden. Dann überlege ich mir, ob ich langfristig hier weitermache oder mich für einen spannenden Job in der freien Wirtschaft entscheide.“ 

Weblink zur Metzgerei Blüm

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