Karriere im Fleischerhandwerk Metzger und Gute-Laune-Bringer

Freitag, 12. Februar 2021
Merih Yemane und Alexander Kidane (rechts im Bild), mit Ines und Alexander Orschler (links) und das restliche Team der Metzgerei Orschler sind eine starke Truppe – bei der Arbeit und in der Freizeit.
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Merih Yemane und Alexander Kidane (rechts im Bild), mit Ines und Alexander Orschler (links) und das restliche Team der Metzgerei Orschler sind eine starke Truppe – bei der Arbeit und in der Freizeit.

Merih Yemane und Alexander Kidane stammen aus Eritrea. Nach der Flucht haben beide ihre berufliche Heimat als Metzger bei der Familie Orschler in Aschaffenburg gefunden.
Ich kann alles, außer Ausbeinen. Am liebsten mache ich das Sortieren von Verarbeitungsfleisch, das Füllen und Räuchern. Und das Kuttern lerne ich als nächstes.“ So bringt Merih Yemane sein fachliches Können auf den Punkt. Der 28-Jährige hat zwar nie eine Metzgerausbildung absolviert, ersetzt aber bei der Wurstherstellung einen Gesellen. Zusammen mit Alexander Kidane (27) arbeitet der Flüchtling aus Eritrea als Betriebshelfer in der Aschaffenburger Metzgerei; zwei weitere Mitarbeiterinnen stammen ebenfalls aus Afrika.
„Bei gleicher Qualifikation hätte der Eindruck entschieden, nicht aber Nationalität oder Hautfarbe.“
Ines Orschler
Ines Orschler, die Chefin der gleichnamigen Metzgerei, berichtet, wie es zur Einstellung der Migranten kam: „Da arbeitete schon die Tante von Merih bei uns in der Küche. Die brachte eines Tages die Empfehlung für ihren Neffen, der damals in Dessau im Flüchtlingslager lebte.“ Über die Motivation ihres Ehemanns Alexander und ihre eigene sagt sie: „Wir sind das ganz nüchtern angegangen. Ob die Bewerber Deutsche oder Afrikaner sind, schwarz oder weiß waren, war uns einfach egal. Unsere Motivation war es nicht, zwei Geflüchteten zu helfen, sondern unsere Arbeitsplätze mit zuverlässigen Kräften zu besetzen.“ Auf die zugespitzte Frage „Hätten Sie einem gleich qualifizierten Deutschen den Vorzug gegeben?“ bleibt Ines Orschler die nüchterne Geschäftsfrau und antwortet: „Bei gleicher Qualifikation hätte der Eindruck entschieden, den mein Mann und ich vom Bewerber haben. Nicht entschieden hätten aber Nationalität oder Hautfarbe.“

Dass die Orschlers nicht nur Arbeitsplätze boten, sondern auch Wohnraum vermieten, war ein entscheidender Pluspunkt. Die beiden Mitarbeiter teilen sich seither eine Wohnung im Wohn- und Geschäftshaus an der Aschaffstraße – und das „zu einem sehr günstigen Preis“, wie Merih Yemane lobt.

Bei der Einstellung wurde der gesetzliche Mindestlohn vereinbart. Ines Orschler: „Wir wussten von Anfang an, dass das Erklären vielleicht ein paar Worte mehr braucht als bei jemanden, der Deutsch als Muttersprache spricht. Das war einkalkuliert. Und wir wollten auch mit einem Lohn starten, bei dem es noch Luft nach oben gibt.“ Heute sagt sie: „Das haben wir damals richtig gemacht. Die beiden haben handwerkliches Geschick und stellen sich bei ganz verschiedenen Arbeiten gut an.“ Vor allem lobt sie die beiden Produktionshelfer aber als Gute-Laune-Bringer, die „immer fröhlich sind und lachen, nie miesepetrig wirken und nie ein böses Wort verlieren“.
Metzgerei Metzler - Waka Bass
(Bild: Julia Freyda)

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Zum Lachen hatten die Männer aus dem südostafrikanischen Unrechtsstaat Eritrea bisher nicht viel. Ihre Lebensgeschichten ähneln sich. Merih Yemane musste nach der Schule zum Militär und auch nach der zweijährigen Wehrdienstzeit bei der Armee bleiben. Er erzählt: „Ich durfte nicht zu meiner Familie, bekam keinen Tag Urlaub, hatte keine Rechte.“

Dann die Flucht im Jahr 2014: „Ich flüchtete zu Fuß, nachts bin ich gelaufen, tagsüber habe ich mich versteckt. So kam ich nach vier Tagen in einem Flüchtlingscamp im Sudan an.“ Nach sechs Monaten bot sich eine Chance, nach Libyen zu gelangen. Auf dem Mittelmeer wurde sein nicht hochseetüchtiges Boot von einem Rettungsschiff aufgestöbert. Nach fast einem Jahr Flucht bekam Yemane im italienischen Lampedusa ausreichend Essen und Medikamente. Sein Ziel hieß Deutschland – und das erreichte er schließlich nach zahlreichen Hindernissen. Die ersten Stationen im neuen Heimatland waren Flüchtlingscamps und ein Kirchenasyl. Nach dieser Odyssee waren schließlich Arbeitserlaubnis, Arbeitsplatz und Wohnung bei der Metzgerei Orschler ein willkommener Start.

Ob Ines Orschler anderen Metzgereien grundsätzlich die Einstellung von Geflüchteten empfehlen würde? Nein, das würde sie nicht – man müsse sich schon jeden Bewerber offen und ohne Vorurteile anschauen. Es dürfe auch keinen mildtätigen „Flüchtlings-Bonus“ geben. Allerdings sei die Motivation zur Arbeit und zur Leistung bei Geflüchteten eine andere: „Sie wollen arbeiten, Geld verdienen und einen großen Teil davon zu ihren Familien nach Hause schicken. So entstehen ein starkes Interesse und ein wichtiger Antrieb. Eine solche positive Einstellung zur Arbeit kommt dem Betrieb natürlich zugute.“

Die Orschlers tun viel für die Weiterbildung und die gute Stimmung im Betrieb und arbeiten mit der MHG Beratung und Marketing GmbH Regiowelt zusammen. Im letzten Sommer verknüpften sie ein internes Seminar mit einem Nachmittag auf einem Minigolfplatz. Wer dieses gute Miteinander eines Teams in der Freizeit beobachtete, stellt keine Fragen mehr zu Integration. Weil es Chefin und Chef vormachen, lassen sich alle Kollegen auf das Neue und bisher Fremde ein. Ines Orschler: „Unsere deutschen Mitarbeiter spüren, dass sie von fremden Kulturen etwas lernen können. Die fragen dann auch mal: „Wie kocht man bei Euch zuhause?“
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