Karriere im Fleischerhandwerk Mit viel Spaß an der „Front“

Freitag, 05. Februar 2021
 Von der Fachverkäuferin zur Sommelière: Fleischermeisterin Alisa Schill geht in ihrem Beruf auf.
Foto: privat
Von der Fachverkäuferin zur Sommelière: Fleischermeisterin Alisa Schill geht in ihrem Beruf auf.

Verkäuferin, Meisterin, Fleisch-Sommelière: Die Laufbahn von Alisa Schill aus Görwihl ist noch nicht zu Ende. Die taffe 30-Jährige führt mit ihrem Mann den elterlichen Betrieb und peilt als nächstes den Jagdschein an.
Bei Alisa Schill, geborene Kaiser, lief die Phase der Berufsfindung ähnlich ab wie bei vielen Jugendlichen mit familiärem, fleischerhandwerklichen Background: Sie wuchs im elterlichen Betrieb in Görwihl auf, einer kleinen Gemeinde im Landkreis Waldshut. „Schon als Kind war ich mit im Schlachthaus, habe die Vorgänge dort aber nie als Trauma erlebt“, resümiert die heute 30-Jährige.
Nothwang - Ausbildung
(Bild: Nothwang)

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Karriere im Fleischerhandwerk Ausbildung mit Zertifikat

Obwohl bei ihr nie andere Zukunftspläne konkret wurden, schaute sich Alisa Schill weitere Berufsbilder an. Sie machte ein Praktikum als Zahnarzthelferin, schnupperte in die Hotellerie, die Gastronomie und den Einzelhandel. Diese Vergleiche hielten dem Fleischerhandwerk nicht stand. „Irgendwann kam ich nach Hause und sagte zu Mama: Nach meinem Hauptschulabschluss will ich das machen, was Du auch tust. Mir macht es Spaß und ich weiß, um was es geht.“ Ihre Mutter geriet aus dem Häuschen und kommentierte die Idee ihrer damals 16-jährigen Tochter mit den Worten: „Bist Du verrückt?“ Gabriele Kaiser, selbst Fleischermeisterin, wollte sie damit keineswegs von ihrem Wunsch abbringen, hatte allerdings überhaupt nicht damit gerechnet. Sie willigte zwar sofort erfreut ein, riet aber von einer Ausbildung im eigenen Familienbetrieb ab.

Blick über den Tellerrand

Das hatte zwei Gründe, berichtet Alisa Schill: Zum einen gab es während ihrer Pubertät immer wieder die unvermeidlichen Mutter-Tochter-Reibereien, zum anderen vertrat Gabi Kaiser den Standpunkt, dass ein Blick über den Tellerrand nie schadet. Weil die 60-Jährige über gute Kontakte zum renommierten Freiburger Ausbildungsbetrieb Müller-Herkommer verfügte, vermittelte sie Alisa zunächst ein Praktikum und eine Lehrstelle, die der Teenager 2007 antrat.

„Mit 16 bin ich nach Freiburg in ein kleines WG-Zimmer gezogen“, sagt Schill. Zum Wäsche Waschen, Einkaufen und Kochen war sie von der Mutter zu Hause, wo sie mit ihrem älteren Bruder Tobias und der jüngeren Schwester Jana aufwuchs, schon früh herangezogen worden. Lediglich die Organisation ihre Alltags stellte sie anfangs vor kleinere Hürden. Je länger sie auf sich selbst gestellt war, umso besser klappte es. Während sie anfangs noch fast täglich mit der Mutter telefonierte und heute mutmaßt, dass diese während ihres vielen Geplappers dabei regelmäßig eingeschlafen sein dürfte, wurde es für die Auszubildende immer aufregender, allein in der Stadt zu sein. Am Samstagnachmittag pendelte sie nach Ladenschluss mit dem Zug nach Hause und kehrte nach ihrem freien Montag abends wieder nach Freiburg zurück.

Viele Tipps verinnerlicht

Bei Müller-Herkommer stand Schill während ihrer dreijährigen Ausbildung zur Fleischerei-Fachverkäuferin unter der Ägide von Elisabeth Pfeffer. Der Erstverkäuferin oblag – neben der Chefin des Hauses – die Betreuung der drei Verkaufsazubis, je einer in jedem Lehrjahr. Alisa Schill: „Frau Pfeffer war erste Ansprechpartnerin für die Lehrlinge und hatte alles im Blick. Sie war zwar streng, hat mich aber auch sehr geprägt.“ Viele Dinge, die Pfeffer ihrem Schützling seinerzeit vermittelte, setzt die junge Frau auch heute noch um. Zum Beispiel, das Abschneiden der Wurstzipfel, wenn die Theke eingeräumt wird. Oder das unnötige Wege sparende „Nie leer laufen“, wenn man etwas in den Keller bringen muss. Mit gerade mal 20 beendete sie ihre Ausbildung mit einem Notenschnitt von 1,1 und krönte das Ganze mit dem Innungssieg und einem zweiten Platz beim Landesleistungswettbewerb.

Schwerpunkt im Verkauf

Ein Kontrastprogramm erwartete Alisa Schill danach in der Elzacher Metzgerei Gustav Winterhalter. Zwei Jahre lang arbeitete sie in deren Freiburger und Waldkircher Filialen: „Während ich bei Müller-Herkommer in alle Arbeitsschritte eingebunden war, küchenfertige Erzeugnisse und Salate herstellte und Produkte für den Partyservice vorrichtete, konzentrierte ich mich ausschließlich auf den Verkauf.“ Ihr Fazit: „Wahrscheinlich wäre ich noch länger in Elzach geblieben, aber die Liebe kam dazwischen.“ Sie heiratete im Mai 2012 ihren Mann Marco, der bei Winterhalter als Fleischergeselle in der Produktion arbeitete. Das junge Paar entschied – auch weil Schills Mutter zu Hause in der Görwihler Metzgerei um Unterstützung bat – in den Süden umzuziehen. Wenige Monate später übernahmen die Beiden das Fachgeschäft ganz offiziell.

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Karriere Jede Menge Möglichkeiten

„Wir haben gleich damit begonnen, unseren Stil und unsere Vorstellungen einzubringen“, erinnert sich Alisa Schill. Das ohnehin starke Wochenmarktgeschäft entwickelten sie weiter, bewarben sich erfolgreich um weitere Standplätze, verdoppelten die Anzahl ihrer Verkaufswagen von ehemals zwei auf vier und gaben den stationären Verkauf Anfang dieses Jahres komplett auf. Marco Schills Steckenpferd, die Konservenproduktion, spielt eine immer wichtigere Rolle. Mittlerweile ist das Sortiment neben Wurstdosen auf rund 25 küchenfertige Gerichte gewachsen. Darunter sind auch Spezialitäten wie Ochsenbäckchen, Rinderzunge, Rehkeule oder andere Leckereien, die es nicht überall gibt.

Perfekte Ergänzung zum Meister

Den jungen Leute war bald klar, dass einer von beiden die Meisterprüfung machen sollte. „Mein Mann, ohnehin nicht der begeisterte Theoretiker, ließ mir gleich den Vortritt, bot aber auch seine uneingeschränkte Unterstützung für die Praxis an“, sagt Alisa Schill. Ihr Versuch, den Meisterbrief nach einem Teilzeitkurs an der Gertrud-Luckner-Gewerbeschule abzulegen, scheiterte. Die neben der täglichen Arbeit zwei Mal pro Woche anstehende Pendelei nach Freiburg verlangte ihr zu viel ab. Im Januar 2014 meldete sie sich bei Heyne in Frankfurt für einen dreimonatigen Kurs an. Damals war sie bereits mit Sohn Marvin schwanger, der im Mai zur Welt kam. „Das Ausbeinen und die Wurstproduktion fielen mir deshalb rein kräftemäßig recht schwer“, gibt sie zu und einigte sich mit der Schule darauf, den praktischen Teil im Folgejahr nachzuholen. Dank der Unterstützung von zu Hause, auch durch ihren Gesellen Stefan Kaiser, schaffte Schill einen Notenschnitt von 2,2 und war damit „super zufrieden“.

Als sie 2020 erneut Lust auf weiteres Wissen verspürte, schob sie die Fleischsommelier-Ausbildung bei Heyne hinterher. „In den zwei Wochen habe ich sehr viel gelernt. Es hat einen Riesenspaß gemacht und ist die perfekte Ergänzung und das i-Tüpfelchen für einen Fleischermeister“, findet sie und peilt als nächstes den Erwerb des Jagdscheins sowie den Wurst- und Schinkensommelier an.

Dass es mit dem Image des Fleischerhandwerks nicht zum Besten bestellt ist, weiß Alisa Schill. Sie registriert aber, dass es „in die andere Richtung geht“. Das beweist ihr der Verein „Wir sind anders“. „Die dortige Mitgliedschaft bereichert mich sehr, weil wir eine bunte Truppe sind, in der sich jeder Menschentyp wiederfindet.“

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