Karriere im Fleischerhandwerk Multikulti auf engstem Raum

Donnerstag, 16. Mai 2019
Packt gern mit an: Junghye Moon ist seit September 2018 Fleischer-Azubi in der Metzgerei Föhrenbacher in Kirchzarten.
Foto: mkt
Packt gern mit an: Junghye Moon ist seit September 2018 Fleischer-Azubi in der Metzgerei Föhrenbacher in Kirchzarten.

Der Umgang mit Menschen aus aller Welt erweitert den Horizont. Das ist die Devise von Fleischermeister Siegfried Föhrenbacher. Seit September 2018 bildet er eine junge Südkoreanerin aus.
von Kurt Meier

„Wir sind ziemlich international aufgestellt“, erläutert Fleischermeister Siegfried Föhrenbacher. 16 Vollzeitkräfte in Produktion und Verkauf beschäftigt der Betrieb im südbadischen Kirchzarten nahe Freiburg. Dazu kommen acht Teilzeit- und je nach Saison noch zehn bis 15 Aushilfskräfte.

Besonderen Wert legt Föhrenbacher, der Lehrlingswart der Innung Freiburg ist, auf eine fundierte Ausbildung. Zwei junge Leute erlernen derzeit bei ihm den Beruf der Fachverkäuferin und drei den des Fleischers. Eine der Fleischer-Azubis ist Junghye Moon. Die 23-Jährige stammt aus Seoul in Südkorea. 

Wie kommt eine junge Frau aus der Millionenmetropole ins beschauliche Kirchzarten? Und warum will sie Fleischerin werden? Einfache Antwort: Ihre Eltern betreiben in Seoul eine Fleischerei, und in Südkorea gibt es keine fundierte handwerkliche Fleischerausbildung – schon gar nicht für Frauen. Also reiste Moon nach Deutschland. Sie lebte schon einige Monate in Deutschland um die Sprache zu lernen, als sie online entdeckte, dass die Föhrenbachers Nachwuchskräfte suchen. „Sie bewarb sich und wir haben sie zum Praktikum eingeladen“, berichtet Meister Föhrenbacher. „Dass sie extra aus Essen anreiste, hat mich beeindruckt.“

Im Praktikum bewies die junge Frau, dass es ihr mit ihrem Berufswunsch ernst war. Am 1. September 2018 startete Junghye Moon ihre Lehre. Ihr Chef hatte eine Menge Papierkrieg zu bewältigen, bis es endlich losgehen konnte. Föhrenbacher: „Für Nicht-EU-Bürger sind die bürokratischen Hürden besonders hoch.“ Doch mit der tatkräftigen Hilfe der Handwerkskammer Freiburg bewältigte er sie. „Wir verfügen aber auch selbst über genügend Erfahrung“, sagt er. Denn in Föhrenbachers Betrieb arbeiten Menschen unterschiedlicher Nationalitäten. „Wir haben Multikulti auf engstem Raum. Unsere Mitarbeiter kommen aus Mazedonien, Peru, Kroatien und mehreren afrikanischen Ländern, unsere Köchin sogar aus China“, zählt der Chef auf. „Das Positive ist, dass der Umgang mit Menschen aus aller Welt den eigenen Horizont erweitert.“
„Unsere Azubis sind keine billigen Putzkräfte. Aber Hygiene gehört zur Ausbildung dazu.“
Siegfried Föhrenbacher
Zeitgleich mit der Südkoreanerin begann ein junger Mann aus Nigeria seine Fleischerlehre. Er kam als Flüchtling nach Deutschland. Die verschiedenen Mentalitäten unter einen Hut zu bringen, ist nicht immer leicht, räumt Föhrenbacher ein. „Man muss sich schon stark engagieren“, gibt er mit Blick auf die Nachwuchsproblematik im Lebensmittelhandwerk zu. Als Hauptproblem nennt er die deutsche Sprache. Für die Föhrenbachers ist es selbstverständlich, auch hier zu helfen. Sie bezahlen Sprachkurse für ihren Nachwuchs.

Auch wenn Junghye Moon von sich behauptet, die deutsche Sprache schlecht zu beherrschen, ist eine Unterhaltung problemlos möglich. Mit ihren Kollegen in der Produktion versteht sie sich sehr gut. „Sie ist überaus zuverlässig“, lobt ihr Ausbilder. Der Beruf mache ihr trotz der großen körperlichen Anstrengung großen Spaß. Derzeit steht sie am Zerlegetisch und übt Fleischzuschnitte. Zu ihren täglichen Arbeiten gehören auch das Verpacken von Waren und Reinigungsarbeiten. Föhrenbacher betont: „Unsere Lehrlinge sind keine billigen Putzkräfte, aber Hygiene gehört einfach zur Grundausbildung in unserem Beruf dazu.“

Die koreanische Küche unterscheidet sich zwar von der deutschen vor allem bei Gewürzen und Geschmacksrichtungen. Auch die Zubereitung von Speisen ist eine andere. Aber die Grundlagen seien weitgehend dieselben, sagt Junghye Moon. So vielseitig wie hierzulande ist das Angebot an frischem Fleisch und Fleischwaren in ihrer Heimat nicht. Ihre Ausbildung will sie so erfolgreich wie möglich beenden, um anschließend die Meisterschule zu besuchen. Für die Zeit danach hat sie noch kein konkretes Ziel. Ob sie in den elterlichen Betrieb in Seoul einsteigen wird, ist noch fraglich.

Bei den Föhrenbachers wird die junge Südkoreanerin mit der großen Vielfalt des deutschen Fleischerhandwerks vertraut gemacht. Denn in Kirchzarten wird fast alles selbst produziert, außerdem beliefert der Betrieb Kollegen und ist aktiv in Partyservice und Catering. Das Schlachtvieh stammt von persönlich bekannten Lieferanten aus dem benachbarten Dreisam- und Hexental. Geflügel beziehen sie aus dem Elsaß.

„Unser Cousin hat eine eigene Jagd. Er und örtliche Jäger versorgen uns mit frischem Wild“, fügt Föhrenbacher hinzu. Fast ganzjährig fertigt das Produktionsteam typische regionale Wildspezialitäten, die die Kunden sehr schätzen. Für die Azubis bedeutet das, dass sie umfassende handwerkliche Erfahrungen sammeln. Mit großem Erfolg: 2013 wurde Martin Dilger Bundessieger der Fleischergesellen.

Für Siegfried Föhrenbacher ist die Ausbildungsqualität das Plus im Vergleich zu anderen Lehrberufen, etwa in der Industrie. Damit sollte das Fleischerhandwerk offensiver werben, findet er. Denn: „In welcher anderen Berufsausbildung wird eine solche Vielfalt vermittelt?“
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